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Soziale Netzwerke Was die Internet-Weltmacht Facebook antreibt

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat mit seinem sozialen Netzwerk die Konkurrenz meilenweit abgehängt. Jetzt wird er selbst Google gefährlich und ist auf dem Weg zum Herrscher des Internets. Ein Blick hinter die Kulissen.

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Facebook-Chef Mark Zuckerberg Quelle: REUTERS

Palo Alto, 1601 South California Avenue. Hier, genau zwischen Bildung und Kommerz, am Ende einer hübsch mit Fichten und kalifornischen Eichen gesäumten Straße, liegt das Hauptquartier von Facebook. Links residiert mit Hewlett-Packard (HP) der größte Technologiekonzern der Welt. Rechts erstreckt sich der Campus der Eliteuniversität Stanford. Just dazwischen hat sich Facebook eingerichtet, in einem früheren HP-Laborgebäude.

Eine abgewetzte Couch, drei Besuchersessel, ein gläserner Kühlschrank mit Limo-Fläschchen, mit graubraunen Steinen bedeckte Wände, ein muffiger Geruch – nichts in dem winzigen Foyer deutet darauf hin, dass hier das Herz des mit einer halben Milliarde Nutzern derzeit populärsten Internet-Konzerns der Welt schlägt. Als einziger Schmuck hängt ein gerahmtes Facebook-Plakat an der Wand, darauf die Unterschriften der ersten 30 Mitarbeiter. Auf dem Empfangstresen steht das aus blau-weißen Legosteinen zusammengebaute Facebook-Logo.

Chef im Grossraumbüro

Empfängt der Suchmaschinen-Gigant Google – mit 140 Milliarden Dollar Börsenwert derzeit das wertvollste Internet-Unternehmen der Welt – Besucher durchgestylt wie ein Designhotel mit quietschbunten Sesseln, edlen Glastischen und psychedelisch wabernden Lavalampen, verströmt das Facebook-Foyer das Flair einer sauerländischen Jugendherberge. Dazu passt das Grüppchen von T-Shirt-Trägern, alle Anfang 20, die fröhlich lärmend um 10.30 Uhr mit ihren Laptops aus dem Shuttle des Silicon-Valley-Chauffeurservice steigen. Entspannt schlendern sie durch eine Glastür zu ihrem Arbeitsplatz – einer lichtdurchfluteten Halle von der Größe eines halben Fußballfeldes, vollgestellt mit frei im Raum stehenden Schreibtischen, bepackt mit überdimensionalen Flachbildschirmen. An den Wänden hängen Werke des coolen Graffiti-Künstlers David Choe.

Alles ist offen – weder gibt es die sonst im Silicon Valley üblichen Cubicle-Waben aus Pappwänden noch Zimmer. Niemand hat ein Büro, nicht mal Mark Zuckerberg. Der 26-jährige Gründer und Chef von Facebook, ein meist ernst blickender junger Mann mit lockigen Haaren und schmalem Gesicht, sitzt an einem schlichten Schreibtisch inmitten seiner Angestellten. Einen Tisch weiter arbeitet seine 15 Jahre ältere Operativchefin Sheryl Sandberg, die Zuckerberg vor zwei Jahren höchstselbst bei Google abwarb. Noch heute ist Google-Chef Eric Schmidt verschnupft, seine Chef-Werbeverkäuferin an den aufstrebenden Konkurrenten verloren zu haben.

Als einziges sichtbares Privileg verfügt Zuckerberg über einen eigenen, an drei Seiten verglasten Konferenzraum. Jeder Mitarbeiter kann sehen, mit wem der Chef gerade spricht. Der Facebook-Gründer demonstriert so jene ultimative Transparenz, die er auch mit seinem sozialen Netzwerk anstrebt: Alles ist für alle sichtbar. Der Glasraum ist allerdings ein doppeldeutiges Symbol: Bei Facebook gibt es keine Privatsphäre – nicht mal im Hauptquartier.

Schaltzentrale des World Wide Web

Zugleich täuscht das spartanische Ambiente über Zuckerbergs wahre Ambitionen hinweg. Denn tatsächlich ist Facebook auf dem Weg, in diesem Jahrzehnt zum mächtigsten Internet-Unternehmen der Welt aufzusteigen, einflussreicher noch als Ebay, Yahoo und Amazon. Längst hat der sechs Jahre junge Konzern die Schlacht der sozialen Netzwerke für sich entschieden. Nun macht Zuckerberg Facebook mehr und mehr zu einer Schaltzentrale des World Wide Web, vernetzt mit Hunderten Millionen Web-Seiten rund um den Globus.

