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Schriftsteller Bodo Kirchhoff im Interview Zeiten der Krise: Was Börse und Sex gemeinsam haben

Schriftsteller Bodo Kirchhoff über Parallelen zwischen Börse und Sex, den Verfall der Sprache und die Ökonomie des Schreibens.

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Bodo Kirchhoff, 60, gehört mit Romanen wie „Infanta“ (1990), „Parlando“ (2001) oder „Schundroman“ (2002) zu den renommiertesten deutschen Schriftstellern. In seinem aktuellen Roman „Erinnerungen an meinen Porsche“ (Verlag Hoffmann und Campe, 17,95 Euro) wird der Sportwagen zum Synonym des malträtierten Geschlechtsteils des Investmentbankers Daniel Deserno, 39, der sich in einer von B-Promis bevölkerten Kurklinik von der Finanzkrise und einer schmerzhaften Attacke seiner Ex-Freundin erholt. Kirchhoff lebt in Frankfurt und am Gardasee Quelle: Inge Lieberberg

WirtschaftsWoche: Herr Kirchhoff, haben Sie durch die Finanzkrise Geld verloren?

Kirchhoff: Kein bisschen. Ich lebe auf gutem Niveau von der Hand in den Mund – allerdings ohne die geringste Altersvorsorge. Ich muss jeden Roman, den ich schreibe – das dauert im Schnitt zwei Jahre, in denen ich kaum Einnahmen habe – vorfinanzieren. Ich schlittere bei jedem neuen Buch gewissermaßen an der Privatinsolvenz entlang. So anstrengend das sein kann – hier kam es mir zugute, dieses Gefühl zu kennen.

In Ihrem neuen Roman heißt es: „Wer ein Buch schreiben will, muss Zeit und Geld haben und wenigstens einen guten Grund.“ Wenn nicht Rache am Anlageberater – welchen hatten Sie?

Für mich stand am Anfang ein persönliches Tief nach meinem 60. Geburtstag. Ich fühlte mich leer, spürte, dass mir die Zeit langsam davonläuft. Ich arbeitete damals bereits an zwei größeren Romanprojekten, die mich noch Jahre beschäftigen werden. Da hatte ich den Wunsch, vorher noch etwas Schnelles zu Papier zu bringen.

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    Das Thema Sexualität zieht sich seit Jahrzehnten durch Ihr Werk. Warum lassen Sie es diesmal an einem Investmentbanker aus?

    Weil der Quickie beim Sex und der Quickie des Geldes nicht weit weg sind voneinander. Ursprünglich sollte das Buch in einem engen häuslichen Rahmen spielen. Mit dem Ausbruch der Finanzkrise hat sich alles verändert und beschleunigt. Was ab August 2008 über uns hereinbrach, war so überdimensional, dass ich nur mit noch größerer Übertreibung antworten konnte. Mit dem Wahnsinn im Roman habe ich nur auf den Wahnsinn reagiert, der auf mich einströmte. Alle Umstände sprachen dafür, mit den Ereignissen Schritt zu halten. Ich habe zwölf Stunden täglich geschrieben, das Buch in fünf Monaten zu Ende gebracht. Ein Wettlauf mit der Zeit.

    Ihr persönlicher, schreiberischer Quickie, um schnell Kapital aus der Krise zu schlagen?

    Um nicht vorzeitig die Lust an dieser Art des Schreibens zu verlieren.

    "Ins Absurde übersteigert"

    Und deswegen sind Sie der Frankfurter Verlagsanstalt, wo Ihre Bücher seit Jahren publiziert werden, untreu geworden?

    Nein. Das war eine Sache, die ganz sauber mit allen Beteiligten besprochen wurde. Nur so war es möglich, die aktuellen Ereignisse so rasch zu publizieren.

    Und mal wie ein Journalist zu arbeiten?

    Darum geht es nicht. Ein Schriftsteller kann mit Mitteln arbeiten, die ein Journalist sich gar nicht erlauben könnte. Mir geht es um eine verdichtete Wahrhaftigkeit der Figuren, um das Fremde im Fremden. Ich will Hintergründe erzählend plastisch ausloten, nicht letzte Details an Informationen vermitteln. Dafür gibt es Fachbücher.

