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Sam Palmisano im Interview IBM-Vorstandschef: "Wir stellen weiter Leute ein"

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Überspannen Sie den Bogen nicht? IBM war doch schon stark auf IT-Dienstleistungen ausgerichtet, als Sie den Chefposten im Jahr 2003 von Lou Gerstner übernahmen.

Das stimmt. Aber wir haben die Servicesparte seitdem viel stärker auf Prozesswissen ausgerichtet, auf betriebswirtschaftliche Managementkonzepte, insbesondere durch den Kauf der Beratungssparte von PricewaterhouseCoopers Mitte 2002. Seither verfügt IBM über Branchen-Know-how jenseits der IT. Heute stammt ein Viertel des Umsatzes der Dienstleistungssparte aus Beratungsprojekten. Früher stammte ein Großteil dieses Servicegeschäfts aus IT-Diensten wie der Auslagerung und Betreuung von Rechenzentren oder der Pflege und Wartung von Computernetzwerken.

Wie trägt die Neuausrichtung zu Ihrer Vision vom intelligenten Planeten bei?

Dass immer mehr Geräte und Gegenstände über das Internet vernetzt sind, stellt auch neue Herausforderungen an die IT-Infrastruktur, also die zugrunde liegende Hard- und Software. Um Millionen dieser Geräte zu steuern, benötigen Sie leistungsfähige Managementsoftware – daher haben wir auf diesem Gebiet zugekauft. Und um etwa den Energietransport, den Verkehrsfluss oder Abläufe im Gesundheitswesen optimieren zu können, benötigen Sie auch Werkzeuge zur Datenanalyse. Deshalb haben wir Softwareanbieter wie Cognos und andere übernommen.

Das heißt, Ihre jetzige propagierte Idee ist das letzte Glied einer Kette von Veränderungen, die Sie in der Vergangenheit angestoßen haben?

Auch wenn wir noch einen weiten Weg vor uns haben, ist die Idee von intelligenten Städten im Prinzip längst gelöst: Bevor wir mit der Kampagne an die Öffentlichkeit gegangen sind, habe ich darauf bestanden, dass wir rund 100 Referenzen vorweisen können, darunter Beispiele wie London oder Brisbane. Es handelt sich also mitnichten um Science-Fiction.

Die verbreitet die IT-Industrie gerne mal...

Die IT-Welt ist voll von Schlagwörtern, die keiner wirklich versteht, weil sie ungenau sind: grüne IT, Software-als-Service oder Cloud Computing. So benennt etwa heute jeder IT-Hersteller seine Softwareangebote im Internet als Cloud Computing. Dabei gibt es jedoch oft keine Definition, was mit dieser Wolke genau gemeint ist.

Mit Verlaub: Die Claims finden sich auch bei IBM. Auch Sie haben sich umweltfreundliches Computing bereits auf die Fahnen geschrieben.

Aber uns ging es nicht um eine abstrakte Zukunftsvision. Sondern um die Aussage: Wer ein Rechenzentrum auf eine bestimmte Weise baut, spart die Hälfte seiner Energiekosten. Wir selber haben bei IBM eine Milliarde Dollar eingespart, indem wir unsere IT auf energiesparende Computer umgestellt haben – im Jahr! Wir wollen weniger Visionen verbreiten, als Verbesserungen erreichen, die wir auch in der Praxis nachweisen können.

Sie sind einer der Berater von US-Präsident Barack Obama, der stark an IT und technischen Innovationen interessiert ist. Was raten Sie ihm oder anderen Politikern, mit denen Sie rund um den Globus sprechen?

Natürlich ist es wichtig, herauszufinden, was uns in die Krise getrieben hat. Aber die allein rückwärtsgewandte Suche nach den Ursachen wird uns nicht aus der Krise herausführen. Zum Zweiten: Bei staatlichen Investitionen sollte man sich nicht bloß auf kurzfristige Verbesserungen konzentrieren wie etwa Schlaglöcher in Straßen. Warum nicht gesellschaftliche Probleme lösen und dabei gleichzeitig höher qualifizierte Jobs schaffen? Um Energie effizienter zu nutzen, benötigt man gut ausgebildete Menschen. Ähnlich ist es im Gesundheitswesen. Das sind nachhaltige Investitionen in Technik, die einen Mehrwert für die Gesellschaft insgesamt schaffen.

Für Sie ist IT also noch keine reife Industrie?

Nein, auf keinen Fall. Manchem drängt sich die Parallele auf, weil in gesättigten Märkten oft Übernahmen an der Tagesordnung sind. Ich würde jedoch nichts Derartiges für die IT folgern, nur weil, wie jüngst angekündigt, ein Softwareunternehmen einen Hardwarehersteller kaufen will.

Sie meinen den Datenbankanbieter Oracle, der kürzlich ankündigte, den Serverproduzenten Sun Microsystems übernehmen zu wollen?

Daraus sollten Sie nicht den Industrietrend ableiten, dass es künftig nur noch einige wenige allumfassende IT-Anbieter gibt. Den Deal haben zwei Freunde bei einem Glas Wein miteinander ausgeheckt.

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