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Staatshilfe Frankreichs Top-Konzerne gedopt

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Im Satellitenbau wie in der gesamten Raumfahrt sind díe Franzosen ganz vorn Quelle: dpa/dpaweb

Mit staatlicher Unterstützung wachsen und gedeihen auch die Baukonzerne Bouygues, Lafarge, Saint-Gobain, Eiffage und Vinci. Sie profitierten von staatlichen Infrastrukturprogrammen (Autobahnen, Schienenwege), aber auch von Großprojekten (Flughäfen) und haben sich in den letzten zehn Jahren stark internationalisiert.

Gleichzeitig sind die Beziehungen zur öffentlichen Hand sehr eng. An Großprojekten sind sie regelmäßig beteiligt. Außerdem hat Paris Teile des hochrentablen Autobahnnetzes verkauft. Während Vinci jüngst den Zuschlag für den Bau der Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke zwischen Tours und Bordeaux erhielt, errichtet Bouygues ein neues Verteidigungsministerium in Paris, eine Art Pentagon, für drei Milliarden Euro. Für deutsche Investoren hat diese Klüngelei zur Folge, dass sie keinen Zugang zum französischen Markt finden. „Frankreich ist ein abgeschotteter Markt“, schimpft ein Hochtief-Manager, „für uns ist das Land ein weißer Fleck.“ »

» Durch Absprachen mit ihren Lieferanten teilen Handelskonzerne wie Carrefour, Casino, Auchan und Leclerc teilweise komfortable Handelsmargen untereinander auf. Hinzu kommen de facto bestehende Gebietsmonopole der einzelnen Marken, die durch das Vordringen der Discounter Aldi und Lidl langsam ausgehöhlt werden. Die jahrelangen Monopolgewinne ermöglichten den Konzernen eine Expansion in europäische und außereuropäische Länder und machte etwa Carrefour zum weltweit zweitgrößten Einzelhandelskonzern.

Charismatische Herrscher

Wenn der Staat mal nicht seine Finger im Spiel hat, sind es die gottgleichen Unternehmer in der Tradition Louis XIV: Im Kosmetik- und Luxusgütersektor profitiert Frankreich von seinem seit teilweise mehr als 150 Jahren bestehenden Know-how (Hermès, Louis Vuitton). Unternehmerpersönlichkeiten wie Bernard Arnault, François Pinault oder der langjährige L’Oréal-Chef Lindsay Owen-Jones fassten viele der zersplitterten Einzelmarken zusammen. Sie bildeten schlagkräftige Konzerne, die heute weltweit dominieren und durch Zukäufe – wie jüngst die Übernahme des italienischen Schmuck- und Uhrenherstellers Bulgari durch LVMH – ihre Position noch weiter ausbauen.

Dass der Pharmakonzern Sanofi-Aventis durch eine Vielzahl von Akquisitionen und einen Jahresumsatz von 30 Milliarden Euro zum weltweit viertgrößten Pharmakonzern avancierte, ist unter anderem staatlichem Rückenwind zu verdanken. Dem langjährigen Konzernchef Jean-François Dehecq half beim Ausbau des Konzerns seine Nähe zum früheren Präsidenten Jacques Chirac. Ebenso mischte der Staat bei der Übernahme der aus der ehemaligen deutschen Hoechst und der französischen Rhône-Poulenc gebildeten Aventis kräftig mit. Er wehrte den Schweizer Novartis-Konzern ab, der Aventis gern als Weißer Ritter zu Hilfe gekommen wäre.

Ähnlich war es beim Lebensmittelmulti Danone, für den sich vor einigen Jahren die amerikanische PepsiCo interessiert haben soll. Sogleich schrie die Politik auf und mobilisierte ihre Kräfte, um „das Juwel der französischen Industrie“ zu retten. Umgekehrt haben jedoch die genannten Unternehmen keinerlei Skrupel, wenn es gilt, ausländische Unternehmen zu übernehmen – Konsequenz eines aus französischer Sicht gesunden Egoismus.

Der Energie- und Eisenbahnproduzent Alstom, der mit seinem Hochgeschwindigkeitszug TGV zu den Marktführern gehört, genießt seit jeher die Unterstützung der Regierung. Sie rettete das Unternehmen vor einigen Jahren mit einer Finanzspritze vor dem Konkurs. Schlagzeilen machte auch die Klage des Unternehmens gegen die Vergabe eines Auftrags des Bahnbetreibers Eurostar für den ICE von Siemens.

Paris scheut Atomdebatte

Weltweit führend sind französische Energiekonzerne (EDF, GDF Suez), der Atomkraftwerksbauer Areva oder die Versorger Veolia und Suez Environnement. Sie haben massiv expandiert, etwa nach Südamerika, in die USA, nach Großbritannien, Italien oder Asien. Trotz der japanischen Nuklearkatastrophe scheut Frankreich die Atomdebatte. Eine Infragestellung der Atomenergie, die für Frankreich 80 Prozent des Stroms produziert, lehnt die Regierung ab. Die Nuklearindustrie zählt zum Stolz der Republik. Für die Regierung hat sie strategische Bedeutung.

Wichtige Entscheidungen und die Besetzung von Spitzenposten in den staatlich dominierten Unternehmen erfolgen oft direkt im Élysée-Palast. Das galt auch für das von umfangreichen Forschungshilfen begleitete staatliche Atomprogramm zum Bau von Atomkraftwerken in den Sieb-ziger-jahren oder die Anweisung, sich auf Auslandsmärkten keine Konkurrenz zu machen und mit China zu kooperieren, um die Kosten zu drücken.

Die in einer EU-Richtlinie 1998 vorgegebene Liberalisierung des Marktes ist aber erst in Ansätzen umgesetzt. Die EDF verfügt immer noch über ein Quasi-Monopol in Frankreich. Während die deutsche E.On kein Bein auf Frankreichs Boden bekommt, tummeln sich umgekehrt französische Konzerne wie GDF Suez oder – bis zum kürzlichen Ausstieg bei der EnBW – auch die EDF fröhlich in Deutschland.

Zwar muss Sarkozy nun auf Druck der EU sicherstellen, dass die EDF knapp ein Drittel ihrer Atomkraftkapazitäten an Konkurrenten verkauft. Doch das Gesetz ist noch immer nicht verabschiedet. Und die Frage, zu welchem Preis die Kapazitäten verkauft werden, ist immer noch offen.

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