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Siemens Verkauf könnte Niedergang der Siemens-Telefonsparte beschleunigen

Der Verkauf der Telefonanlagensparte könnte den Niedergang der Keimzelle von Siemens beschleunigen – weil Kunden abspringen oder die Preise drücken.

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Siemens-Partner Alec Gores: Kehren bisher loyale Kunden dem neuen Mehrheitseigner den Rücken? Quelle: Presse

Als Alec Gores Ende Juli seinen ersten öffentlichen Auftritt in Deutschland hatte, wirkte er wie der Prototyp des kalten US-ameri-kanischen Finanzinvestors. Schweigend und mit ernster Miene saß der Gründer und Chef des Firmenimperiums The Gores Group auf einem Podium in München, während ihn Siemens-Finanzchef Joe Kaeser als künftigen Mehrheitseigner der verlustreichen Telefonanlagensparte von Siemens präsentierte. „Ich habe noch nie mit einem Kauf Verlust gemacht. Wir werden die geeigneten Leute nach München schicken, bis die Sache richtig läuft“, sagte Gores auf Nachfrage lapidar.

Vieles spricht dafür, dass Gores bald noch finsterer dreinschaut als bei der Ankündigung der Partnerschaft. Denn der Verkauf der Sparte könnte den Niedergang der einstigen Keimzelle des Münchner Konzerns sogar noch beschleunigen: Viele Kunden, denen der Münchner Konzern die komplette Einrichtung und Wartung ihrer Telefonanlage besorgte, fiebern dem Ausstieg von Siemens regelrecht entgegen, um aus ihren Verträgen auszusteigen. Derart gefährliche Signale senden derzeit insbesondere deutsche Großkonzerne – wenn auch noch hinter vorgehaltener Hand.

Branchenbeobachter sehen rapide schwindendes Kundenvertrauen

Den Startschuss für die bedrohliche Entwicklung gab Ende vorvergangener Woche die EU-Kommission, indem sie dem Deal zustimmte: Zum Stichtag 1. Oktober übernimmt Gores mit 51 Prozent die Mehrheit an Siemens Enterprise Networks (SEN). Branchenbeobachter prophezeien Gores schwere Zeiten: „Die Kundenbasis von SEN ist immer noch sehr groß – ihre Loyalität gilt jedoch vor allem Siemens“, sagt Allan Sulkin, Gründer und Chef der US-Unternehmensberatung TEQ Consult Group. „Ohne Siemens als Mutter im Rücken könnten Kunden leichter geneigt sein, auf Wettbewerber auszuweichen.“

Die Aussicht auf rapide schwindendes Kundenvertrauen ist ein harter Rückschlag für den neuen Mehrheitseigner, schließlich gilt insbesondere die Kundenkartei als größter Schatz der Beteiligung – inzwischen wohl aber auch als der einzige. Sowohl Branchenkenner wie Kunden bestätigen, dass insbesondere ältere Verträge zwischen Siemens und einigen Großunternehmen als Kompensationsgeschäfte zustande kamen. „Gemäß dem Motto: Wir als Siemens sind ein großer Kunde von euch, also mietet ihr im Gegenzug unsere Telefonanlagen“, sagt der IT-Verantwortliche eines Unternehmens, der ungenannt bleiben möchte. Im Klartext: Sobald SEN nicht mehr Siemens im Rücken hat, schwinde auch der „politische Druck“, die Verträge noch einmal zu verlängern, so ein Brancheninsider. „In den vergangenen Jahren hat es solche Kompensationsgeschäfte nicht gegeben“, heißt es bei Siemens auf Anfrage – was freilich nicht bedeutet, es gebe nicht doch noch entsprechende Altverträge.

SEN in deutschen Großunternehmen enorm präsent

Denn vor allem bei Großkonzernen in Deutschland besitzt SEN immer noch eine enorm hohe Präsenz. Nach einer Umfrage der WirtschaftsWoche nutzen neun von zehn Dax-Konzernen klassische Telefoniesysteme von Siemens. Rund die Hälfte der befragten Unternehmen ist jedoch dabei, auf neue; internet-basierte Anlagen umzusteigen. Ob sie Siemens die Treue halten, wollte keiner der Konzerne preisgeben.

Falls nicht, könnte das SEN erneut empfindlich treffen. Denn die Sparte kämpft wie kaum ein anderer Hersteller mit den Altlasten der herkömmlichen Telefontechnik. Seit dem Start von ISDN Mitte der Achtzigerjahre gehört Siemens zu den großen Spielern im Markt der sogenannten Nebenstellenanlagen. Wie eine Bank konnten sich die Münchner lange Zeit darauf verlassen, dass kleine und große Unternehmen die Siemens-Hicom-Systeme installierten. Die Kunden waren dann in einer Siemens-Welt gefangen, aus der es kaum ein Entrinnen gab. Mietverträge mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren garantierten nicht nur die Störungsbeseitigung bei Pannen und kontinuierliche Wartung. Sie sorgten zugleich für ein profitables Servicegeschäft mit auf Jahre stabilen Einnahmen.

Das war einmal. Der Einzug der Internet-Telefonie in die Telefonwelt – auf Neudeutsch IP-Telefonie – läutet das Ende der klassischen Nebenstellenanlage und des damit verbundenen Wartungsgeschäfts ein. Zwar gibt es sie immer noch, die langen Leasingverträge. Überdies bietet SEN sogenannte hybride Systeme an, die alte und neue Technik miteinander verschmelzen. Doch den Umsatzrückgang konnte das bis heute nicht stoppen. Allein im Geschäftsjahr 2007 sank der SEN-Umsatz im Vergleich zu 2006 um zehn Prozent auf 3,2 Milliarden Euro; gleichzeitig stieg der Verlust von 418 auf 600 Millionen Euro.

