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Schmiergeld Deutsche Konzerne auf Bewährung

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In der Produktionsstätte der Quelle: dpa/dpaweb

Doch vor einem Jahr spitzte sich der Machtkampf zwischen Algeriens Geheimdienstchef Mohamed Médiène und Staatschef Abdelaziz Bouteflika zu. Médiène ließ ein Korruptionssystem bei Sonatrach auffliegen, um die Regierung zu destabilisieren. Sonatrach – 125 000 Mitarbeiter, 42 Milliarden Euro Jahresumsatz – wurde Zentrum eines Schmiergeldskandals. Die Affäre kostete den Energieminister den Posten. Sonatrach-Chef Mohamed Meziane wurde 2010 verhaftet.

Gezahlt haben sollen an den Staatskonzern für Aufträge nicht nur eine Tochter des italienischen Energieriesen Eni und der US-Energie-Dienstleister Halliburton, sondern auch Funkwerk. Ermittelt wird in Algier gegen die Sicherheitstechniksparte Funkwerk Plettac aus Fürth sowie die deutsch-algerische Arbeitsgemeinschaft Groupement Contel Funkwerk Plettac. Funkwerk-Konten mit rund vier Millionen Euro in Algier wurden eingefroren, Sonatrach-Aufträge über rund 55 Millionen -Euro storniert. Der frühere Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft, Ali Smail Djaffar, soll illegale Zahlungen kassiert und verteilt haben – auch an die Mezianes, die davon unter anderem eine Luxuswohnung in Paris erstanden. Zum Ausgleich, so der Verdacht, könnte Funkwerk Aufträge überteuert abgerechnet haben.

Schlupflöcher bleiben offen

Funkwerk-Gründer und Vorstandschef Hans Grundner bestätigt gegenüber der WirtschaftsWoche die Ermittlungen, nennt die Vorwürfe aber „vollkommen haltlos“. Funkwerk habe „keine Zahlungen oder sonstige Vorteile gegenüber Sonatrach-Mitarbeitern und deren Familienangehörigen gewährt“. Die Preise seien „marktgerecht“ gewesen.

Algier entwickelt sich für die Thüringer zum Waterloo. Im Februar teilte das börsennotierte Unternehmen mit, der Algerien-Auftrag Base 24 sei „in der ersten Jahreshälfte 2010 angehalten“ worden, Funkwerk habe „eine Wertminderung von bis zu 13 Millionen Euro auf gebundene Vorräte und Vermögensgegenstände vorgenommen“. Als Grund für den Auftragsstopp nannte Funkwerk allerdings nicht die Korruptionsermittlungen, sondern die „deutlich zunehmende politische Instabilität in Nordafrika“.

Ähnliche Abrechnungen wie in Algier sind denkbar, wenn neue Machthaber etwa in Tunesien, Ägypten oder Libyen die Geschäfte der alten Regime aufdecken.

Die Unternehmenschefs wissen um die Gefahr. Deshalb binden sie ihre Auslandsdependancen in die Compliance-Programme ein. Die Konkurrenten Siemens, General Electric und Philips etwa haben in China vereinbart, sich über unseriöse Angebote auszutauschen. Und 80 deutsche Unternehmen haben sich in Moskau im April 2010 auf Initiative der deutsch-russischen Auslandshandelskammer zu absoluter Lauterkeit im Russland-Geschäft verpflichtet – keine Bestechung, keine dubiosen Berater, keine Geschenke an Partner und Politiker. Mit von der Partie sind Siemens und Daimler. Alt-Sünder Siemens beteiligt sich bußfertig „bis November 2013 nicht an Aufträgen in Russland“, die die Weltbank finanziert.

Manche Schlupflöcher bleiben trotz aller Maßnahmen offen, sagen Experten. „Beraterverträge gehen immer noch“, weiß der Wiener Korruptionsexperte Matthias Kopetzky von der Sicherheitsberatung Business Valuation. Unternehmer Vietz zum Beispiel hat nach eigener Aussage Rechnungen für angebliche Vermittlungsprovisionen von Beratern in die Schweiz überwiesen. Komme keine Rechnung, „zahle ich das Schmiergeld von meinem privaten Konto. Sonst würde ich ja Steuerbetrug begehen“.

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