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Stahlhändler Klöckner & Co. "Die Stahlkapazitäten steigen viel zu stark an"

Gisbert Rühl ist der neue Chef von Klöckner & Co. Im WirtschaftsWoche-Interview spricht er über die Konjunktur, den gefährlichen Kurs der Stahlkonzerne und Wachstumspläne des größten unabhängigen Stahlhändlers Europas.

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Gisbert Rühl, der neue Chef von Klöckner & Co Quelle: Frank Beer

Herr Rühl, Sie sind seit 1. November neuer Vorstandschef des Traditionsunternehmens Klöckner & Co, kurz: Klöco. Sie treten Ihr Amt mitten in einer tiefen Stahlkrise an. Ist Ihnen nicht mulmig zumute?

Rühl: Mulmig nicht, ich bin ja schon seit vier Jahren Finanzchef von Klöckner und kenne jeden Winkel dieses inzwischen 103 Jahre alten Unternehmens...

...das sich in den Achtzigerjahren mit Stahlwerken und spekulativen Geschäften an den Rand der Pleite manövrierte. Ist dieser Teil der Vergangenheit passé?

Mit dem früheren Klöckner-Unternehmen, das ein Gemischtwarenladen war aus Herstellung und Handel und den etwas barocken Ruhrgebietsstrukturen, hat die heutige Klöckner & Co nicht viel gemeinsam. Heute stehen wir ganz klar für Stahlhandel.

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    Stahl gilt als Frühindikator. Was sagt Ihr Geschäft über das Ende der Krise?

    Nach dem brutalen Einbruch der Produktionsmengen von Stahl im vergangenen Jahr von teilweise über 50 Prozent geht es seit März etwas, aber nur leicht, wieder heraus aus dem tiefen Tal. Wir als Händler sehen den echten Stahlverbrauch praktisch an jedem Arbeitstag. Die Mengen haben sich seitdem, wenn auch auf niedrigem Niveau, stabilisiert und sind im September erstmals arbeitstäglich wieder leicht angestiegen. Mehr als marginale positive Veränderungen sehe ich aber derzeit nicht. Deshalb ist es für eine zuverlässige Prognose auch noch zu früh: Die Konjunkturentwicklung ist noch sehr fragil.

    Müssen Sie Ihren Kunden noch immer bei den Preisen entgegenkommen?

    Nein, die Preise sind aus unserer Sicht gar nicht so schlecht. Sie sind in den vergangenen Wochen immerhin um durchschnittlich 20 bis 30 Prozent gestiegen. Damit bewegen sie sich zwar deutlich unterhalb der Höhe vom Sommer 2008, der Zeit der Hochkonjunktur, aber das war ohnehin nur ein kurzes Strohfeuer. Mit dem jetzigen Preisniveau auf dem Level von 2006 könnten wir leben, aber es fehlt im Vergleich zum Vorjahr eben noch deutlich an Menge.

    Die Stahlindustrie fährt ihre Produktion doch schon wieder hoch. Spricht das nicht für den bevorstehenden Aufschwung?

    Langsam, langsam, das wäre weit übertrieben. In der Kapazitätsausweitung, die wir branchenweit beobachten, steckt auch ein erhebliches Risiko. Die Preise könnten wieder unter Druck geraten. Und die Kapazitäten steigen zurzeit aus meiner Sicht viel zu stark an.

    Warum?

    Unsere Läger wie auch die der anderen Händler sind weitgehend abgebaut. Das heißt, wir müssen jetzt wieder zukaufen, was wir unsererseits absetzen wollen. Damit steigen die Bestellungen der Hersteller derzeit sprunghaft an. Das führt bei den Produzenten vielleicht zu verfrühtem Optimismus. Dabei wissen wir noch gar nicht, wie sich unser Endkunde weiter verhält. Das zeigt sich erst in einigen Wochen oder Monaten.