Damit wird Zuckerbergs Reich selbst Google gefährlich, weil es Chancen auf ein weit größeres Stück vom wachsenden Online-Werbemarkt hat und zugleich so gestrickt ist, künftig gleich mehrere angrenzende Märkte zu besetzen – als Plattform etwa auch für den Vertrieb von Software und die Vermittlung von Internet-Handel. Der wesentliche Unterschied: Dreht sich bei Google alles um Informationen, stehen bei Facebook Menschen im Mittelpunkt, ihre Ansichten, Vorlieben, Freunde und Bekannten.

Facebook-Nutzer in Deutschland

„Wir werden viel stärker durch das beeinflusst, was unsere Freunde machen, als durch Empfehlungen von Unbekannten“, sagt Venkat Venkatraman, Professor für Management an der Universität Boston. „Durch die gegenseitige Vernetzung wird Facebook gewissermaßen zur Goldmine für Meinungen, Vorlieben und Interessen der Menschen – ein wichtiger Pluspunkt gegenüber Internet-Anbietern wie Amazon oder Google.“

Tatsächlich hat Facebook das bis dato anonyme Internet persönlich gemacht und mit 35 Milliarden Fotos seiner Mitglieder angereichert. Eine halbe Milliarde Nutzer verewigte sich bislang mit persönlicher Visitenkarte in den Speichern des sozialen Netzwerks. Geht es im bisherigen Tempo weiter, erreicht Facebook im Frühjahr 2011 die Zahl von einer Milliarde Nutzer – und damit jeden siebten Erdenbürger. Etwa die Hälfte der Nutzer loggt sich jeden Tag auf Facebook ein, manchmal gleich für mehrere Stunden. US-Surfer, ermittelten die Marktforscher von Comscore, verbringen jeden Monat sieben Stunden bei Facebook, aber nur drei Stunden bei Yahoo und zwei mit Google.

Schon diese Zahlen sorgen dafür, dass Facebooks potenzieller Markt wesentlich größer ist als der von Google. Zugute kommt dem sozialen Netz auch die Verteilung der weltweiten Ausgaben für Marketing und Werbung von geschätzt etwa 600 Milliarden Dollar. Ein Zehntel davon geben die Unternehmen für Werbung bei Kunden aus, die bereits einen Kaufwunsch haben und sich nur noch für ein bestimmtes Produkt entscheiden müssen. In diesem Segment ist vor allem Google aktiv und vereinnahmt bereits 25 Milliarden Dollar davon für sich. 540 Milliarden Dollar dagegen fließen in Kampagnen, die ein Bedürfnis nach Produkten oder Dienstleistungen erzeugen oder für Vertrauen zu einer Marke werben sollen. In dieser ungleich größeren Liga spielt Facebook, und hier sind erst etwa fünf Prozent der Ausgaben ins Internet gewandert.

Nettogewinn im zweistelligen Millionenbereich

Während Google damit schon viel von seinem Erlöspotenzial ausgeschöpft hat, steht Facebook am Anfang eines Booms. Google-Vorstandschef Schmidt muss deshalb nach neuen Märkten suchen, beispielsweise Werbung auf Mobiltelefonen. Doch selbst im Geschäft mit Smartphones hat Facebook bereits seine Claims abgesteckt – sein Button ist eine der populärsten App genannten Mini-Programme auf den Handys.

In diesem Sommer wird Facebook dank der Werbeeinnahmen erstmals die Umsatzgrenze von einer Milliarde Dollar durchbrechen. Im Gesamtjahr 2010 könnte Facebook zwischen 1,2 und 2,0 Milliarden Dollar umsetzen, berichtet das „Wall Street Journal“ mit Verweis auf ungenannte Facebook-Manager. Aus Unternehmenskreisen verlautet, dass Facebook 2009 bei einem Umsatz von rund 800 Millionen Dollar bereits einen Nettogewinn im zweistelligen Millionenbereich erwirtschaftet hat. Legt Facebook nun einen ähnlichen Spurt hin wie Google, könnten am Ende des Jahrzehnts schon 25 oder 30 Milliarden Dollar Umsatz in der Bilanz stehen. Oder auch mehr.

