WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Schriftsteller Bodo Kirchhoff im Interview Zeiten der Krise: Was Börse und Sex gemeinsam haben

Seite 3/4

Woher kommt das?

Wir leben in einer sehr beschleunigten Welt, in der die Machbarkeit von Glück, die Gestaltung von Schicksal eine große Rolle spielt. Das Religiöse weicht zurück, die Menschen sind diesseitsgetrieben. Der Druck der Endlichkeit sitzt ihnen im Nacken. Wer so denkt, muss alles daransetzen, die Dinge zu beschleunigen, um in dieses Leben ein Maximum hineinzupacken. Da bleiben etwa 20 Jahre, um Werte zu schaffen – ab 50 wird es kritisch. Heraus kommt nichts als die Pervertierung der Idee des Paradieses auf Erden.

Seit wann beobachten Sie das?

Verstärkt nach der Katastrophe vom 11. September. Rückblickend wirken die Anschläge in New York auf mich wie ein Startschuss für die jetzige Krise – frei nach dem Motto: Gerade noch mal davongekommen, und jetzt erst recht. Hauptsache, die Performance stimmt – womit wir beim nächsten Problem wären – die Sprache.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Sie schreiben doch selbst recht flapsig.

    Nicht flapsig, sondern leicht. Der Tonfall im Buch ist Spiegel der Leichtfertigkeit, die zu unserer Situation geführt hat. Die Sprache hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Ausmaß der Finanzkrise. Wo ein Schuldschein zum Wertpapier wird, der Bankier zum Banker oder Bankster und nur noch von equity-linked bonds gesprochen wird, stimmt etwas nicht. Diese Anglizismen sind der Sound des Geldes, die Sprache des Erfolgs.

    "Sie wollten nichts lieber, als diese Welt hinter sich zu lassen"

    Sind Menschen wie der Investmentbanker Deserno wirklich nur Produkt ihrer Umwelt?

    Jedenfalls kenne ich viele von der Sorte. Aufgewachsen in einer halblinken Frankfurter WG, wollten Menschen seines Schlags nichts lieber als diese Welt hinter sich zu lassen, um das Fahrrad gegen den Porsche einzutauschen.

    Sie nicht?

    Ich finde die Finanzwelt durchaus spannend. Aber viele Investmentbanker geraten in ihren Beruf offenbar ohne jegliche Vorbildung. Und etwas auf so tönernen Füßen zu tun, würde mir zutiefst widerstreben. Für mich gehört viel Arbeit dazu, um am Ende etwas zu können – ob es nun Metzger, Banker oder Schriftsteller ist.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%