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Rotel Tours Nie mehr oder immer wieder

Seit fast 50 Jahren gehen die Schlafbusse von Rotel Tours auf große Reise. Dennoch sind sie bis auf den heutigen Tag ganz jung geblieben.

Petra Becker* lebt mitten in Düsseldorf, im fünften Stock eines Mietshauses, und stellte irgendwann fest, dass sie mit ihrem Auto in 13 Jahren ganze 16.000 Kilometer gefahren war. „Die kann man auch per Taxi oder Car-Sharing zurücklegen“, fand sie und verkaufte den Wagen. Petra Becker* ist alleinstehend, kinderlos und seit fünf Jahren in Frühpension. Wenn die 57-Jährige mit dem rotweinfarbenen Kurzhaarschnitt in Urlaub fährt, dann bucht sie nicht Pauschalreisen bei TUI und auch nicht Wellness-Wochen im Club Med, sondern das Spartanischste, Geselligste und Lehrreichste, was die deutsche Tourismusindustrie bietet: eine Reise mit Rotel Tours. Rotel Tours? Unter den Studienreiseveranstaltern ist das Unternehmen aus Tittling bei Passau mit rund 35 Millionen Euro Jahresumsatz das fünftgrößte. Und es ist ein Unikum. Seit rund 50 Jahren kutschiert Rotel Kunden im Bus durch die Welt und lässt sie auch noch darin übernachten. Die Idee ist alt, aber lebendig. Während sich die großen Veranstalter in Zeiten von Internetreisebörsen und Billigfliegern immer schwerer damit tun, Kunden mit standardisierten Pauschalangeboten zu locken, hat Rotel mit seinem Nischenprodukt beständig Erfolg. Das ist erstaunlich. Denn die 21 bis 42 Schlafkabinen der Rotel-Busse haben die Bequemlichkeit eines Computertomografen. Je nach Modell sind sie in den hinteren Teil der knallroten Busse integriert oder befinden sich in einem Anhänger. Am Kopfende jeder Koje ist ein kleines Fenster, am Fußende hängt ein dünner Vorhang. Den zuzuziehen ist bei einer Rotel-Reise, die im Schnitt drei Wochen dauert, aber auch über sieben Wochen gehen kann, das Maximum an Intimität. Nur dünne Plastikwände trennen nachts zwei, drei Dutzend Menschen voneinander.

Wenn einer schnarcht, hören es alle. Das Schlafabteil ist unbeheizt. Das Abendessen kocht der Fahrer. Die weiblichen Passagiere helfen beim Gemüseschnibbeln oder Tischdecken. Die Kombüse ist unter der Heckklappe des Busses versteckt. Da sind auch die Utensilien für das Frühstück verstaut, inklusive Caro-Kaffee und Schwartau-Marmelade. Aufgebaut wird das Büfett auf einem Klapptisch. Mitzubringen ist, fordert Rotel im Katalog, „Toilettenpapier aus Altpapier“. Erlaubt ist ein Koffer. Er wird „im Kofferraum des Busses verstaut, und Sie erhalten ihn jeden dritten Tag“. Bis dahin ist mit dem auszukommen, was in eine „Drei-Tages-Tasche“ passt. Geduscht wird in den Nasszellen der Campingplätze, die der Fahrer abends ansteuert – oder gar nicht, wenn die Bus-Crew in der Wildnis nächtigt. Klingt mehr nach Jugendherberge auf Rädern als nach Urlaub. Doch Petra Becker* sieht das anders. Sie hat kaum je erlebt, dass einer mit den Umständen nicht zurechtkam. Im Gegenteil: Die Abschiedsszenen am Ende einer Reise sind oft herzzerreißend. An 300.000 Haushalte verschickt Rotel jedes Jahr den fast 200 Seiten starken Katalog. 85 Prozent der Reisen verkauft das Unternehmen im direkten Kundenkontakt. 18.000 Menschen kurvten 2005 mit Rotel-Bussen durch Dschungel und Wüsten, Burgund und Ostpreußen. Weil Hotel- und Restaurantkosten weit gehend entfallen, sind Rotel-Reisen 30 bis 50 Prozent billiger als die Angebote der Konkurrenz. Nach ihrer ersten Tour sagen die Leute „einmal und nie wieder oder einmal und immer wieder“, weiß Stammkundin Becker* . Gut die Hälfte der Teilnehmer war 2005 mindestens zum zweiten Mal dabei, ein Viertel mindestens zum elften Mal. Der Altersdurchschnitt liegt bei Mitte 50, darunter, sagt Peter Höltl, Inhaber und Chef des Unternehmens, „ziemlich viele Lehrer“.

*Name von der Redaktion geändert

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