Denn die Struktur von Facebook ist so offen, dass es neben Werbung auch andere Märkte besetzen kann, Märkte wie Social Games: Der Online-Spieleanbieter Zynga etwa setzt mit seinen populären Facebook-Spielen wie FarmVille und Mafia Wars bereits 350 Millionen Dollar jährlich um. Und Facebook kassiert mit, wenn die Spieler virtuelles Saatgut für ihre Bauernhöfe oder zusätzliche Waffen für den Bandenkrieg erwerben – in realen Dollar natürlich.

Rasantes Wachstum

Das Netzwerk könnte sich auch zu einer Bedrohung für Online-Händler wie Amazon und Ebay entwickeln: Durch die Verknüpfung mit fremden Web-Seiten können Nutzer möglicherweise schon bald via Facebook online auf Shopping-Tour gehen, ohne das soziale Netzwerk zu verlassen. Für den Vermittlungsdienst bekäme Facebook eine Umsatzprovision.

Das rasante Wachstum ist der wesentliche Grund dafür, dass die Facebook-Zentrale so nüchtern und provisorisch wirkt: Jeden Monat melden sich 30 Millionen neue Nutzer an – auch wenn das jüngste Plus im heimische US-Markt etwas mau war. Facebook beschäftigt mehr als 1400 Mitarbeiter, und es ist absehbar, dass das erst vor einem Jahr bezogene Hauptquartier bald schon aus den Nähten platzt. Denn bei seinem Vormarsch hat Facebook ein wichtiges Kapital: Es gilt bei den kreativen Köpfen im Valley als schwer angesagt.

Facebook-Produktdesigner Cuervo

„Facebook ist ungeheuer spannend“, sagt der 28-jährige Produktdesigner So-leio Cuervo, der es sich auf einem Sofa neben dem Schreibtisch bequem gemacht hat und Entwürfe für Facebook-Seiten auf einen Schreibblock kritzelt. 2005 stieß er zu Facebook und hatte schnell das Gefühl bei „einer neuen Internet-Revolution“ dabei zu sein.

Denn Facebook ist ein Phänomen, vergleichbar nur mit dem kometenhaften Aufstieg von Google. Zufall oder nicht – bei beiden spielte ein gebürtiger Deutscher Geburtshelfer. War es bei Google der bayrische Unternehmer Andreas von Bechtolsheim, der 1998 als erster Investor einen Scheck über 100.000 Dollar unterschrieb, gab bei Facebook der in Frankfurt geborene Hedgefondsmanager Peter Thiel im Sommer 2004 das erste Wagniskapital über eine halbe Million Dollar. Thiel hält heute noch drei Prozent an Facebook.

Später kaufte Microsoft 1,6 Prozent der Anteile, außerdem stiegen der russische Internet-Mogul Juri Milner sowie die deutschen Unternehmer-Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer ein. Nimmt man die Preise als Maßstab, zu denen ehemaligen Facebook-Mitarbeiter ihre Anteile zurzeit über Online-Vermittler wie Sharepost verkaufen, wäre das soziale Netzwerk heute 24 Milliarden Dollar wert.

Digitales Einwohnermeldeamt

Was macht Zuckerberg besser als die anderen, inzwischen als gescheitert geltenden Wettbewerber wie MySpace? Der Durchbruch kam, als der Harvard-Studienabbrecher im Herbst 2006 das bis dahin nur Studenten vorbehaltene soziale Netzwerk für jedermann zugänglich machte. Entscheidend war überdies, dass sich Facebook 2007 für Anwendungen von Drittanbietern öffnete: Externe Anbieter können eigene Softwareprogramme schreiben, die auf den Facebook-Seiten laufen. Waren es zum Start 85 solcher Applikationen, sind es drei Jahre später bereits 550.000 – und viele von ihnen saugen eigene Fangruppen an: Allein 70 Millionen virtuelle Landwirte ackern weltweit mit beim Bauernspiel FarmVille.

