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Solarbranche Die fetten Jahre sind vorbei

Tiefrote Zahlen, kaum Nachfrage: Die deutsche Solarindustrie wird zum großen Verlierer der Energiewende. Schuld an der Misere sind nicht nur die Konkurrenten aus Asien, sondern auch deutsche Subventionen.

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Ein Solarmodul der Conergy AG Quelle: dapd

Nach der Reaktorkatastrophe in Japan und dem Ausstieg aus der Kernkraft schien klar, dass die erneuerbaren Energien in Deutschland einen Boom erleben. Und klar schien auch, dass davon besonders die Solarbranche profitieren wird - gelten Solarzellen hierzulande doch als Symbol für grünen Strom. Doch am Himmel ziehen düstere Wolken auf: Ausgerechnet die Solarbranche steckt in einer Krise und droht zum Verlierer der Energiewende zu werden.

Beispiel Q-Cells: Noch vor wenigen Monaten galt das Unternehmen aus Sachsen-Anhalt als Branchenprimus, wurde wegen seines starken Wachstums im Jahr 2009 sogar als „Business of the Year“ ausgezeichnet. Heute kommen aus der Zentrale des Solarzellenherstellers fast nur schlechte Nachrichten. Im zweiten Quartal des Jahres hat Q-Cells rund 355 Millionen Euro Verlust gemacht. „2011 wird ein schwieriges Jahr“, sagt der Vorstandsvorsitzende Nedim Cen und kündigt einen Konzernumbau an. Die Produktion von Solarzellen wird in Malaysia konzentriert, dafür soll die Hälfte der Kapazitäten in Deutschland geschlossen werden. Die Verwaltungskosten werden um 30 Prozent gesenkt. Und außerdem werden Stellen wegfallen - wie viele, ist noch offen.

Tiefrote Zahlen

Auch Solon hat Probleme. Wegen schwacher Nachfrage hat der Hersteller von Solarmodulen im ersten Halbjahr seinen Verlust auf 63 Millionen Euro ausgeweitet. Der Umsatz ging um acht Prozent auf 222 Millionen Euro zurück. Rund 70 Millionen Euro muss das angeschlagene Unternehmen sparen, um wieder in die Gewinnzone zu kommen. Doch die Gläubiger sind bereits ungeduldig, schon seit Monaten verhandelt Solon-Chef Stefan Säuberlich mit den Banken über eine Kreditverlängerung.

Schlechte Nachrichten gibt es auch vom Photovoltaik-Unternehmen Phoenix Solar. Wegen der geringen Nachfrage nach Solarparks ist die Produktion nicht ausgelastet, in den Lagern stapelt sich die Ware. Im ersten Halbjahr setzte das Unternehmen 141 Millionen Euro um, etwa 60 Prozent weniger als im Vorjahr. Deutliche Verluste machte Conergy aus Hamburg. Obwohl das Solarunternehmen den Umsatz im Vergleich zum ersten Quartal um 40 Prozent steigern konnte, macht Conergy unterm Strich einen Verlust von 13,5 Millionen Euro. Der Solartechnikkonzern SMA Solar hat im zweiten Quartal einen operativen Gewinn von 90 Millionen Euro gemacht, im Vorjahr waren es noch 127,5 Millionen. Trotz der Einbußen hat der Konzern aus Niestetal die Erwartungen der Analysten deutlich übertroffen. 

Nur ein Solarunternehmen konnte einen Gewinn vermelden: Solarworld aus Bonn. Das starke US-Geschäft bescherte dem Unternehmen ein Plus von 22,4 Millionen Euro. Dennoch: Der Umsatz ging im ersten Halbjahr zurück - von 608 auf 535 Millionen Euro.

Statt als Helden der Energiewende gefeiert zu werden, kämpft die deutsche Solarbranche um ihr Überleben. Schuld an der Misere seien steigende Rohstoffkosten, sinkende Verkaufspreise und Subventionskürzungen, heißt es bei den Herstellern. Erst Anfang des Jahres hatte die Bundesregierung die Vergütung für Solarstrom gekappt, der ins Netz eingespeist wird - von 33 auf 28,74 Cent pro Kilowattstunde.

Die Konkurrenz drückt aufs Tempo

Zudem sei das Marktumfeld schwach, klagen die Hersteller. Zwar ist Deutschland mit rund 54 Prozent aller installierten Anlagen der größte Solarmarkt weltweit. Doch fast jede zweite in Deutschland installierte Solaranlage kommt aus China. Wolfgang Hummel, Energieexperte an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), erwartet einen „massiven Preiskampf und Verdrängungswettbewerb“. Denn die asiatischen Unternehmen drücken aufs Tempo und bauen ihre Kapazitäten aus.

Bis zum Ende des Jahres werden rund 85 Prozent der weltweit hergestellten Solarzellen aus China kommen, haben die britischen Marktforscher von IMS Research errechnet. Deutsche Solarunternehmen, die sich ohnehin schon in einer finanziellen Schieflage befinden, sind in ihrer Existenz bedroht: „Die Gefahr ist groß, dass manche Unternehmen vom Markt verschwinden werden“, sagt HTW-Energieexperte Hummel.

Die deutschen Solarhersteller sind nicht nur die Leidtragenden, teilweise haben sie diese Entwicklung auch verursacht. Weil ihre Produktion wegen der hohen Förderung hierzulande fast immer ausverkauft war, haben es die meisten Unternehmen versäumt, rechtzeitig ihre Kosten zu senken. Sie haben kaum neue Märkte ins Visier genommen und sich nicht auf die starke Konkurrenz aus Asien eingestellt. Kurz: Die deutschen Solarunternehmen sind zu teuer, zu langsam und zu einfallslos geworden.

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