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Schriftsteller Bodo Kirchhoff im Interview Zeiten der Krise: Was Börse und Sex gemeinsam haben

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Wie denn?

Ich habe mich gefragt: Wo bin ich selbst das Schweinchen?

Und?

Die kindliche Lust, aus zwei Bauklötzen schnell zehn zu machen, ein schnelles Auto zu fahren, im Kasino zu zocken – die ist auf jeden Fall in mir drin. Wie überhaupt Schriftsteller etwas ähnlich Hochstaplerisches haben wie Investmentbanker.

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    Wie kommen Sie denn darauf?

    Wenn ich ein Buch schreibe, muss ich so tun, als sei es schon da, als hätte ich schon was. Ich schreibe auf tönernen Füßen, errichte ein Luftschloss, das ich dann nach und nach auf solide Füße stelle.

    "Die Krise spielt sich nicht nur in den oberen Bank-Etagen ab"

    Steckt so ein Schwein nicht in jedem von uns?

    Für mich ist die Finanzkrise Ausdruck einer größeren, umfassenderen Krise, die uns alle betrifft und sich nicht nur in den oberen Etagen der Banken abspielt. Ich habe den Beginn der Krise empfunden als umfassendes böses Erwachen. Zahlen mit Werten zu verwechseln – das steckt offenbar tief in uns drin. Solche Dinge können nicht über Jahre laufen, wenn nicht eine Gesamtstimmung existiert hätte. Die ganze Welt ein Wilder Westen, da konnte man ungestört Rowdy sein und doch als Geschäftsmann gelten. Eine Stimmung, die von Politikern – die gleichen übrigens, die sich jetzt wie Eltern gebärden, die den ungezogenen Kindern auf die Finger klopfen, das Taschengeld kürzen und Ausgehverbot erteilen – und von der Bevölkerung seit Langem begünstigt wurde.

    Was meinen Sie konkret?

    Auch die Gier der normalen Bürger. Ob Chefarzt oder Gärtner, die ihre Altersvorsorge mit riskanten Investments aufs Spiel setzen, oder der Pfarrer, der die Kollekte an der Börse verspekuliert – alle werden Opfer ihrer Habsucht. Ständig wird gezockt, auf Teufel komm raus. Nehmen Sie nur die Poker-Sendungen, die parallel zum Finanzboom eingesetzt haben. Da sitzen nicht Gangsterbosse am Tisch, sondern 30-jährige Milchgesichter. Oder die Castingshows, die die Vorstellung vermitteln, jeder sei ein Star. Das ist eine Karriere auf tönernen Füßen, die nichts hinterlässt als Löcher. Da gibt es Glanz nur dank greller Scheinwerfer, nicht dank eigener Substanz.

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