Das hält Facebook für viele frisch und spannend und lockt Menschen in Scharen an: Damit mauserte sich Facebook zu einer Art digitalem Nervensystem des Internets, zum Sprungbrett ins World Wide Web für eine halbe Milliarde Nutzer – und zugleich zu einem inoffiziellen digitalen Einwohnermeldeamt. Zählte das Netzwerk Anfang 2009 noch 150 Millionen Nutzer, hat es innerhalb von anderthalb Jahren seine Mitglieder mehr als verdreifacht – vor allem durch die internationale Expansion. Zwar führen die USA mit 125 Millionen Mitgliedern, das ist mehr als jeder dritte Einwohner. Doch mittlerweile sitzen 70 Prozent der Nutzer im Ausland.

Für die Werbeindustrie ist Facebook ein Traum. Niemand konnte sich vorstellen, dass Millionen von Leuten freiwillig ihr Foto ins Internet heben, garniert mit Namen, Geburtsjahr, Nationalität und als Dreingabe auch noch Interessen, Vorlieben, und den gesamten Freundeskreis verraten – alles ohne Bezahlung und ständig aktualisiert.

Baby-Fotos, Kaffee-Coupons und gratis Flugtickets

War Facebook früher von Kleinanzeigen teils zweifelhafter Anbieter dominiert, rollt nun die Welle der großen Markenanbieter auf das soziale Netzwerk zu. Ob BMW, Porsche, Audi, Starbucks, McDonald’s, Nike oder Adidas – alle sind auf Facebook mit einer eigenen Seite vertreten oder schalten Werbung.

Der Konsumgüterriese Procter & Gamble hat sogar ein eigenes Verbindungsbüro im Silicon Valley eröffnet, um seine Produkte stärker in sozialen Netzwerken zu präsentieren. Auf Facebook wirbt der Konzern für seine Pampers-Windeln und zählt bereits 300.000 Fans, die dort Fotos oder Videos ihrer Babys veröffentlichen. Starbucks verlost Coupons für seine Kaffeedrinks, Southwest Airlines verschenkt schon mal Freiflüge.

Facebook-Mitarbeiter

Dem Sog von Facebook, so zeigen Zahlen des Marktforschers Comscore, können sich die Werber nicht entziehen. 20 Prozent aller Internet-Werbeanzeigen in den USA werden bereits auf sozialen Netzwerken geschaltet, davon entfallen mehr als die Hälfte auf Facebook. Seit 2009 hat Facebook die Zahl seiner Werbekunden vervierfacht. 60 der 100 Unternehmen mit den größten Werbebudgets weltweit inserieren dort.

Und der Online-Anteil der Werbung dürfte noch viel größer werden: Erst fünf Prozent aller Werbe-Dollar entfallen auf Kampagnen im Web. „Hier kommen wir als Facebook ins Spiel“, sagt Tim Kendall, Director of Monetization und damit dafür zuständig, dass das Unternehmen mit den Gratisdiensten für Nutzer dennoch Umsätze macht. „Wir können garantieren, dass eine Anzeige beispielsweise nur von Frauen zwischen 20 und 30 Jahren in Nordamerika gesehen wird, die sich für Babykleidung interessieren“, verspricht Kendall. Zugleich werden nicht nur die potenziellen Mütter in die Kampagne einbezogen, sondern auch der Bekanntenkreis, der eventuell Babykleidung verschenken will. Die Anzeige taucht bis zu fünfmal am Rand der Startseite auf, bis sie durch eine andere ersetzt wird. Das funktioniert, weil die Startseite für jeden Facebook-Nutzer unterschiedlich erzeugt wird, also ungefähr so, als ob ein Fernsehsender für jeden seiner Zuschauer einen eigenen Kanal ausstrahlen würde.

Sympathie auf Knopfdruck

Doch die Träume der Werber werden noch bunter. Auf eigens von Firmen geschaffenen Facebook-Seiten kann man die Liebe für ein Produkt erklären, beispielsweise den beliebten Frappuchino von Starbucks. Kürzlich hat Facebook einen Sympathieknopf eingeführt, mit dem seine Nutzer, aber auch alle anderen Internet-Surfer zeigen können, welche Artikel, Produkte oder Web-Seiten ihnen gefallen.

