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Sabine Lautenschläger Die zornige Bankenaufseherin vom Rhein

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Axel Weber, Präsident der Quelle: dpa

Mit den Versäumnissen konfrontiert, wird Lautenschläger schmallippig. „Wir hatten ein exzellentes Krisenmanagement, haben in allen Fällen auf die Krise schnell und angemessen reagiert. Die BaFin war schließlich diejenige, die Mitte 2007 – also frühzeitig – auf die Gefahr eines Dominoeffekts hingewiesen hat.“ Sanio hatte damals zur HRE-Pleite erklärt, ginge die Bank unter, gebe es eine Krise wie zuletzt 1932.

Doch wenn Lautenschläger benennt, was sich bei der Aufsicht schnellstens ändern müsste, wird der Engpass klar: „Wir brauchen mehr Zeit, das Marktumfeld einzuschätzen. Die internationale Gemeinschaft hat sich darum darauf verständigt, dass internationale Gremien beziehungsweise Institutionen die makroökonomischen Risiken abschätzen sollen. Der einzelne Aufseher muss sich dann viel intensiver mit den Entwicklungen auf den Märkten beschäftigen, auf denen die betroffene Bank am stärksten engagiert ist. Die Teilnahme an ritualisierten internationalen Aufsichtsmeetings oder der standardisierte Info-Austausch reicht alleine nicht aus, wie die Krise gezeigt hat.“ Und: „Wir müssen detaillierter wissen, wo die Kunden etwa einer deutschen Mittelstandsbank engagiert sind, um deren Ausfallrisiken einschätzen zu können.“

BaFin vor existenziellen Schwierigkeiten

Ist sie zu bankenfreundlich? Es klingt nicht so, wenn sie moniert: „Einige Banker waren gierig, haben Risiken ignoriert, ihre Boni über langfristige Wertentwicklung gesetzt.“ Doch die Diplomatin fügt gleich an: „Als Aufseherin wünsche ich mir trotzdem für alle Institute so rasch wie möglich wieder Gewinne.“

Die wahre Crux ihrer Aufgabe erwähnt sie nicht. Die Bankenaufsicht arbeitet nur dann gut, wenn sie riskante Bankmanöver und überforderte Vorstände rechtzeitig erkennt und Probleme elegant löst – ohne dass die Öffentlichkeit Wind davon bekommt. Schlagzeilen gäben einer taumelnden Bank den Rest. Die Liste der gelungenen Eingriffe kann Lautenschläger also nie veröffentlichen.

Dieses amtliche Schweigegebot plus die übergroße öffentliche Zurückhaltung ihres Chefs Sanio bringt derzeit die ganze Behörde in existenzielle Schwierigkeiten, der alle Banken, Versicherungen und der Wertpapierhandel unterstellt sind. Seit Jahrzehnten beäugten sich Bundesbank und BaFin wachsam, teilen sie sich doch die Bankenaufsicht. Die Bundesbank wertet als Erste die von den Instituten eingereichten Daten aus, die BaFin analysiert und bewertet die Zusammenfassungen. Die Entscheidung aber, zum Beispiel die vorläufige Schließung einer Bank zu verordnen, fällt allein die BaFin.

Bundesbank-Chef Weber spielt BaFin aus

Wobei „sie teilen sich die Arbeit“ es nicht genau trifft: Die Bundesbank hat fast viermal mehr Bankenaufseher als die BaFin. Und doch prasselt die Kritik an der Kontrolle in der Krise vor allem auf die BaFin nieder. Warum eigentlich?

Weil Bundesbank-Chef Axel Weber in der Berliner Politik sehr viel besser als Sanio verdrahtet ist, begeisterter über Bande spielt und sich im Unterschied zu Sanio keinem Beamten-Schweigegelübde unterworfen sieht. Ganz im Gegenteil.

Die Gunst der öffentlichen Schelte an der Bankenaufsicht hat Weber in Windeseile dazu genutzt, das Zusammenlegen beider Institutionen bis zum 1. Januar 2011 zu fordern – selbstredend unter dem Dach der Bundesbank. Die Bundesregierung nutzte zeitgleich die Gelegenheit, sich als entschlossene Kämpferin im Finanzkrisenchaos zu zeigen, und übernahm Webers Forderung in ihren Koalitionsvertrag.

Und Sanio? Wehrt sich – zumindest öffentlich – kaum wahrnehmbar. Mag er auch Gründe gehabt haben, wie die Überzeugung, solche Auseinandersetzungen vor Publikum seien ihm als dem Finanzminister unterstelltem Beamten nicht möglich – Weber setzt sich derweil durch und in Szene. In der Frage der Nichtöffentlichkeitsarbeit stellt sich die leidenschaftliche Lautenschläger dann loyal hinter ihren Chef und Förderer. Schweigen am Rhein.

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