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Sabine Lautenschläger Die zornige Bankenaufseherin vom Rhein

Um ihren Job beneidet sie nicht nur in der Finanzwelt derzeit keiner: Sabine Lautenschläger ist Deutschlands oberste Bankenaufseherin. Das Porträt einer Zornigen.

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Sabile Lautenschläger, Exekutivdirektorin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Nein, auch sie hat die Beinahe-Katastrophe nicht kommen gesehen. Da redet Sabine Lautenschläger in ihrem Bonner Büro nicht um den heißen Brei herum. Und ja, sie hat in der Finanzkrise Dinge erlebt, die sie vorher nicht für möglich gehalten hätte. Dabei hat Lautenschläger, 45, seit 1995 bei der Bankenaufsicht, schon viel erlebt.

Seit 2008 untersteht der Juristin als Exekutivdirektorin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Aufsicht über die gesamte deutsche Bankenwelt. Sie kann jede Bank schließen, jedem Vorstand die nötige Lizenz entziehen. Schon die Androhung wirkt in den meisten Fällen Wunder. Mit „24/07“, also Arbeit Tag und Nacht die ganze Woche über, beschreibt sie lakonisch das vergangene Jahr: „Die deutschen Banken waren von den internationalen Marktverwerfungen hart getroffen.“ Die Aufsicht damit auch.

BaFin vor neuen Aufgaben

2010 soll für die Aufseher besser laufen. Dem Vorwurf, sich dem deutschen Klein-Klein jeder Sparkasse gewidmet, aber wichtige Entwicklungen auf dem Globus verschlafen zu haben, will sich die Beamtin nie mehr ausgesetzt sehen. Doch den guten Vorsätzen liegen noch Altlasten im Weg, gestapelt in Form bunter Aktenberge auf dem Sideboard hinter ihrem Schreibtisch: Sie tragen Namen wie Hypo Real Estate, WestLB, Landesbank Baden-Württemberg, BayernLB oder Sal. Oppenheim.

Was war das für ein Gefühl, 2009 von einer Bankenrettungsrunde in die nächste zu hechten? Nachts, wenn daheim der letzte Aktenvermerk geschrieben ist, mit der Hoffnung schlafen zu gehen, dass sich tatsächlich kein neues Risiko mehr entwickelt, wo ihre Kontrolleure keines vorhergesehen haben. Man kann es nur ahnen.

Die nächsten Aufgaben stehen an. „Wir fragen uns: Wo in der Welt bildet sich die nächste Blase? Die Liquidität, die seit den staatlichen Rettungsaktionen überreichlich im System ist, muss ja irgendwo hin“, sagt Lautenschläger, und es klingt beunruhigend, wenn sie konkret wird. „Wir beobachten in diesem Jahr eng sämtliche Banken im Besonderen auf ihre Kreditrisiken etwa in Osteuropa, bei Gewerbeimmobilien, Schiffs- und Autofinanzierung. Und wir fragen uns, wie sich die Rezession 2010 und 2011 in den Büchern niederschlagen wird.“

Lautenschläger startet 1995 in der Bankenaufsicht

Ihre Härte, ohne die sie es in dem Beamtenapparat nicht an die Spitze geschafft hätte, sieht man der zugewandten, genussfreudigen Rheinländerin nicht an. Die selbst gebackenen Plätzchen auf ihrem Besprechungstisch und die Kinderzeichnung an der Bürowand verleiten Besucher zum Irrtum. Gebacken hat ihr Vater, sie hat die Kekse am Morgen auf dem Sprung ins Büro bei ihm abgeholt. Lautenschläger ist ein Familienmensch, aber sie muss dort nicht jeden Job selbst machen.

