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Schwitzen für die Gesundheit Wellness: Wunderbarste Wonnen im Hamam

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Eine Ahnung davon können Besucher heute noch in Ländern wie Syrien, Algerien oder Marokko erleben, wo der Hamambesuch weiterhin zum Alltag von Frauen und Männern gehört. In Syrien verbringen Frauen mit ihren Kindern halbe Tage im Hamam, ratschen, lachen, lästern über westliche Besucher, die oft vergleichsweise wenig Fett auf den Rippen haben. Zwischen Schwitzbädern und Waschungen essen sie von mitgebrachten Speisen. In Algerien und Marokko, beobachtet die Wiener Wissenschaftlerin Heidi Dumreicher, werden Hamams eingeplant, wenn neue Stadtteile am Reißbrett entstehen. Mit ihrem Institut Oikodrom untersucht Dumreicher gerade in einem von der EU finanzierten Projekt Rettungsmöglichkeiten für Hamams.

Doch die alten Prachtbauten verfallen, die hygienischen Verhältnisse entsprechen nicht westlichen Vorstellungen. Schon mit bloßen Füßen ist zu spüren, dass der Boden nicht sauber ist. „Die meisten Bäder bräuchten ein Upgrading, bevor sie Europäern gefallen würden“, sagt Dumreicher. Im al-Zaher, einem der schönsten Bäder von Damaskus, werden Gäste auf einem Camping-Tisch mit Plastikfurnier massiert, von der Decke blättert die Farbe ab.

In Kairo, das der Legende zufolge einst 365 Bäder besaß – eines für jeden Tag im Jahr – empfangen mittlerweile nur noch sechs Bäder Kundschaft – auch sie werden wohl bald schließen – aus Besuchermangel. Der Niedergang ist politisch durchaus gewollt: Die Islamisten stören sich an der Freizügigkeit – selbst wenn die Bäder streng nach Geschlechtern getrennt sind. Und Hamams gelten seit jeher als Orte, an denen offen diskutiert wird – auch das ist offenbar nicht erwünscht. Hinzu kommen hohe Betriebskosten und die banale Tatsache, dass immer mehr Haushalte über ein Badezimmer verfügen.

Historische Hamams in Istanbul

Als beliebtes Touristenziel zumindest haben mehrere historische Hamams in Istanbul überlebt. Und in Ankara kommen wohlhabende Einheimische gerne in das frisch restaurierte Sengül-Bad. „Sie wollen Geschichte riechen“, sagt Wissenschaftlerin Dumreicher. Manche wollen auch einfach nur Geschäfte machen: In Madrid bietet Medina Mayrit mitten im lärmigen Zentrum einen ruhigen Rückzugspunkt. Geschäftsleute kommen gerne mittags mit Verhandlungspartnern für eilige 20 Minuten in ihr Hamam, an das Ritual schließt sich eine Mahlzeit im angegliederten maurischen Restaurant an. „Das ist ein Fast-Food-Hamam“, sagt der belgische Designer de Tervarent, der am edlen Ambiente mitgewirkt hat. Doch das Konzept kommt extrem gut an.

Ganz ohne historischen Bezug begeistert sich in Zürich eine private Initiative für das Dampfbad. Nach langen Kämpfen mit Stadt und Anrainern wird ein öffentliches Hamam im Patumbah-Park entstehen. Die Gruppe lässt sich von einem Zitat aus Tausendundeiner Nacht leiten: „Wie kann eine Stadt, die so schön ist wie diese, ohne ein Warmbad sein, da dies doch eine der wunderbarsten Wonnen der Welt ist.“

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