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Russen-Einstieg bei Infineon Der Sicherheitstechnik droht der Ausverkauf

Mit dem geplanten Einstieg des russischen Mischkonzerns Sistema beim Chiphersteller Infineon droht ein Ausverkauf bei deutschen Firmen für IT-Sicherheit.

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Fahnen mit dem Logo von Quelle: AP

Es klingt wie ein Anachronismus in einer zunehmend globalisierten Welt. Egal, welches ausländische Unternehmen seine Fühler nach einem deutschen IT-Unternehmen ausstreckt, das Verschlüsselungssysteme an Regierungsstellen und Behörden liefert, der Konzernchef muss zuerst bei Angela Merkel anklopfen. Die Bundeskanzlerin entscheidet zusammen mit dem Bundeswirtschaftsminister, ob deutsche Sicherheitsinteressen gefährdet sind. Wenn ja, legt die Bundesregierung ihr Veto ein. Das Unternehmen bleibt in deutschem Besitz, und der Schlüssel für die in Regierungsnetzen eingesetzten Geheimcodes fällt nicht in ausländische Hände.

Normalerweise findet das unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Doch jetzt sickern Details einer pikanten Anfrage durch. Russlands größter Mischkonzern AFK Sistema geht auf Shopping-Tour und hat den Münchner Chiphersteller Infineon ganz oben auf seine Einkaufsliste gesetzt. Der russische Präsident Dimitri Medwedew will Merkel dafür begeistern, dass Sistema 29 Prozent der Anteile übernehmen (Wert: 1,6 Milliarden Euro) und zum Großaktionär von Infineon aufsteigen kann.

Der Halbleiterhersteller soll die Keimzelle einer sehr engen deutsch-russischen Kooperation im IT-Sektor werden. Dass die beiden Unternehmen gut zusammenpassen, ließ der in die Sistema-Führungsriege gewechselte Ex-Telekom-Chef Ron Sommer bereits im März im WirtschaftsWoche-Interview durchblicken.

Infineons Aktienkurs gehört heute mit einem Kursgewinn von 4,8 Prozent zu den Tagesgewinnern des deutschen Aktienindex Dax. Grund dafür ist aber nicht der geplante Einstieg der Russen, sondern der optimistische Konzernausblick und ein Anaylstenkommentar.

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    Der Vorstoß der Russen entfacht eine neue Debatte: Braucht Deutschland eine eigene IT-Sicherheitsindustrie? Aus Angst vor ausländischen Geheimdiensten, die ihre engen Kontakte zu den Sicherheitsfirmen im eigenen Land nutzen, um Hintertüren einzubauen, subventioniert die Bundesregierung heimische, hoch spezialisierte Anbieter von Verschlüsselungstechniken und schützt sie vor einem Ausverkauf ins Ausland. Ein Einstieg von Sistema bei Infineon, das mit einem Umsatz von 341 Millionen Euro (2009) zu den Top-Adressen im Geschäft mit Sicherheitschips zählt, könnte so den Präzedenzfall für einen Politikwechsel schaffen.

    Die Aufregung in der IT-Sicherheitsbranche ist groß. Rainer Brüderle hat die wichtigsten Branchenvertreter zu einem IT-Sicherheitsgipfel nach Berlin eingeladen. Am 8. Juli will der Bundeswirtschaftsminister mit den Chefs der überwiegend mittelständisch geprägten Unternehmen diskutieren, wie sie ihre Konkurrenzfähigkeit verbessern und sich gegen die in diesem Geschäft fast übermächtigen US-Giganten wie Symantec, Cisco, McAfee, Trend Micro und Checkpoint behaupten wollen. Ein Maßnahmenpaket soll geschnürt werden, damit sich „die Exportchancen deutscher IT-Sicherheitsunternehmen nachhaltig verbessern“, heißt es im Ministerium.

    Cyberagenten greifen an

    Eigentlich müsste die Bundesregierung die Spionageabwehr verstärken. Seit Monaten, warnt das zuständige Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), stehen deutsche Unternehmen unter dem Dauerbeschuss chinesischer und russischer Geheimdienste. Ohne Spuren zu hinterlassen dringen Cyber-Agenten über das Internet in die Firmennetze ein, spähen persönliche Daten in PCs, Laptops und sogar Handys aus und reichen das streng vertrauliche Material an Konkurrenten weiter (WirtschaftsWoche 25/2010). Koordiniert werden die Attacken meist von russischen und chinesischen Geheimdiensten, prangert das BfV an.

    Eigentlich müssten sich die Auftragsbücher der auf Spionageabwehr fokussierten deutschen IT-Sicherheitsanbieter füllen. Doch der Boom geht an ihnen vorbei. Eine Bestandsaufnahme der Beratung Booz & Co. im Auftrag des Brüderle-Ministeriums kommt zu dem Ergebnis, dass die deutschen Anbieter in den kommenden zwei Jahren weiter an Boden verlieren werden.

