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Russland Schmerzhafte Lektion für Volkswagen

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66.000 Autos sollen die Quelle: REUTERS

Der Aufwand ist immens. Die Expats haben meist Verträge für ein Jahr unterschrieben, manche bleiben auch drei Jahre. Alle paar Wochen werden sie in die Heimat ausgeflogen. Dutzende Zimmer des Hotels Kaluga sind für die Vorarbeiter angemietet. Die Bleibe ist europäischer Standard, aber im Vergleich mit Deutschland viel zu teuer. Trotzdem nervt es viele Mitarbeiter, wochenlang in einem Hotel wohnen zu müssen. Führungskräfte leben schicker, in renovierten Wohnungen am Stadtrand. VW-Russland-Chef Friedrich Lenz etwa hat die Ehre, neben Anatoli Artamonow, dem Gouverneur der Region, Quartier nehmen zu können. Für viele ist ein Ende ihres Auslandseinsatzes nicht absehbar. „Wir bleiben hier, bis alles läuft“, sagt einer der Eingeflogenen, „irgendwann werden sie uns schon wieder rausholen.“

Doch die Produktion läuft schleppend. In der Mai-Ausgabe des Mitarbeitermagazins „Autogramm“ rühmt sich VW, in Kaluga am 17. April das 10.000 Auto hergestellt zu haben. Mittlerweile seien dort 29.000 Autos montiert worden, sagt ein Konzernsprecher. Seit Juni laufe die Produktion auf vollen Touren. Höchste Zeit. Viereinhalb Monate bleiben dem Konzern, um das hoch gesteckte Produktionsziel von 66.000 Fahrzeugen im Jahr 2008 zu erreichen. Macht mehr als 8000 Autos monatlich. Vor ein paar Wochen, sagten Insider, waren es nur knapp 3000 pro Monat.

Volkswagen hat sich für die Investition in Russland entschieden, weil der Automarkt dort so viel Potenzial birgt, dass der Konzern bis zu 150.000 Autos pro Jahr zu verkaufen hofft – spätestens in vier bis fünf Jahren. Während in Deutschland auf 1000 Einwohner 560 Autos kommen, sind es in Russland nach Berechnungen der Osteuropabank EBRD nur 157. Dank der Einkommenszuwächse von 10 bis 20 Prozent pro Jahr können sich immer mehr Russen ein Auto leisten. Stanley Root, Partner bei Price-waterhouseCoopers in Moskau, rechnet nach konservativen Prognosen mit einem Verkaufsvolumen von insgesamt 3,3 Millionen Autos in den kommenden Jahren. Optimisten glauben gar, der Absatz im größten Flächenland der Erde könnte bis 2014 auf sechs Millionen jährlich steigen.

Seit Jahren will VW unter die Top Zehn in Russland

Die Deutschen, die in den Neunzigerjahren mal stark in Russland vertreten waren, wollen endlich wieder an alte Zeiten anknüpfen. Seit Jahren will VW unter die Top Zehn der meistverkauften ausländischen Fahrzeuge in Russland. Im ersten Halbjahr stieg der Russland-Absatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um gut die Hälfte auf 20.584 Autos. Doch es reichte für VW wieder nur für Platz 15 unter den ausländischen Herstellern. Die Konzerntochter Skoda schaffte es immerhin auf Platz 13.

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    Nicht alles, worunter VW in Kaluga leidet, liegt an der Vorgeschichte der Region. Manches haben die Deutschen auch selbst verschuldet. Viele russische Arbeiter träumten davon, für ein renommiertes deutsches Unternehmen wie Volkswagen zu arbeiten. Als die Rekrutierungsteams der weltgrößten Leiharbeitsfirma Adecco mit Sitz in der Schweiz im vorigen Jahr die ersten Mitarbeiter einstellten, bildeten sich noch lange Warteschlangen vor dem provisorischen Büro im Obergeschoss eines Einkaufszentrums in Kaluga. VW hatte Adecco exklusiv unter Vertrag genommen, damit das Unternehmen Leute suche, diese in den ersten drei bis sechs Monaten anstelle, sie an Volkswagen verleihe – und notfalls auch wieder entlasse. Ein Großteil der Arbeiter bei VW steht nicht auf der Gehaltsliste der Wolfsburger, sondern von Adecco.

    Inzwischen gibt es keine Schlangen mehr vor dem Adecco-Büro. Das Interesse an der Arbeit bei VW ist sichtbar abgeebbt. Denn Volkswagen hat in der Region den Ruf, Niedriglöhne zu bezahlen. Nach einer internen Gehaltstabelle, die der WirtschaftsWoche vorliegt, verdienten Zeitarbeiter mit einfachen Aufgaben bisher umgerechnet 249 Euro im Monat. Falls sie nach einigen Monaten beim Konzern fest angestellt werden, konnten sie auf 264 Euro, zusammen mit einem 30-prozentigen Bonus auf 343 Euro kommen. Facharbeiter stiegen bei 435 Euro ein. Selbst ein fest angestellter Schichtleiter musste sich mit einem Grundgehalt von 874 Euro zufriedengeben.

    „In Moskau bekommt der einfache Monteur von Anfang an 1000 Euro“, rechnet ein deutscher Manager eines Konkurrenzunternehmens vor. Entsprechend schäumt die Gewerkschaft. „Bei den meisten anderen Werken ist die Bezahlung höher“, sagt Anatoli Sawin vom Industriekomitee der örtlichen Gewerkschaftsvertretung. Den Funktionär ärgert zudem, dass Volkswagen bisher auch alle Gespräche zur Gründung eines Betriebsrats im Sande verlaufen lasse. „Ich weiß nicht, wie die sich ihre Zukunft hier vorstellen“, fragt sich Gewerkschafter Sawin und prophezeit: „Wenn die anderen Autowerke loslegen, wechseln viele VW-Leute zur Konkurrenz.“

    Bei VW heißt es dazu, das Lohnniveau sei in Moskau „naturgemäß“ am höchsten. Auf die aktuelle Lohnentwicklung in der Region Kaluga habe man reagiert. Im Juli hätten die Löhne im Werk bei durchschnittlich 570 Euro gelegen.

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