Die Kinderzeichnung stammt noch von Tochter Laura. Die ist inzwischen fast volljährig, steht vor dem Abitur und verteidigt längst flammend ihre Mutter, wenn die Bankenaufseherin angegriffen wird. Lautenschläger ist eng und liebevoll verbunden mit Mann, Tochter, Familie und rheinischer Heimat. Eine Glucke ist sie nicht, sondern ehrgeizig und straff organisiert. 1990 schließt sie ihr Jurastudium ab, 1991 heiratet sie ihren Freund aus Grundschultagen, ein Jahr später bringt sie während des Referendariats Laura zur Welt. Ihr Gatte, gelernter Handwerker und ein geerdeter Mensch, hält ihr den Rücken frei. 1995 startet sie in der Bankenaufsicht, die damals noch in Berlin unter dem Namen BaKred residiert.

Jochen Sanio, Chef des Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Quelle: W. Schuering für WirtschaftsWoche

Dessen früherer Chef Wolfgang Artopoeus erkennt ihre offene Art und ihr Kommunikationsgeschick. Er bietet ihr unerwartet an, in kürzester Zeit die Pressestelle aufzubauen. Sie hat gezuckt, sich mit ihrem Mann beraten, zugegriffen und sich reingekniet.

Auch Artopoeus’ Nachfolger als Chef der Finanzaufsicht, Jochen Sanio, fördert und nutzt ihre Talente. Lautenschläger frisst sich stur und systematisch durch Bilanzen oder Akten und verhandelt später mit Charme und Diplomatie – bis sie sich durchgesetzt hat. Ihr Vorgänger als Bankenoberaufseher wechselte übrigens zur Deutschen Bank, ein Klassiker in der Behörde voller schlecht bezahlter Experten.

Lautenschläger übernimmt seine Chefstelle 2008 – ausgerechnet. Im April wird sie ernannt, im September geschieht das bis dahin Undenkbare. „Der Zusammenbruch der Lehman-Bank hat viele so von keinem erwartete Risiken gezeigt. Wir hatten kaum genug Zeit und Leute, um die Konsequenzen für deutsche Banken schnell und richtig abzuschätzen.“

Lautenschläger kritisiert die Personalnot

Tatsache ist: Die 300 Mitarbeiter der Behörde, die mehr als 2000 Banken kontrollieren, „konnten irgendwann nicht mehr anders, als streng nach den größten Risiken zu priorisieren“, beschreibt die Chefin ihre Personalnot.

Wie besorgt man in der Not binnen Tagen Millionen oder gar Milliarden Euro für eine taumelnde Bank, und das so unsichtbar wie möglich? „Zuerst besucht man die Anteilseigner, die bisher Gewinn mit der Bank gemacht haben. Greift das nicht, besorgt man sich die Gläubigerliste des Instituts und prüft, wer ein fundamentales Interesse daran hat, dass genau diese Bank gerettet wird“, sagt Lautenschläger und lächelt fein. Die Annahme, es werde dabei gefeilscht wie auf einem Basar, ist nicht falsch.

Die Schlachten hinter verschlossenen Türen zwischen Aufsicht, Eignern, Gläubigern und Politikern müssen derb gewesen sein. Lautenschläger blickte in den Abgrund, und sie sieht aus, als hätte sie sich davon noch nicht erholt. Krisenjahre zählen doppelt. Mindestens.

"Rendite gibt es nur für Risiko"

Und sie machen zornig. Manche Bankvorstände hätten die simpelsten Vernunftprinzipien nicht angewandt, glaubt die Beamtin und damit habe sie in diesem Umfang nicht gerechnet. Als da wären: „Kredit vergibt man, wenn die Bonität stimmt. Mache nur Geschäft, das du beherrschst. Vertraue nicht allein auf statistische Modelle. Rendite gibt es nur für Risiko.“

Wohl wahr. Aber hätte dann nicht auch die Oberaufseherin schneller reagieren müssen? „Gegen Lücken im Aufsichtssystem anderer Länder kann man nicht als einzelner Aufseher angehen. Und Märkte und Teilnehmer sind viel abhängiger voneinander, als wir alle dachten“, sagt Lautenschläger selbstkritisch.