    Haben Sie die gar nicht konsultiert? Immerhin erklären Sie Begriffe wie Hedging oder den Mechanismus des Ölpreises.

    Natürlich habe ich die Wirtschaftsteile der Zeitungen viel intensiver studiert als vorher. Gleichzeitig habe ich sehr darauf geachtet, dass mich die Details nicht verwirren. Mein Sohn, der Wirtschaft und Philosophie in England studiert, hat mir etwa von einer albernen Formel erzählt, die er auswendig lernen musste. Die habe ich im Roman ins Absurde übersteigert. Und diese lächerlich knappe Definition von Hedging habe ich aus dem Duden übernommen. Die ist mir mehr wert als jeder Fachartikel. Die Details sollen sich meiner Geschichte unterordnen, nicht umgekehrt. Dafür recherchiere ich erst mal bei mir selbst.

    Wie denn?

    Ich habe mich gefragt: Wo bin ich selbst das Schweinchen?

    Und?

    Die kindliche Lust, aus zwei Bauklötzen schnell zehn zu machen, ein schnelles Auto zu fahren, im Kasino zu zocken – die ist auf jeden Fall in mir drin. Wie überhaupt Schriftsteller etwas ähnlich Hochstaplerisches haben wie Investmentbanker.

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      Wie kommen Sie denn darauf?

      Wenn ich ein Buch schreibe, muss ich so tun, als sei es schon da, als hätte ich schon was. Ich schreibe auf tönernen Füßen, errichte ein Luftschloss, das ich dann nach und nach auf solide Füße stelle.

      "Die Krise spielt sich nicht nur in den oberen Bank-Etagen ab"

      Steckt so ein Schwein nicht in jedem von uns?

      Für mich ist die Finanzkrise Ausdruck einer größeren, umfassenderen Krise, die uns alle betrifft und sich nicht nur in den oberen Etagen der Banken abspielt. Ich habe den Beginn der Krise empfunden als umfassendes böses Erwachen. Zahlen mit Werten zu verwechseln – das steckt offenbar tief in uns drin. Solche Dinge können nicht über Jahre laufen, wenn nicht eine Gesamtstimmung existiert hätte. Die ganze Welt ein Wilder Westen, da konnte man ungestört Rowdy sein und doch als Geschäftsmann gelten. Eine Stimmung, die von Politikern – die gleichen übrigens, die sich jetzt wie Eltern gebärden, die den ungezogenen Kindern auf die Finger klopfen, das Taschengeld kürzen und Ausgehverbot erteilen – und von der Bevölkerung seit Langem begünstigt wurde.

      Was meinen Sie konkret?

      Auch die Gier der normalen Bürger. Ob Chefarzt oder Gärtner, die ihre Altersvorsorge mit riskanten Investments aufs Spiel setzen, oder der Pfarrer, der die Kollekte an der Börse verspekuliert – alle werden Opfer ihrer Habsucht. Ständig wird gezockt, auf Teufel komm raus. Nehmen Sie nur die Poker-Sendungen, die parallel zum Finanzboom eingesetzt haben. Da sitzen nicht Gangsterbosse am Tisch, sondern 30-jährige Milchgesichter. Oder die Castingshows, die die Vorstellung vermitteln, jeder sei ein Star. Das ist eine Karriere auf tönernen Füßen, die nichts hinterlässt als Löcher. Da gibt es Glanz nur dank greller Scheinwerfer, nicht dank eigener Substanz.

      Woher kommt das?

      Wir leben in einer sehr beschleunigten Welt, in der die Machbarkeit von Glück, die Gestaltung von Schicksal eine große Rolle spielt. Das Religiöse weicht zurück, die Menschen sind diesseitsgetrieben. Der Druck der Endlichkeit sitzt ihnen im Nacken. Wer so denkt, muss alles daransetzen, die Dinge zu beschleunigen, um in dieses Leben ein Maximum hineinzupacken. Da bleiben etwa 20 Jahre, um Werte zu schaffen – ab 50 wird es kritisch. Heraus kommt nichts als die Pervertierung der Idee des Paradieses auf Erden.

