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Siemens-Hauptversammlung Löscher bettelt um Milde

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Siemens-Chef Peter Löscher: Viele Baustellen trotz Aufräumarbeiten Quelle: dpa

Auch anderswo sind viele Veränderungen, die Löscher angestoßen hat, noch längst nicht angekommen. Denn Aufräumen muss er auf der ganzen Welt – genauer, in 190 Ländern: Seit Siemens vor über 100 Jahren mit seiner Auslandsexpansion begann, haben die Pfadfinder des Konzerns neue Landesgesellschaften meist so organisiert, wie sie übernommene Betriebe vorfanden, wie das örtliche Steuerrecht es begünstigte oder schlicht, wie es ihnen gerade in den Kram passte. Mal GmbH, mal AG, mal ist die Landesgesellschaft als 100-prozentige Tochter eng an die Zentrale gebunden, mal gehört sie Siemens nur zum Teil: 50 Prozent von Siemens Indien etwa befinden sich im Streubesitz auf dem indischen Aktienmarkt.

Die 18 500 Angestellten von Siemens Tschechien arbeiten in rund 30 rechtlich eigenständigen Gesellschaften. Verflochten mit den Landesgesellschaften ist ein unübersichtliches, permanent wachsendes Geflecht aus lokalen Beteiligungen und Joint Ventures mit Partnern aller Couleur. In Russland etwa hält Siemens 25 Prozent an dem St. Petersburger Turbinenhersteller Silowyje Maschiny, der Rest gehört dem Stahlbaron Alexej Mordaschow und dem halbstaatlichen Stromversorger Inter RAO UES. Neue Joint Ventures auf dem russischen Energiesektor sind in Vorbereitung.

Doch ob Moskau, Mumbai oder Prag – in vielen Landesgesellschaften identifizieren sich die Mitarbeiter kaum mit dem unüberschaubaren, vom fernen München aus gesteuerten Koloss. Vom Geschehen an der Konzernspitze haben sie nur eine vage Vorstellung. Vielerorts trüben Ohnmacht und Fatalismus die Stimmung: „Eine Menge könnte besser laufen“, sagt ein tschechischer Siemens-Ingenieur in Prag, „aber die wirklichen Entscheidungsträger sind so weit weg, und bei den deutschen Vorgesetzen hier beißen wir auf Granit. Viele wollen sich einfach nicht bewegen.“

Wenn Löscher es ernst meint, muss er das ändern: Er muss das Mittelmanagement wachrütteln, die Bürokratie stutzen und die Kommunikationswege zwischen München und den Produktionseinheiten verkürzen, um Forschung, Entwicklung und Fertigung im Ausland näher an sich heranzuholen. Ein strikter Zentralisierungskurs also. Gefragt nach Vorbildern, äußern Siemens-Manager hinter der Hand: ThyssenKrupp. Da wundert es kaum, dass als graue Eminenz im Hintergrund der Ex-ThyssenKrupp-Boss und heutige Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme gilt. Auch Cromme erwartet eine turbulente Hauptversammlung, da viele Siemens-Altkader ihm die vermeintliche Zerstörung des Konzerns anlasten.

In den vergangenen Monaten hat Löscher das Siemens-Universum kreuz und quer durchflogen, um sich persönlich ein Bild zu machen. Tenor der jüngsten Führungskräftetagung mit den 500 wichtigsten Siemens-Managern aus aller Welt: Die Produktionsstrategie müsse stärker aus dem Konzern kommen. Die Führung der Landesgesellschaften solle sich vor allem um den Vertrieb kümmern und den Bedarf der lokalen Märkte nach oben melden. Löscher will die globale Produktpalette bereinigen. Produkte, deren Fertigung örtliche Manager aufrechterhalten haben, obwohl sie nicht zum Kerngeschäft von Siemens passen, sollen aus dem Portfolio verschwinden. Damit nicht genug: Auch die seit Anfang des Jahres gültige Aufteilung in die drei Konzernsparten Industrie, Energie und Medizintechnik muss Löscher noch auf die Mehrzahl der Landesgesellschaften herunterbrechen.

Dadurch will Löscher vor allem die Strukturen verschlanken und Entscheidungswege verkürzen. Sein Ziel: die Verwaltungskosten im Gesamtkonzern zwischen 10 und 20 Prozent senken. Dazu beitragen soll auch eine weitere Restrukturierung, die speziell auf die Landesgesellschaften abzielt. Unter dem Stichwort „Clustering“ plant Löscher demnach, verschiedene bisher eigenständige Organisationen zu größeren Einheiten zusammenzufassen. So sollen beispielsweise die Siemens-Einheiten in China, Hongkong und Taiwan demnächst als Siemens Greater China von Peking aus geführt werden.

Wie schwer sich die Landesfürsten vielerorts mit der neuen Ordnung tun, beweist Frankreich. Die weltweite Siemens-Korruptionsaffäre, so scheint es, hat um Paris einen großen Bogen gemacht. „Wir haben alles überprüft, aber nichts gefunden, was uns in Schwierigkeiten bringen könnte“, beteuert Siemens-Frankreich-Chef Philippe Carli. Auch von der neuen Organisationsstruktur fühlt sich die französische Siemens-Landesgesellschaft kaum betroffen. „Bei uns wirkt sich das weniger aus, denn wir haben die Umorganisation teilweise schon früher vollzogen und unsere Aktivitäten zusammengefasst“, sagt Carli. Im Übrigen weist man in Paris darauf hin, dass die Landesgesellschaft für die kommerzielle Strategie verantwortlich bleibe; einen Einflussverlust wolle man nicht erkennen.

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