Den Kritikern reicht das nicht. Die Liste ihrer Vorwürfe gegen die BaFin ist lang. Die Aufsicht habe den Ernst der Lage in den USA und die Folgen für deutsche Banken nicht rechtzeitig erkannt. Sie habe sich von deren Vorständen einseifen lassen. Stattdessen habe sie viel Energie in Detailfragen von weniger systemrelevanten Banken gelassen. Die Behörde sei zu bürokratisch, schimpfen die Banker. Sie sei zu bankenfreundlich, sagen die Bankenopfer. Zudem vertrete die BaFin nicht die Interessen der Bankkunden, sondern nur die der Institute. So habe die deutsche Aufsicht bei den Basel-II-Verhandlungen, bei denen es um schärfere Eigenkapitalanforderungen an Banken geht, vagen Regelungen zugestimmt.

Axel Weber, Präsident der Quelle: dpa

Mit den Versäumnissen konfrontiert, wird Lautenschläger schmallippig. „Wir hatten ein exzellentes Krisenmanagement, haben in allen Fällen auf die Krise schnell und angemessen reagiert. Die BaFin war schließlich diejenige, die Mitte 2007 – also frühzeitig – auf die Gefahr eines Dominoeffekts hingewiesen hat.“ Sanio hatte damals zur HRE-Pleite erklärt, ginge die Bank unter, gebe es eine Krise wie zuletzt 1932.

Doch wenn Lautenschläger benennt, was sich bei der Aufsicht schnellstens ändern müsste, wird der Engpass klar: „Wir brauchen mehr Zeit, das Marktumfeld einzuschätzen. Die internationale Gemeinschaft hat sich darum darauf verständigt, dass internationale Gremien beziehungsweise Institutionen die makroökonomischen Risiken abschätzen sollen. Der einzelne Aufseher muss sich dann viel intensiver mit den Entwicklungen auf den Märkten beschäftigen, auf denen die betroffene Bank am stärksten engagiert ist. Die Teilnahme an ritualisierten internationalen Aufsichtsmeetings oder der standardisierte Info-Austausch reicht alleine nicht aus, wie die Krise gezeigt hat.“ Und: „Wir müssen detaillierter wissen, wo die Kunden etwa einer deutschen Mittelstandsbank engagiert sind, um deren Ausfallrisiken einschätzen zu können.“

BaFin vor existenziellen Schwierigkeiten

Ist sie zu bankenfreundlich? Es klingt nicht so, wenn sie moniert: „Einige Banker waren gierig, haben Risiken ignoriert, ihre Boni über langfristige Wertentwicklung gesetzt.“ Doch die Diplomatin fügt gleich an: „Als Aufseherin wünsche ich mir trotzdem für alle Institute so rasch wie möglich wieder Gewinne.“

Die wahre Crux ihrer Aufgabe erwähnt sie nicht. Die Bankenaufsicht arbeitet nur dann gut, wenn sie riskante Bankmanöver und überforderte Vorstände rechtzeitig erkennt und Probleme elegant löst – ohne dass die Öffentlichkeit Wind davon bekommt. Schlagzeilen gäben einer taumelnden Bank den Rest. Die Liste der gelungenen Eingriffe kann Lautenschläger also nie veröffentlichen.

Dieses amtliche Schweigegebot plus die übergroße öffentliche Zurückhaltung ihres Chefs Sanio bringt derzeit die ganze Behörde in existenzielle Schwierigkeiten, der alle Banken, Versicherungen und der Wertpapierhandel unterstellt sind. Seit Jahrzehnten beäugten sich Bundesbank und BaFin wachsam, teilen sie sich doch die Bankenaufsicht. Die Bundesbank wertet als Erste die von den Instituten eingereichten Daten aus, die BaFin analysiert und bewertet die Zusammenfassungen. Die Entscheidung aber, zum Beispiel die vorläufige Schließung einer Bank zu verordnen, fällt allein die BaFin.

Bundesbank-Chef Weber spielt BaFin aus

Wobei „sie teilen sich die Arbeit“ es nicht genau trifft: Die Bundesbank hat fast viermal mehr Bankenaufseher als die BaFin. Und doch prasselt die Kritik an der Kontrolle in der Krise vor allem auf die BaFin nieder. Warum eigentlich?