Den Abstieg des einstigen Paradegeschäfts hat Siemens größtenteils selbst verschuldet. Viel zu lange haben die Siemensianer die IP-Technik ignoriert. Dabei unterschätzten sie völlig, wie schnell Unternehmen ihre Telefonsysteme auf die neue Technologie umstellen würden – was bei Kosteneinsparungen von bis zu 80 Prozent gegenüber der herkömmlichen Telefonie eigentlich nicht weiter wundert. „SEN hinkt Wettbewerbern wie Alcatel-Lucent oder Avaya in Sachen Internet-Telefonie seit Langem hinterher“, sagt Alan Weckel, Analyst des US-Marktforschers Dell’Oro Group. Als Siemens auf IP umschwenkte, war es bereits zu spät, den Rückstand aus eigener Kraft aufzuholen.

Vor drei Jahren zog Siemens die Reißleine und begann mit dem Ausstieg aus dem Telefongeschäft, das vor mehr als 160 Jahren die Wurzel des Konzerns bildete. Zunächst verkauften die Münchner 2005 ihre Mobilfunksparte an den taiwanischen IT-Anbieter BenQ – ein Schritt, der ein Jahr später mit einer Pleite endete, von der 3000 ehemalige Siemensianer betroffen waren. Anfang 2007 lagerte Siemens das Geschäft mit Telefonnetzen in ein Joint Venture mit dem finnischen Handy-Hersteller Nokia aus. Und im Sommer ging der Bereich der schnurlosen Telefone mehrheitlich an die Beteiligungsgesellschaft Arques.

Die Telefonanlagensparte hatte Siemens mehr als zwei Jahre wie sauer Bier angeboten. Vor allem die große Zahl von Mitarbeitern – ein Erbe der alten Telefontechnik, die mit Heeren von Servicetechnikern gewartet werden müssen – schreckte die Interessenten ab. Schließlich bestehen moderne, internet-basierte Systeme mehr aus Software denn aus Hardware und benötigen deutlich weniger Leute für die Wartung.

Um ein zweites BenQ – verbunden mit einem neuerlichen Imageverlust – zu vermeiden, machte sich Siemens selbst an den notwendigen Personalabbau. Im März verkündete Vorstandschef Peter Löscher, von weltweit 17.600 SEN-Stellen 6800 streichen zu wollen, mehr als 3000 davon in Deutschland. So übergibt Löscher zwar kein saniertes, aber immerhin ein stark zurechtgestutztes Unternehmen. Und er legt noch ordentlich Geld drauf – alles in allem kostet Siemens die Wurzelbehandlung laut Unternehmenskreisen eine knappe Milliarde Euro: The Gores Group bekommt SEN schuldenfrei und obendrein noch Barmittel in Höhe von 500 Millionen Euro.

Die Mitgift wird Gores nicht viel helfen, wenn die SEN-Kundenkartei nicht hält, was er sich von ihr verspricht. Und Branchenbeobachter sehen noch weitere Stolpersteine. „SEN profitiert bisher von durchlaufenden Umsätzen als Siemens-Tochter, etwa wenn ein Siemens-Kraftwerk automatisch mit einer SEN-Telefonanlage ausgestattet wird; das dürfte in Zukunft anders werden“, sagt Dell’Oro-Analyst Weckel.

Richtig heftig könnte es kommen, wenn der Chef eines Netzwerkausrüsters recht behält, der die Telekommunikationsbranche wie seine Westentasche kennt, aber nicht namentlich genannt werden will. Demnach droht Gores Ungemach von rechtlicher Seite „Die Rechtsprechung in Deutschland hat sich in der jüngeren Vergangenheit dahingehend verändert, dass Kunden mittlerweile ein außerordentliches Kündigungsrecht zugestanden wird, wenn sich grundlegende Dinge wie etwa die Eigentumsverhältnisse des Lieferanten ändern.“ Seiner Einschätzung nach könnten SEN-Kunden versucht sein, Konditionen und Preise insbesondere langlaufender Altverträge nachzuverhandeln. Doch auch diesbezüglich gibt man sich bei Siemens gelassen: „Bereits seit zwei Jahren ist bekannt, dass Siemens sich aus dem Geschäft zurückziehen wird. Es gab in der gesamten Zeit keine Indikationen von Kunden, dass sie aus den Verträgen aussteigen wollen.“

Was ein wenig wie das Pfeifen im Walde klingt. Denn offenbar ist man sich bei Siemens mancher der drohenden Probleme bewusst. So hat der Münchner Konzern seit Juli stets betont, bis auf Weiteres einen Anteil von 49 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen halten zu wollten. „Das ist vor allem für die Kundenloyalität ein wichtiges Zeichen“, sagt TEQ-Consult-Chef Sulkin. Darüber hinaus darf das Joint Venture weiterhin Siemens als Marke nutzen; überdies soll SEN auch künftig bevorzugter Lieferant der einstigen Konzernmutter bleiben und den Zugriff auf das weltweite Vertriebsnetz von Siemens behalten. Gores wiederum will SEN mit seinen eigenen Telekommunikationsanbietern Enterasys und SER Solutions bündeln, um neue, kombinierte Produkte anzubieten.

Ob das reicht? Die Sache mit SEN, das schwante Gores schon im Juli, werde gewiss „keine leichte Aufgabe“.

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