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Sparprogramm Maschinenbauriese Gildemeister in der Krise

Mit gestylten Designer-Maschinen ging es aufwärts, doch die Krise im Maschinenbau hat auch den Branchenriesen Gildemeister erreicht, ein 100-Millionen-Sparprogramm soll helfen. Reicht das?

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Produktion Deckel Quelle: dpa/dpaweb

Für einen Moment schien die Welt in Ordnung. Blumen, feierliche Reden, ein Bürgermeister, der sich artig für die Arbeitsplätze bedankt. Sogar der Bischof war gekommen und segnete die Anfang dieses Monats neu eröffnete Werkshalle im norditalienischen Tortona. Gildemeister-Chef Rüdiger Kapitza war aus der Konzernzentrale in Bielefeld angereist, um Zuversicht zu verbreiten: „Wir werden zu den Krisengewinnern gehören.“ Tatsächlich sind die Aussichten für Gildemeister im Prinzip gut – sollten kleinere Wettbewerber auf der Strecke bleiben, könnte der mit 1,9 Milliarden Euro Umsatz drittgrößte Werkzeugmaschinenbauer der Welt davon profitieren.

Doch auch der Riese spürt die Krise. Den italienischen Journalisten erzählte Kapitza, dass er die neue Halle, eine Investition von immerhin 3,4 Millionen Euro, unter den jetzigen Umständen nicht mehr bauen würde. Im Gegenteil: Kapitza fährt das Engagement in Italien, wo Gildemeister mehr als 600 Mitarbeiter beschäftigt, zurück. Das Werk in Cremona wird geschlossen, 45 der 90 Arbeiter müssen ins nahe gelegene Tortona wechseln. Während in der neuen Halle gefeiert wurde, demonstrierte draußen lautstark eine Abordnung aus Cremona.

In den Hallen des deutschen Vorzeigeunternehmens Gildemeister ist die Stimmung schlecht – von Shanghai bis zum Stammwerk in Bielefeld. Über 700 Arbeitsplätze werden zurzeit weltweit abgebaut. Die Arbeitszeitkonten sind heruntergefahren, rund 1000 Mitarbeiter in den deutschen Werken arbeiten kurz.

Die Betroffenen zweifeln, ob sich Kapitza damit begnügt. Denn bei Gildemeister kommt die Krise so gut wie ungebremst an. Anders als etwa der schwäbische Werkzeugmaschinenbauer Emag, der Spezialmaschinen und oft ganze Produktionssysteme baut, produziert Gildemeister vor allem Standardmaschinen. Deshalb ist der größte Teil der Aufträge schnell abgearbeitet.

60 Prozent weniger Bestellungen bei Gildemeister

Gildemeister hat im ersten Quartal 60 Prozent weniger Bestellungen für seine Drehmaschinen und Bearbeitungsmaschinen eingefahren. Da tröstet es wenig, dass es die Konkurrenten noch schlimmer getroffen hat: Im Durchschnitt müssen die deutschen Werkzeugmaschinenbauer Auftragseinbrüche von 70 Prozent verkraften. Erholung ist nicht in Sicht. Anfang Juli musste der Branchenverband VDW seine ursprüngliche Prognose eines Umsatzrückgangs von 10 bis 15 Prozent für das Gesamtjahr auf minus 40 Prozent korrigieren.

Für Gildemeister wird es eng in den kommenden Monaten. „Die Talsohle wird erst zum Sommerende erreicht“, glaubt Maschinenbauanalyst Gordon Schönell vom Düsseldorfer Bankhaus Lampe, „der Aufschwung dürfte bis Mitte 2010 auf sich warten lassen.“ Aber auch dann wird es dauern, bevor die Delle ausgeglichen ist. „Bis das Niveau von 2008 wieder erreicht wird, können durchaus fünf oder sechs Jahre verstreichen“, sagt Schönell.

Kapitza wird daher kaum um Einschnitte wie weitere Teilschließungen und betriebsbedingte Kündigungen herumkommen. Schmerzlich für den Macher, der seit 13 Jahren das Unternehmen führt und in Bielefeld wie in der Analystengemeinde als Lichtgestalt gilt, seit er Gildemeister nach einer Reihe von Skandalen und Krisen technisch und geschäftlich wieder an die Spitze der Branche brachte. Bei seinem Amtsantritt schrieb der Konzern seit mehreren Jahren rote Zahlen.

Die Übernahme des süddeutschen Maschinenbauers Deckel Maho hatte Gildemeister selbst in eine Schieflage gebracht. Damals musste Gildemeister das Tafelsilber verkaufen, unter anderem die Beteiligung an der italienschen Tochter Gildemeister Italiana. Aufgebrachte Aktionäre verweigerten damals dem alten Vorstand die Entlastung – nur Kapitza, der vor seinem Wechsel auf den Chefsessel für den Vertrieb verantwortlich war, kam ungerügt davon.