Weil Bundesbank-Chef Axel Weber in der Berliner Politik sehr viel besser als Sanio verdrahtet ist, begeisterter über Bande spielt und sich im Unterschied zu Sanio keinem Beamten-Schweigegelübde unterworfen sieht. Ganz im Gegenteil.

Die Gunst der öffentlichen Schelte an der Bankenaufsicht hat Weber in Windeseile dazu genutzt, das Zusammenlegen beider Institutionen bis zum 1. Januar 2011 zu fordern – selbstredend unter dem Dach der Bundesbank. Die Bundesregierung nutzte zeitgleich die Gelegenheit, sich als entschlossene Kämpferin im Finanzkrisenchaos zu zeigen, und übernahm Webers Forderung in ihren Koalitionsvertrag.

Und Sanio? Wehrt sich – zumindest öffentlich – kaum wahrnehmbar. Mag er auch Gründe gehabt haben, wie die Überzeugung, solche Auseinandersetzungen vor Publikum seien ihm als dem Finanzminister unterstelltem Beamten nicht möglich – Weber setzt sich derweil durch und in Szene. In der Frage der Nichtöffentlichkeitsarbeit stellt sich die leidenschaftliche Lautenschläger dann loyal hinter ihren Chef und Förderer. Schweigen am Rhein.

Deutsche Bank-Chef Josef Quelle: REUTERS

Die Verbände der privaten und der öffentlichen Banken unterstützen Weber. Einzig Josef Ackermann als Chef der Deutschen Bank zweifelt die Vorteile der Herrschaftsübernahme durch die Bundesbank an: Die Koalition habe die Lage nicht ausreichend analysiert. Ist das nun Lob von der richtigen oder von der falschen Seite für eine Bankenaufseherin?

Wenn Lautenschläger um Banken in Not verhandelt, sitzen nicht selten Politiker mit am Tisch. Mancher hat die Krise genutzt, um sich zum Bankenfachmann aufzuschwingen. Welche Erfahrungen sie mit den Neu-Experten gemacht hat, darauf antwortet sie nicht.

Für was ist sie in der Finanzkrise eigentlich dankbar geworden? Die Beamtin lehnt sich zurück und denkt nach: „Für unseren Mannschaftsgeist, ganz besonders als die Arbeit für den Hypo-Real-Estate-Untersuchungsausschuss im Bundestag kaum noch zu schaffen war.“ Wer hat wann was gewusst? Wer hat welche Risiken in Kauf genommen – vonseiten der Bank und vonseiten der Aufsicht?

Keine Ruhe im neuen Jahr

In Bonn ist ein Referat für die Hypo Real Estate zuständig, in dem fünf Mitarbeiter insgesamt 15 Banken überwachen. Am Wochenende vor der Ausschusssitzung, just Muttertag, stellten rund 50 BaFin-Kollegen von Freitag bis Montag die von den Berliner Politikern angeforderten Unterlagen zusammen, kopierten, füllten Ordner und Kartons, saßen nachts auf dem Boden und aßen Pizza.

Ruhe wird es auch im neuen Jahr nicht geben. Ob Lautenschläger eine bisher noch nicht öffentlich sezierte Bank in Gefahr sieht? Das würde sie öffentlich nie sagen. Schweigegebot eben.

Und dann wären da noch die sieben Landesbanken, von denen mehr als die Hälfte in der Finanzkrise faktisch pleitegegangen sind. „Als große Volkswirtschaft braucht Deutschland mindestens zwei bis drei global aufgestellte Banken, private und Landesbanken zusammengenommen“, sagt Lautenschläger und lächelt wieder fein: „Aber wir arbeiten mit den Strukturen und Geschäftsmodellen, die wir vorfinden.“

So vorsichtig spricht eine, die nach eigenen Worten in den vergangenen zwei Jahren ungeduldiger und härter geworden ist. Findet sie das nun gut oder schade? Da lacht sie herzlich und greift zum Plätzchen: „Also im Job finde ich es nützlich, aber mein Mann und meine Tochter machen abends deutlich, dass ich daheim das Delegieren sein lassen soll.“

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