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Siemens Verkauf könnte Niedergang der Siemens-Telefonsparte beschleunigen

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Die Telefonanlagensparte hatte Siemens mehr als zwei Jahre wie sauer Bier angeboten. Vor allem die große Zahl von Mitarbeitern – ein Erbe der alten Telefontechnik, die mit Heeren von Servicetechnikern gewartet werden müssen – schreckte die Interessenten ab. Schließlich bestehen moderne, internet-basierte Systeme mehr aus Software denn aus Hardware und benötigen deutlich weniger Leute für die Wartung.

Um ein zweites BenQ – verbunden mit einem neuerlichen Imageverlust – zu vermeiden, machte sich Siemens selbst an den notwendigen Personalabbau. Im März verkündete Vorstandschef Peter Löscher, von weltweit 17.600 SEN-Stellen 6800 streichen zu wollen, mehr als 3000 davon in Deutschland. So übergibt Löscher zwar kein saniertes, aber immerhin ein stark zurechtgestutztes Unternehmen. Und er legt noch ordentlich Geld drauf – alles in allem kostet Siemens die Wurzelbehandlung laut Unternehmenskreisen eine knappe Milliarde Euro: The Gores Group bekommt SEN schuldenfrei und obendrein noch Barmittel in Höhe von 500 Millionen Euro.

Die Mitgift wird Gores nicht viel helfen, wenn die SEN-Kundenkartei nicht hält, was er sich von ihr verspricht. Und Branchenbeobachter sehen noch weitere Stolpersteine. „SEN profitiert bisher von durchlaufenden Umsätzen als Siemens-Tochter, etwa wenn ein Siemens-Kraftwerk automatisch mit einer SEN-Telefonanlage ausgestattet wird; das dürfte in Zukunft anders werden“, sagt Dell’Oro-Analyst Weckel.

Richtig heftig könnte es kommen, wenn der Chef eines Netzwerkausrüsters recht behält, der die Telekommunikationsbranche wie seine Westentasche kennt, aber nicht namentlich genannt werden will. Demnach droht Gores Ungemach von rechtlicher Seite „Die Rechtsprechung in Deutschland hat sich in der jüngeren Vergangenheit dahingehend verändert, dass Kunden mittlerweile ein außerordentliches Kündigungsrecht zugestanden wird, wenn sich grundlegende Dinge wie etwa die Eigentumsverhältnisse des Lieferanten ändern.“ Seiner Einschätzung nach könnten SEN-Kunden versucht sein, Konditionen und Preise insbesondere langlaufender Altverträge nachzuverhandeln. Doch auch diesbezüglich gibt man sich bei Siemens gelassen: „Bereits seit zwei Jahren ist bekannt, dass Siemens sich aus dem Geschäft zurückziehen wird. Es gab in der gesamten Zeit keine Indikationen von Kunden, dass sie aus den Verträgen aussteigen wollen.“

Was ein wenig wie das Pfeifen im Walde klingt. Denn offenbar ist man sich bei Siemens mancher der drohenden Probleme bewusst. So hat der Münchner Konzern seit Juli stets betont, bis auf Weiteres einen Anteil von 49 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen halten zu wollten. „Das ist vor allem für die Kundenloyalität ein wichtiges Zeichen“, sagt TEQ-Consult-Chef Sulkin. Darüber hinaus darf das Joint Venture weiterhin Siemens als Marke nutzen; überdies soll SEN auch künftig bevorzugter Lieferant der einstigen Konzernmutter bleiben und den Zugriff auf das weltweite Vertriebsnetz von Siemens behalten. Gores wiederum will SEN mit seinen eigenen Telekommunikationsanbietern Enterasys und SER Solutions bündeln, um neue, kombinierte Produkte anzubieten.

Ob das reicht? Die Sache mit SEN, das schwante Gores schon im Juli, werde gewiss „keine leichte Aufgabe“.

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