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Saxofonist Branford Marsalis Hören Sie Wagner!

Der Saxofonist Branford Marsalis über Klassisches für jeden Tag.

Mein jüngster Zugang auf dem MP3-Spieler, der mich auf meinen Tourneen begleitet, ist Richard Wagners „Fliegender Holländer“. Es ist seine erste Oper, und es fällt mir auf, wie sehr seine Komposition an die Opern von Giuseppe Verdi erinnert. Ich höre, wie Wagner ein Anhänger dieses Komponisten war und über die Jahre zu seinem ganz eigenen Stil gefunden hat. Es klingt überraschend, aber Wagner war Zeitgenosse von Verdi, beide wurden 1813 geboren. Meine Beziehung zu Wagner ist sehr stark. Von 1991 bis 1997 habe ich jeden Tag einen Teil vom „Ring des Nibelungen“ gehört. Ich bevorzuge die Interpretationen von Herbert von Karajan. Ich glaube, dass Karajan mit seinen Aufnahmen des Rings sein musikalisches Vermächtnis hinterlassen wollte. Sicher, seine Einspielungen der neun Symphonien von Beethoven sind wichtig, aber da finde ich Leonard Bernstein besser. Für mich ist das, worum es Karajan in der Musik ging, am klarsten erkenntlich im Ring. In seinen Einspielungen aus den Sechzigerjahren werden die Noten zur Nebensache. Die Charaktere singen einander zu, statt nur Melodien zu singen, und das ist sehr bewegend. Natürlich sind mir auch die anderen deutschen Komponisten wichtig: Franz Schubert, Gustav Mahler. Und Bach. Wir haben Freunde in Leipzig besucht, und einer von ihnen fragte mich, ob ich schon die „Matthäus-Passion“ gehört hätte. Als ich verneinte, war er erstaunt. Hey, es gibt so viel von Bach, das war halt noch nicht dabei! Wir gingen also in diese Kirche mit hohen Wänden aus Stein. Ich hörte die „Matthäus-Passion“ und es war ein außergewöhnliches Musikerlebnis. Nachdem das Konzert zu Ende war, schwieg ich auf der Rückfahrt, so beeindruckt war ich. Als wir die Kinder zu Bett gebracht hatten und meine Frau und ich allein waren, bin ich über sie hergefallen. Musik live zu erleben ist ein Ereignis, das starke Emotionen auslöst. Dennoch funktioniert auch aufgenommene Musik. Wie hat Bach damals geklungen? Hat Beethoven seine Stücke so gehört, wie er sie gemeint hat? Ich denke nein, die Musiker waren damals einfach technisch nicht so fortgeschritten. Deswegen bin ich auch skeptisch gegenüber Aufnahmen von Musik mit historischen Instrumenten. Die Musiker heute sind viel besser, und vermutlich hat es so damals nicht geklungen. Es hat auch keinen Sinn, sich zu fragen, was Komponisten wie Bach oder Beethoven heute geschrieben hätten. Sie säßen vermutlich am Strand und würden das Geld zählen, das sie mit weniger anspruchsvoller Musik verdient hätten. Natürlich gibt es heute Komponisten, die Herausragendes schreiben können. Aber sie müssen nicht. Sie machen Filmmusik. John Williams ist ein solch hervorragender Musiker, er hat einen starken Sinn für Melodien, wie sie auch in den Filmen „Der weiße Hai“ oder „Der Soldat James Ryan“ zu hören sind. Oder hören Sie sich James Horners Soundtrack zu dem Film „House of Sand and Fog“ an. Sehr empfehlenswert. Zur Popmusik fällt mir nicht mehr viel ein. Das bedeutet nicht, dass man sie nicht hören soll. Nur mit welcher Erwartung? Wenn es Justin Timberlakes Ziel war, mit „FutureSex“ ein Album für 20-Jährige zu machen, dann ist es unter diesem Aspekt ein großartiges Werk. Sting wiederum hat nun mit „Songs from the Labyrinth“ eine CD mit Songs des Lautisten John Dowland aufgenommen. Als wir damals zusammen spielten, begann er schon, sich auch für Klassik zu interessieren. Er spielte Mozart. Ich sagte ihm damals, dass es gefährlich sei, was er da mache. Die meisten Leute werden dir nicht folgen bei dem, was du tust, sagte ich ihm. Dennoch: Er ist ein sehr guter Musiker. Hören Sie sich nur das Stück „Have you seen the bright lily grow“ an. Er singt dort eine Tonleiter, das können so nur wenige. Aber man hört auf der CD, dass die Stücke damals Unterhaltung waren. Auch Schuberts „Winterreise“ ist erst über viele Jahre zu „ernster Unterhaltung“ geworden. Für mich sind das im Prinzip auch Pop-Songs – allerdings handwerklich viel besser gemacht als alles, was heute geschrieben wird. Andererseits wird auch guter Pop nie alt. Wenn Sie heute Billy Idol hören, dann hören Sie 20 Jahre alte Musik. Nehmen Sie hingegen Bruce Hornsby – das ist immer noch gültig, es hat eine eigene Qualität. Ein Tipp noch aus dem Jazz: Stephen Riley ist ein Saxofonist, der mir sehr gut gefällt. Er schafft Musik in dem Moment, in dem er sie spielt. Andere Jazzer klingen, als hätten sie am Abend vor dem Konzert eine Rede vorbereitet, die sie dann vortragen.

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