    Kann der IT-Sicherheitsmarkt weltweit mit durchschnittlichen Umsatzzuwächsen von rund 14 Prozent rechnen, schaffen die hiesigen Anbieter nur rund zehn Prozent. „Deutschland fällt im internationalen Vergleich zurück“, sagt Booz-Berater Rainer Bernnat.

    Experten wie Professor Alexander Huber von der Beuth Hochschule Berlin warnen bereits davor, dass Deutschland den Anschluss verliert: „Einige der inländischen Anbieter spielen technologisch derzeit noch in der Weltspitze mit“, sagt Huber. „Doch der Marktanteil der deutschen Unternehmen sinkt, weil die meisten zu klein für die Expansion ins Ausland sind.“ Statt lockerer Kooperationen empfiehlt Huber Fusionen, um ein Gegengewicht zu den US-Giganten zu schaffen.

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      Die deutschen Anbieter sind so spezialisiert, dass ihre Produkte im Ausland kaum wahrgenommen werden und fast ausschließlich bei Regierungsstellen zum Einsatz kommen. Die meisten hängen ohnehin am Tropf des Staates. Unternehmen wie Secunet Security Networks in Essen, eine Tochtergesellschaft des Banknoten-Herstellers Giesecke & Devrient, machen mehr als drei Viertel ihrer Geschäfte mit staatlichen Stellen.

      Secunet-Chef Rainer Baumgart versucht seit Jahren, die Abhängigkeit von den Staatsaufträgen zu verringern und besser mit der Industrie ins Geschäft zu kommen. Doch selbst Dax-Unternehmen greifen lieber zu billigen Sicherheitslösungen von der Stange als zu aufwendigen Verschlüsselungssystemen, wie sie das Auswärtige Amt für die Kommunikation mit den Botschaften in aller Welt einsetzt: „Die meisten bevorzugen Standardware, die man bei ausländischen Anbietern fast gratis bekommt“, sagt Baumgart.

      Dabei hätten die deutschen Nischenspieler gute Chancen. Denn IT-Sicherheit made in Germany steht nicht im Verdacht, Hintertüren für Geheimdienste zu installieren. Während andere Nationen wie die USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien ihre Nachrichtendienste gezielt zur Industriespionage einsetzen, um heimischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, verzichtet Deutschland auf diese konspirative Art der Auslandsaufklärung. Diesen Vertrauensvorschuss spielen die Unternehmen aber zu selten aus.

      Hohe Reputation für Deutsche

      „Die deutschen Hersteller genießen eine hohe Reputation“, stellt Berater Bernnat fest. „Wegen fehlender Spionageaktivitäten wird eine Neutralität angenommen, die deutsche Unternehmen zu einem verlässlichen Partner machen.“

      Experten wie Bernd Kowalski, Abteilungsleiter beim Bundesamt für Sicherheit in Informationstechnik, wollen deshalb Leuchtturmprojekte mit Hochsicherheitstechniken schaffen, die weltweit für Aufsehen sorgen. Eine Idee könnte sein, rund um den elektronischen Personalausweis einen Verbund mit den dort engagierten Firmen aufzubauen, damit sich dort eingesetzte Sicherheitstechniken besser ins Ausland verkaufen lassen. „Beim elektronischen Personalausweis nimmt Deutschland eine weltweite Führungsrolle ein“, sagt Kowalski. Diesen Trumpf könne man ausspielen.

      Mit dem Einstieg der Russen bei Infineon wäre solch eine Initiative zum Scheitern verurteilt. Für die deutsche Spionageabwehr wäre das der Offenbarungseid, fürchten Sicherheitsexperten. Die bislang so tadellose Reputation bekäme empfindliche Kratzer.

      Denn über Sistema hätten auch russische Geheimdienste Zugriff auf die geheimen Codes des neuen Sicherheits-Chips, die im elektronischen Personalausweis zum Einsatz kommen sollen. Erst kürzlich hat der Konzern neue Halbleiter vorgestellt, die Daten nicht mehr im Klartext, sondern verschlüsselt verarbeiten. Selbst wenn Hacker in das System eindringen, bekommen sie nur kryptische, also unleserliche Datenreihen zu sehen.

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        Von November an geben die Einwohnermeldeämter die ersten elektronischen Personalausweise aus. Spätestens dann, sagen Sicherheitsexperten, wollen auch ausländische Geheimdienste im Besitz des Entschlüsselungscodes sein. Infineon unter der Aufsicht von russischen Anteilseignern könnte den Moskauer Agenten einen Vorsprung verschaffen. 

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