Web-Seiten-Betreiber können den Knopf einbauen; mehr als eine Million von ihnen weltweit haben das bereits gemacht, in Deutschland unter anderem die Online-Version der „Bild“-Zeitung. Der „Gefällt mir“-Knopf reichert den Datenschatz von Facebook weiter an. Denn über jeden Klick erhält Zuckerberg eine virtuelle Rückmeldung. Ist ein Nutzer beim Knopfdruck gleichzeitig bei Facebook eingeloggt, kann das Unternehmen die bezeugte Vorliebe sogar präzise zuordnen und dokumentieren.

Neue Potenziale

Damit tun sich neue Potenziale auf. Zum einen kann Facebook mit diesen Daten eine Rangliste von Internet-Seiten und den darauf enthaltenen Informationen anlegen, also genau das, was Google mithilfe von Algorithmen macht. Der Vorteil wäre, dass Facebook menschliche Intelligenz einspannt und damit nicht in Konflikt mit Googles Patenten gerät.

Zudem kann Facebook seinen Werbekunden nicht nur sagen, wo sie auf dem sozialen Netzwerk inserieren müssen, sondern auch auf welchen externen Internet-Seiten sie am besten ihre Anzeigen platzieren. Dafür kassiert Facebook – ähnlich wie Google mit seinem Adsense-Programm – Provision.

Trotz aller Werbechancen ist zurzeit aber das wichtigste Ziel von Facebook, mehr Nutzer zu gewinnen. Profit aus ihnen kann man auch später noch schlagen. Denn je mehr Mitglieder das Netz hat, umso besser kann Facebook Werbekunden präzise auf ihr Anliegen zugeschnittene Zielgruppen bieten.

Großraumbüro bei Facebook

Die reibungslose Expansion ist vor allem die Aufgabe von Bret Taylor. Der 29-Jährige ist ein in sich ruhender Mann mit strahlenden Augen, der trotz seiner jungen Jahre ein High-Tech-Veteran ist. Früher arbeitete er bei Google, gründete dann das Startup Friendfeed und kam im Rahmen der 50-Millionen-Dollar-Übernahme seiner Firma, die via Internet veröffentlichte Nachrichten von Freunden und Bekannten aggregiert, zu Facebook.

Ohne seine innere Ruhe würde Taylor der Job verrückt machen. Denn er ist verantwortlich dafür, dass die Technikbasis von Facebook trotz rasant steigender Mitgliederzahlen nicht zusammenbricht. Schon jetzt werden auf Facebook weltweit fast zehn Millionen Fotos aufgerufen – pro Sekunde. Jede kleine Information, die auf Facebook landet, wird für alle Ewigkeit gespeichert, zumindest solange der Nutzer sie nicht löscht. Außerdem muss das Unternehmen sicherstellen, dass persönliche Daten nur den dafür befugten Nutzern angezeigt werden. „Es ist eine Menge Neuland, aber das macht ja den Reiz aus“, sagt Taylor. Das gibt ihm den Kick, den der etablierte Suchmaschinengigant Google nicht mehr bieten kann. „Google war mir zu groß geworden“, sagt ein weiterer Überläufer, der Facebook-Kommunikationschef Elliot Schrage.

Tadel aus Harvard

Derzeit wird auf Schrage freilich von allen Seiten eingeprügelt. Es geht darum, ob Facebook den Schutz der Nutzerdaten zu sehr auf die leichte Schulter nimmt, um sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz wie beispielsweise der deutschen StudiVZ zu verschaffen. Die darf sich Ähnliches wegen der strengeren deutschen Datenschutzbestimmungen nicht leisten.

Längst beschäftigen sich Regierungen weltweit mit der mangelnden Privatsphäre auf Facebook, neben dem US-Kongress auch die deutsche Bundesregierung. Wird der Protest zu laut, räumt Zuckerberg regelmäßig ein, „dass wir den Schutz unserer Daten besser hätten kommunizieren müssen“. Das klingt wie ein Seitenhieb auf Schrage und seine Leute. In Wirklichkeit praktiziert Zuckerberg, was viele erfolgreiche Internet-Unternehmer vor ihm getan haben: Grenzen testen, ausloten, wie weit man gehen kann. So handelte sich Zuckerberg schon mit einem Vorläufer von Facebook einen Tadel von seiner Alma Mater Harvard ein, weil er ungefragt Informationen seiner Kommilitonen ins Netz gestellt hatte.