      Seit wann beobachten Sie das?

      Verstärkt nach der Katastrophe vom 11. September. Rückblickend wirken die Anschläge in New York auf mich wie ein Startschuss für die jetzige Krise – frei nach dem Motto: Gerade noch mal davongekommen, und jetzt erst recht. Hauptsache, die Performance stimmt – womit wir beim nächsten Problem wären – die Sprache.

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        Sie schreiben doch selbst recht flapsig.

        Nicht flapsig, sondern leicht. Der Tonfall im Buch ist Spiegel der Leichtfertigkeit, die zu unserer Situation geführt hat. Die Sprache hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Ausmaß der Finanzkrise. Wo ein Schuldschein zum Wertpapier wird, der Bankier zum Banker oder Bankster und nur noch von equity-linked bonds gesprochen wird, stimmt etwas nicht. Diese Anglizismen sind der Sound des Geldes, die Sprache des Erfolgs.

        "Sie wollten nichts lieber, als diese Welt hinter sich zu lassen"

        Sind Menschen wie der Investmentbanker Deserno wirklich nur Produkt ihrer Umwelt?

        Jedenfalls kenne ich viele von der Sorte. Aufgewachsen in einer halblinken Frankfurter WG, wollten Menschen seines Schlags nichts lieber als diese Welt hinter sich zu lassen, um das Fahrrad gegen den Porsche einzutauschen.

        Sie nicht?

        Ich finde die Finanzwelt durchaus spannend. Aber viele Investmentbanker geraten in ihren Beruf offenbar ohne jegliche Vorbildung. Und etwas auf so tönernen Füßen zu tun, würde mir zutiefst widerstreben. Für mich gehört viel Arbeit dazu, um am Ende etwas zu können – ob es nun Metzger, Banker oder Schriftsteller ist.

        Der demolierte Investmentbanker Deserno möchte auch ein Buch schreiben und hält Schreiben für Handwerk plus eigenen Sumpf. Wie ist das bei Ihnen?

        So ähnlich. Einerseits verstehe ich Schreiben als ein Handwerk, an dem man arbeiten kann. Andererseits als Ausdruck meiner Schwächen und Abgründe. Die vielen Falten und Schluchten, die sich in einem auftun – das nenne ich Talent. Oder, wie es Deserno sagt: Wie viel Scheiße steckt in einem und wie viel Gold lässt sich daraus spinnen?

        In Ihrem Fall gibt es wohl von beidem eine ganze Menge – Sie haben in 30 Jahren mehr als 30 Bücher und ebenso viele Drehbücher verfasst.

        Ich habe wohl eine starke Disziplin, sonst könnte ich dieses Pensum nicht leisten. Aber ich möchte ja damit Geld verdienen. Außerdem würde ich mich sonst langweilen. Ich habe eine Sieben-Tage-Woche: Um acht Uhr morgens fange ich in meiner Sachsenhauser Schreibstube an, schreibe bis zwei Uhr nachmittags, mache eineinhalb Stunden Pause, dann geht es weiter bis um sieben, und später noch mal eine Stunde, meist so zwischen 22 und 23 Uhr.

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          "Fürs Lesen muss ich Urlaub nehmen"

          Mit welchem Buch schlafen Sie dann ein?

          Wenn ich schreibe, lese ich nie. Fürs Lesen muss ich Urlaub nehmen. Gerade war ich zehn Tage in der Karibik – ohne Laptop, nur mit einem Koffer voller Romane.

          Warum so weit? Sie haben auch ein Domizil am Gardasee.

          Dort halten meine Frau und ich seit Jahren im Sommer Schreibseminare. Für mich allein wirklich konzentriert arbeiten kann ich dort nicht – wenn ich nur an die Gartenarbeit denke oder die Handwerker. In meiner Klause in Frankfurt muss ich höchstens mal staubsaugen. Und wenn es hart auf hart kommt, gehe ich zwei Wochen ins Hotel. Am besten in ein Land, dessen Sprache ich nicht verstehe. Kein Telefon, keine Kinder, raus nur zum Essen. So bin ich ganz konzentriert auf meine Arbeit. Allein mit mir und meiner Sprache.

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