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Sabine Lautenschläger Die zornige Bankenaufseherin vom Rhein

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Jochen Sanio, Chef des Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Quelle: W. Schuering für WirtschaftsWoche

Dessen früherer Chef Wolfgang Artopoeus erkennt ihre offene Art und ihr Kommunikationsgeschick. Er bietet ihr unerwartet an, in kürzester Zeit die Pressestelle aufzubauen. Sie hat gezuckt, sich mit ihrem Mann beraten, zugegriffen und sich reingekniet.

Auch Artopoeus’ Nachfolger als Chef der Finanzaufsicht, Jochen Sanio, fördert und nutzt ihre Talente. Lautenschläger frisst sich stur und systematisch durch Bilanzen oder Akten und verhandelt später mit Charme und Diplomatie – bis sie sich durchgesetzt hat. Ihr Vorgänger als Bankenoberaufseher wechselte übrigens zur Deutschen Bank, ein Klassiker in der Behörde voller schlecht bezahlter Experten.

Lautenschläger übernimmt seine Chefstelle 2008 – ausgerechnet. Im April wird sie ernannt, im September geschieht das bis dahin Undenkbare. „Der Zusammenbruch der Lehman-Bank hat viele so von keinem erwartete Risiken gezeigt. Wir hatten kaum genug Zeit und Leute, um die Konsequenzen für deutsche Banken schnell und richtig abzuschätzen.“

Lautenschläger kritisiert die Personalnot

Tatsache ist: Die 300 Mitarbeiter der Behörde, die mehr als 2000 Banken kontrollieren, „konnten irgendwann nicht mehr anders, als streng nach den größten Risiken zu priorisieren“, beschreibt die Chefin ihre Personalnot.

Wie besorgt man in der Not binnen Tagen Millionen oder gar Milliarden Euro für eine taumelnde Bank, und das so unsichtbar wie möglich? „Zuerst besucht man die Anteilseigner, die bisher Gewinn mit der Bank gemacht haben. Greift das nicht, besorgt man sich die Gläubigerliste des Instituts und prüft, wer ein fundamentales Interesse daran hat, dass genau diese Bank gerettet wird“, sagt Lautenschläger und lächelt fein. Die Annahme, es werde dabei gefeilscht wie auf einem Basar, ist nicht falsch.

Die Schlachten hinter verschlossenen Türen zwischen Aufsicht, Eignern, Gläubigern und Politikern müssen derb gewesen sein. Lautenschläger blickte in den Abgrund, und sie sieht aus, als hätte sie sich davon noch nicht erholt. Krisenjahre zählen doppelt. Mindestens.

"Rendite gibt es nur für Risiko"

Und sie machen zornig. Manche Bankvorstände hätten die simpelsten Vernunftprinzipien nicht angewandt, glaubt die Beamtin und damit habe sie in diesem Umfang nicht gerechnet. Als da wären: „Kredit vergibt man, wenn die Bonität stimmt. Mache nur Geschäft, das du beherrschst. Vertraue nicht allein auf statistische Modelle. Rendite gibt es nur für Risiko.“

Wohl wahr. Aber hätte dann nicht auch die Oberaufseherin schneller reagieren müssen? „Gegen Lücken im Aufsichtssystem anderer Länder kann man nicht als einzelner Aufseher angehen. Und Märkte und Teilnehmer sind viel abhängiger voneinander, als wir alle dachten“, sagt Lautenschläger selbstkritisch.

Den Kritikern reicht das nicht. Die Liste ihrer Vorwürfe gegen die BaFin ist lang. Die Aufsicht habe den Ernst der Lage in den USA und die Folgen für deutsche Banken nicht rechtzeitig erkannt. Sie habe sich von deren Vorständen einseifen lassen. Stattdessen habe sie viel Energie in Detailfragen von weniger systemrelevanten Banken gelassen. Die Behörde sei zu bürokratisch, schimpfen die Banker. Sie sei zu bankenfreundlich, sagen die Bankenopfer. Zudem vertrete die BaFin nicht die Interessen der Bankkunden, sondern nur die der Institute. So habe die deutsche Aufsicht bei den Basel-II-Verhandlungen, bei denen es um schärfere Eigenkapitalanforderungen an Banken geht, vagen Regelungen zugestimmt.

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