Gestylte Maschinen vom Designer

Der neue Chef brachte Gildemeister zurück in die schwarzen Zahlen, integrierte Deckel Maho, kaufte das Italiengeschäft wieder zurück und nutzte vor allem die vergangenen fünf fetten Jahre, um das Unternehmen weitgehend sturmfest zu machen. Die Eigenkapitalquote stieg seit 2003 von 21,4 auf 27,3 Prozent, die Eigenkapitalrendite von minus 1,8 auf fast 25 Prozent, der Umsatz je Mitarbeiter erhöhte sich um die Hälfte auf mehr als 300 000 Euro. Als einer der ersten seiner Branche ließ der frühere Marketingexperte die Maschinen von einem Designer durchstylen. Kapitza ist sich sicher: „Die Kunden werten das neue Design als ein Kaufkriterium bei der Maschinenauswahl.“

Grafik: Umsatz/Überschuss Gildemeister-Konzern

Auch beim Service führte Kapitza Verbesserungen ein – mit 24-Stunden-Hotlines und schnellen Eingreiftruppen für den Fall, dass beim Kunden etwas schiefläuft. Mehr als ein Viertel des Geschäfts entfällt heute auf Wartung, Beratung oder Ersatzteillieferungen. Das ist gerade in der Krise von Vorteil: Selbst wenn die Kunden ihre alten Maschinen erst mal mürbe fahren und auf Neubestellungen verzichten, läuft das Ersatzteil- und Wartungsgeschäft weiter. Hinzu kommt, dass Servicemargen deutlich höher sind als im klassischen Geschäft.

Dass Gildemeister die Branchenkatastrophe besser abwettert als andere, ist nicht zuletzt Folge des Einstiegs in das Geschäft mit regenerativen Energieanlagen vor vier Jahren. Sun Carrier und Sky Carrier heißen zwei Neuentwicklungen, die Fotovoltaikmodule elektronisch nach dem Sonnenstand ausrichten. Zehn Prozent des Konzernumsatzes entfallen mittlerweile auf die neue Technik. Da sich die Auftragsabwicklung in diesem Bereich oft über mehrere Monate hinzieht, schlägt die aktuelle Krise weniger stark durch. Allein im Juni zog a+f, die Würzburger Tochtergesellschaft für das Energiegeschäft, Aufträge über mehr als 70 Millionen Euro an Land.

Um die Einbußen im Stammgeschäft auszugleichen, ist der Energiebereich aber noch zu klein. Kapitza muss kräftig sparen, sträubt sich aber bisher gegen einen radikalen Personalabbau. Weit über 300 Leiharbeiter mussten schon gehen, 380 feste Jobs werden zurzeit abgebaut – aber seine Ingenieure und Facharbeiter schont der Westfale noch, so gut es geht.

100 Millionen Euro will Gildemeister einsparen

100 Millionen Euro will Kapitza jetzt einsparen – noch im März umfasste das Sparpaket nur 60 Millionen. Einen Batzen bringt die Partnerschaft mit dem japanischen Werkzeugmaschinenbauer Mori Seiki, der Nummer acht weltweit. Seit Anfang Juli haben die beiden den Vertrieb in Taiwan, Thailand, Indonesien und der Türkei zusammengelegt. Insgesamt 15 Millionen Euro jährlich soll die Zusammenarbeit den Partnern bringen. Und das ist erst der Anfang: Nach und nach soll die Kooperation auf Produktion, Entwicklung, Einkauf sowie Kundenfinanzierungen ausgedehnt werden. Um das Bündnis zu festigen, wurde eine Kreuzbeteiligung von jeweils fünf Prozent vereinbart. Dennoch reichen die bisherigen Maßnahmen vermutlich nicht aus, um die Krise zu bewältigen. Der Gildemeister-Umsatz wird 2009 wahrscheinlich um rund 600 Millionen Euro auf 1,3 Milliarden Euro einbrechen. Insider erwarten in den kommenden Wochen eine Ausweitung des Sparprogramms.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

Grafik: Aktieninfo Gildemeister

Zusätzlichen Ärger bereitet die Staatsanwaltschaft Bielefeld, die seit Anfang 2008 gegen Kapitza ermittelt. Die Untersuchungen wegen Insiderhandels sind inzwischen eingestellt worden, die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Untreue, Bestechung, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung dauern noch an.

In der Branche ist zu hören, an der Sache sei nichts dran; die Untersuchungen würden im Sande verlaufen. Kapitza ist nach wochenlangen internen Ermittlungen vom Aufsichtsrat schon im vergangenen Jahr entlastet worden.

Das größere Problem bleibt für Kapitza deshalb die Branchenkrise. „Das ist kein gewöhnlicher Konjunktureinbruch, sondern eine strukturelle Krise“, sagt Lutz -Jäde, Restrukturierungsexperte der Beratung Oliver Wyman. Jäde geht davon aus, dass die Umsätze der -meisten Werkzeugmaschinenbauer erst 2012 den Stand von 2006 erreichen – trotz kleiner Hoffnungsschimmer aus China und Indien.

Extreme Zyklen sind für die stark konjunkturabhängige Industrie zwar nicht ungewöhnlich. Aber im Moment fallen zwei Effekte zusammen: das Platzen der mit billigen Krediten finanzierten Auftragsblase und die Probleme der Automobilindustrie, dem Hauptkunden der Branche. Hersteller und Zulieferer kaufen Werkzeugmaschinen vor allem, um ihre Produktivität zu erhöhen. „Doch welcher Autobauer will zurzeit mehr produzieren?“, fragt Jäde. Ob Gildemeister tatsächlich zu den Gewinnern der Krise zählt, weiß Konzernchef Kapitza deshalb frühestens 2012.

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