Auch in Deutschland droht Facebook Ungemach. In der vergangenen Woche leitete der Hamburger Datenschutzbeauftragte ein förmliches Bußgeldverfahren gegen das Unternehmen ein. Hintergrund ist, dass Facebook bei bestimmten Funktionen zum Auffinden neuer Freunde die E-Mail- und Handy-Adressbücher seiner Nutzer auswertet. Dadurch sollen Nichtmitglieder ungefragt per E-Mail zum Registrieren bei Facebook angefragt worden sein.

In China ausgebremst

Bisher hat die Kritik der Datenschützer Facebook jedoch nicht gebremst – weder beim Wachstum der Neumitglieder noch bei den Aktivitäten der bestehenden Gemeinschaft. Aufrufe zum Massenaustritt etwa von Internet-Unternehmern wie Jason Calacanis, der sich ausspioniert fühlte, haben nichts gefruchtet. Dafür ist das Netzwerk schon zu etabliert.

Die größte Gefahr für seinen Laden, weiß Schrage, kommt nicht unbedingt von eigenen Nutzern, sondern von Politikern. Im wichtigsten Internet-Wachstumsmarkt China beispielsweise hat Facebook nie einen Fuß auf den Boden bekommen. Denn die chinesische Regierung fördert das ihr genehme soziale Netzwerk Xiaonei und bremst Facebook aus. Wie schon bei Google fürchten die Zensoren, sie könnten den Informationsfluss nicht mehr kontrollieren. Facebook ist in China nur sporadisch erreichbar.

Teeküche bei Facebook

„Es wäre schade, wenn Regierungen vorschreiben, was im Internet alles nicht getan werden darf“, sagt Schrage. Er hat einen Trumpf im Ärmel. Wenn Facebook staatliche Auflagen zur Zensur oder dem allzu starken Abschotten von Nutzerprofilen als zu drakonisch und nicht praktikabel einschätzt, „dann werden wir uns überlegen, ob wir unserem Service in dem Land noch anbieten“. Zumindest in demokratischen Ländern könnte das einen Protestschrei der Mitglieder auslösen, der Druck auf die Politik wäre groß – vor allem dort, wo es keine ernst zu nehmende Konkurrenz zu Facebook gibt.

Simple Grundidee

In Deutschland allerdings hat Facebook noch nicht gesiegt: Hier sind die VZ-Netzwerke stärker. Aber auch sie kommen zunehmend unter Druck. Zwar ist die Gruppe mit den drei Plattformen SchülerVZ, StudiVZ und MeinVZ mit rund 17 Millionen Nutzern Marktführer. Doch Facebook holt auf: Erst im März 2008 mit einem lokalen Angebot gestartet, vermeldeten die Amerikaner vor rund einem Monat zehn Millionen aktive Nutzer in Deutschland. Das macht Zuckerberg stolz: „Vor einigen Jahren waren wir bei euch doch fast gar nicht sichtbar.“

Besondere Schritte, um den Rückstand auf die VZ-Netzwerke aufzuholen, plant der 26-Jährige aber nicht: „Die Grundidee der Vernetzung von Menschen ist so simpel, dass es neben der Sprache keiner besonderen Anpassungen bedarf.“ Das sehen die VZler anders und wollen den Konkurrenten vor allem mit der Besinnung auf ihre lokalen Stärken auf Abstand halten.

Unternehmerische Kontrolle

Trotz aller Erfolge: Große Eile, an die Börse zu gehen oder immense Gewinne zu erwirtschaften, hat Zuckerberg offiziell nicht. „Wir wollen Facebook weiter ausbauen“, sagt er, „wir stehen bei den sozialen Medien doch erst am Anfang.“ Einem Börsengang wird er sich über längere Zeit allerdings schon deshalb nicht entziehen können, weil seine Wagniskapitalgeber irgendwann Geld sehen wollen.

Zuckerberg selbst hält zwar nur noch 24 Prozent, hat aber die volle unternehmerische Kontrolle über seine Schöpfung. Die könnte er, ähnlich wie es Google oder die „Washington Post“ machen, durch Aktien mit Mehrfachstimmrecht auch nach einem Börsengang behalten und damit Facebook auf absehbare Zeit kontrollieren. Er ist schließlich erst 26 – und hat damit noch reichlich Zeit, Grenzen zu testen.

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