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Siemens-Hauptversammlung Geburtstagsgeschenk für den Ex-Chef

Während der Aufarbeitung der Schmiergeldaffäre gab es bei dem Elektrokonzern Siemens die eine oder andere spannungsgeladene Hauptversammlung. Dieses Mal steht die Zusammenkunft der Aktionäre jedoch ganz im Lichte von Vergleich und Schlussstrich.

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Siemens-Vorstandschef Peter Quelle: REUTERS

Sogar Daniela Bergdolt, bayrische Landesgeschäftsführerin der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), die sonst oft als scharfzüngige Kritikerin des Siemens-Managements auftritt, ist heute geradezu versöhnlich: „Der Vergleich mit ehemaligen Managern und Aufsichtsräten ist wichtig, damit Ruhe ins Unternehmen kommt und sich Siemens auf die Bewältigung der Krise konzentrieren kann.“ Mehr noch, die DSW-Rechtsanwältin sieht in dem Schlussstrich unter der Schmiergeldaffäre nach rund drei Jahren („in kurzer Zeit gut gemeistert“) sogar eine „Revolution für den Börsenplatz Deutschland, weil er zeigt, dass sich Manager der Verantwortung nicht mehr völlig entziehen können.“

Cromme versöhnlich

Da wundert es nicht, dass auch Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme während seiner Eröffnungsansprache eine persönliche Erleichterung anzumerken ist, als er die rund 7700 Aktionären in der Münchner Olympiahalle auffordert, den Vergleichen mit neun früheren Vorständen und Aufsichtsräten zuzustimmen. Sogar seinem früheren Spezi, der sich in den vergangenen Monaten immer mehr zu seinem persönlichen Intimfeind hochgeschaukelt hatte, gibt Cromme – mit einer knallroten Krawatte ungewöhlich auffällig gekleidet – ein wenig verbalen Balsam mit auf den Weg: „Insbesondere Heinrich von Pierer war einer ungewöhnlich intensiven Befassung der Medien mit der Thematik ausgesetzt, die eine Einigung zusätzlich erschwert hat.“ Der Vergleich sieht vor, dass der Ex-Konzern- und Aufsichtsratschef wegen Missachtung der Aufsichtspflichten fünf Millionen Euro Schadenersatz an seinen früheren Arbeitgeber bezahlt.

Geburtstagsgeschenk für Pierer

Genau dies wiederum ist manchem späteren Redner dann offenbar doch zu glimpflich. Heinrich von Pierer sei ja heute nicht anwesend, bemerkt etwa Harald Petersen, stellvertretender Vorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), süffisant. „Der feiert heute seinen 69. Geburtstag.“ Und zu jenem machten ihm die Aktionäre heute ein passendes Geschenk. „Dass Sie hier mit einer Zahlung von nur fünf Millionen Euro rausgehen angesichts des Schadens, den Sie angerichtet haben, ist doch ein Geschenk“, so Petersen an die Adresse von Pierers. Die gesamte Vergleichssumme, über den die Siemens-Aktionäre heute abstimmen, liegt bei rund 20 Millionen Euro. „Das ist nicht einmal ein Prozent des Schadens – und damit beinahe lächerlich gering“, legt Kleinaktionärsvertreter Petersen den Finger in die Wunde. Denn die Aufklärung der Schmiergelddaffäre inklusive Strafzahlungen hat dem Siemens-Konzern Kosten in Höhe von insgesamt rund 2,4 Milliarden beschert.

Peter Löscher (AP Photo/Uwe Quelle: AP

Deutlich weniger Dissens besteht zwischen Siemens-Management und den Aktionären dagegen über das operative Geschäft und die strategische Ausrichtung. Auch Konzernboss Peter Löscher wird in seiner Rede direkt im Anschluss an Cromme nicht müde, die gute Verfassung des von ihm geleiteten Unternehmens hervorzuheben: „Siemens zeigt Stärke in der Krise“, „Wir haben in die Offensive zurückgefunden“, „Siemens stellt Weichen in Richtung Nachhaltigkeit“ lauten Löschers zentrale Botschaften, um darzulegen, wie gut der Konzern aufgestellt sei. Das unterstreicht Löscher sogar optisch: Im Gegensatz zu Crommes knallrotem Binder trägt der 52-jährige Österreicher eine dezente, beinahe in Siemens-typischem grün gehaltene Krawatte.

Vergütungssystem zur Abstimmung

„Sieht die Zukunft von Siemens wirklich so grün aus wie Löschers Schlips?“, fragt später auch ganz treffend Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutioneller Privatinvestoren (VIP). Aber ernsthafte Gegenargumente gegen die Ausrichtung des Konzerns auf Energieeffizienz und Umwelttechnologien hatte auch er nicht. Mehr in Rage redete sich Buhlmann dagegen beim Thema Managervergütung. „Das ist schon ein beachtliches Volumen, das die Siemens-Manager als Vergütung erhalten. Da frage ich mich: Ist das ein Bezug oder ein Verdienen?“, so Buhlmann mit Blick auf die rund sieben Millionen Euro, die allein Vorstandschef Peter Löscher im vergangenen Jahr erhalten hat. Die Höhe der Bezüge können die Siemens-Aktionäre zwar nicht direkt beeinflussen. Aber immerhin steht das der Vergütung zugrunde liegende System wie etwa feste und variable Bestandteile dieses Mal zur Abstimmung – erst zum zweiten Mal in Deutschland nach einer ähnlichen Abstimmung bei ThyssenKrupp in der vergangenen Woche.

Berater Joschka Fischer in der Kritik

Das neue Vergütungssystem soll für Vorstände und Aufsichtsräte gelten – und letztere sollen nach der Zahl der Sitzungen des Kontrollgremiums bezahlt werden, was Buhlmann kritisiert: „Wir sollten nicht für die Hintern, sondern für das Gehirn der Aufsichtsräte bezahlen.“ Einen weiteren Seitenhieb gibt der VIP-Vertreter dann noch in Richtung eines ehemaligen Bundesministers, der seit einiger Zeit als Siemens-Berater unterwegs ist: „Warum bekommt der mehr als eine Million Euro im Jahr, obwohl er uns doch früher immer geschadet hat?“, fragt Buhlmann unter aufbrausendem Zwischenapplaus. „Nur weil er jetzt als 'Fischer für neue Kontakte' durch die Lande reist?“

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