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Softwarehersteller SAP: Flop in Sicht

Die Finanzkrise kommt SAP fast gelegen. Unter ihrem Deckmantel kann der Softwareriese ungelöste Probleme und eigene Fehler verstecken.

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SAP-Chef Kagermann - Quelle: AP

Walldorf bei Mannheim, im Oktober 2008: Sparappelle fast im Tagesrhythmus, Einstellungsstopp, Verzicht des Top-Managements auf zehn Urlaubstage, vielleicht Zwangsurlaub über Weihnachten, im Extremfall sogar Arbeitsplatzabbau.

Es knirscht vernehmbar im Gebälk bei SAP. Nach außen hin scheinen Finanzkrise und Konjunktur dem Softwareriesen mit 50.000 Beschäftigten und zehn Milliarden Euro Umsatz mächtig zuzusetzen. In Wahrheit dienen das Desaster im Geldgewerbe und der weltweite Nachfragerückgang den beiden Vorstandschefs Henning Kagermann und Léo Apotheker wohl eher als willkommener Vorwand, um von eigenen Problemen abzulenken. „Die Finanzkrise ist für SAP ein Geschenk Gottes“, sagt Helmuth Gümbel, Chef des Marktforschungsunternehmens Strategy Partners. „Viele Probleme bei SAP sind hausgemacht“, sagt auch ein Insider aus dem Aufsichtsratsumfeld, der ungenannt bleiben will.

Der weltweite Marktführer bei Unternehmenssoftware leidet unter drei Problemen, die die düstere Stimmung besser erklären als Banken- und Wirtschaftskrise. Zum einen lasten die Schwierigkeiten mit der noch immer unvollendeten Mittelstandssoftware Business By Design – wichtiger Hoffnungsträger für künftiges Wachstum – wie Blei auf dem Unternehmen. Inzwischen sind die Probleme so groß, dass langjährige Firmenkenner bereits argwöhnen, SAP könnte das einstige Prestigeprojekt sogar ganz einstellen. Zum anderen kristallisiert sich immer mehr heraus, dass SAP viel Geld für Entwicklung ausgibt, ohne dass sich der große Markterfolg einstellt.

Und schließlich rumort es bei den angestammten Kunden, weil diese sich gezwungen fühlen, tiefer in die Tasche greifen zu müssen. Zahlten die Unternehmen für die Wartung und regelmäßige Updates ihrer SAP-Softwarepakete bisher 17 Prozent der Lizenzkosten pro Jahr, müssen sie nun schrittweise 22 Prozent nach Walldorf überweisen. „Die Verärgerung der Kunden über SAP ist groß“, sagt Karl Liebstückel, Chef der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG), der Interessenvertretung von rund 2000 SAP-Nutzern in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Dabei wirkte bis vor Kurzem diesseits der Walldorfer Kulissen noch alles wie eitel Sonnenschein. Im Gegensatz zur Konkurrenz schien SAP immun gegen die Finanzkrise oder sonstige konjunkturelle Verwerfungen zu sein. Noch Ende Juli hob der sonst so zurückhaltende Kagermann die eigene Prognose fürs laufende Geschäftsjahr nach oben an. Anfang September folgte seine Beteuerung auf einer Analystenkonferenz in New York, SAP bleibe weitgehend von der Finanzkrise verschont. Am 24. September bestätigte er die Prognose erneut.

Am 6. Oktober jedoch, keine zwei Wochen später, legte Kagermann völlig unerwartet eine Kehrtwende hin: „Leider konnte sich SAP den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise, wie sie seit der zweiten Septemberhälfte die Märkte erfasst, nicht entziehen“, musste der SAP-Chef schmallippig eingestehen – und reduzierte die Erwartungen für das dritte Geschäftsquartal. Die Börse strafte die Walldorfer dramatisch ab: Am Tag der Umsatzwarnung sackte die SAP-Aktie in der Spitze um mehr als ein Fünftel in den Keller, am Ende vernichtete der Einbruch um 16 Prozent sieben Milliarden Euro Börsenwert.

Welche Fehler SAP in jüngster Zeit beging, zeigt exemplarisch die umstrittene, im Juli angekündigte Erhöhung der Wartungspauschale: Jedes Unternehmen, das Softwarelizenzen bei SAP kauft, muss seit Frühjahr dieses Jahres für den sogenannten Enterprise Support 22 Prozent des Listenpreises bezahlen. Alte SAP-Kunden, die derzeit 17 Prozent entrichten, müssen bis 2012 sukzessive 22 Prozent entrichten – ein Plus von knapp 30 Prozent. Für SAP ist der Aufschlag jedoch keine Preiserhöhung. Die Walldorfer sagen, die Technologie habe sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, und sie hätten Art und Umfang des Supports – etwa durch Einführung einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung – verbessert.

Die Botschaft hört der Kunde wohl, allein ihm fehlt der Glaube. „Viele erkennen den Mehrwert des neuen Wartungsmodells nicht“, sagt DSAG-Chef  Liebstöckel. „Insbesondere für Mittelständler ist der neue Support überdimensioniert – sie wünschen sich eine einfachere und günstigere Lösung.“ Ähnlich argumentieren die Marktforscher von Forrester Resarch. Eine Anfang Oktober veröffentlichte Studie unter 200 SAP-Anwendern ergab, dass die meisten Unternehmen den aufgemotzten Support gar nicht benötigen. 85 Prozent der Befragten gaben sogar an, sie nähmen schon den heutigen Support kaum in Anspruch, durchschnittlich wendeten sie sich weniger als sechsmal im Jahr an SAP. „Die neue Wartung ist für viele wie eine umfassende, aber teure Versicherung, die man fast nie benutzt“, sagt Forrester-Analyst Ray Wang.

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