    Grafik Klöckner & Co Quelle: Klöckner & Co, Geschäftsberichte

    Sie haben sich vor Kurzem über eine Kapitalerhöhung mehr als 190 Millionen Euro an frischen Barmitteln besorgt. Was fangen Sie mit dem Geld an?

    Das ist der nächste Schritt in unserer Entwicklung – zunächst haben wir frühzeitig und konsequent auf die Konjunktur- und Stahlkrise reagiert und Klöckner krisenfest gemacht. Allein im ersten Halbjahr haben wir die Verschuldung von mehr als einer halben Milliarde Euro auf praktisch null gesenkt, die Kosten deutlich abgebaut und die Finanzierung gesichert.

    Wie können Sie Ihr Unternehmen krisenfest nennen, wenn Stahlriesen wie ThyssenKrupp es gerade geschafft haben, einen Sanierungsplan zu schreiben?

    Wir haben unsere Hausaufgaben rechtzeitig gemacht und die notwendigen Maßnahmen konsequent eingeleitet und umgesetzt. Dazu gehörte immerhin auch der Abbau von 15 Prozent unseres Personals. Den Liquiditätszufluss, den wir nun durch die Kapitalerhöhung bekommen haben, wollen wir jetzt für weiteres Wachstum nutzen.

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      Sie haben zwischen 2006 und 2008 bereits 18 Unternehmen hinzugekauft. Wen haben Sie jetzt im Visier?

      Wir arbeiten gerade sehr intensiv an Zukäufen, und wenn alles gut geht, werden wir noch in diesem Jahr so weit sein, spätestens Anfang des nächsten Jahres, Vollzug zu melden. Wenn wir in der Vergangenheit eher kleinere Unternehmen erworben haben, so haben wir es jetzt auf mittlere und sogar größere Unternehmen mit einem Umsatz in Höhe von mehr als 500 Millionen Euro abgesehen.

      In welchen Regionen der Welt wollen Sie am stärksten wachsen?

      Wir wollen uns dort weiter stärken, wo wir bereits gut vertreten sind, das heißt in Europa und Nordamerika. Der Markt in diesen Großregionen besteht aus vielen kleinen, örtlich zum Teil fest verwurzelten Handelsunternehmen, die den Bedarf ihrer Kunden genau kennen. Dieses Know-how wollen wir uns zunutze machen, und wir setzen mit unserer Wachstumsstrategie auf den Trend der Konsolidierung der Handelsmärkte. In Zukunft werden sich größere Handelshäuser herausbilden, die mit eigener Marktmacht bessere Chancen bei den Abnehmern haben.

      Wollen Sie künftig auch mit anderen Werkstoffen handeln?

      Wir konzentrieren uns auf den Stahlhandel. Das können wir am besten, und da wollen wir wachsen. Es hat sich gezeigt, dass es kaum Synergien gibt, wenn ein Handelshaus wie wir mit anderen Produkten handelt.

      In Asien wollen Sie nicht wachsen?

      Ich will nicht ausschließen, dass wir das eines Tages auch machen, aber im Moment ist eine Expansion nach Asien nicht geplant.

      Warum? Asien und gerade China sind doch die größten Werkstoffmärkte der Welt.

      Die Handelsstrukturen sind aber dort noch sehr unterentwickelt, sodass die Gewinnmargen für Händler noch sehr gering sind. Der Stahlhandel erfolgt überwiegend über Stahlmärkte mit vielen kleinen Händlern, die in etwa strukturiert sind wie zum Beispiel Gemüsemärkte, also extrem kleinteilig. Das ist nichts für uns, da wir neben der Lagerhaltung auch Materialbearbeitung für den Kunden als Dienstleistung anbieten. Das heißt, der Kunde bekommt die Werkstücke von uns so geliefert, wie er sie braucht. Diese Art der Anarbeitung, wie wir es nennen, die eben auch zu höheren Margen führt, ist in Ländern wie China zumindest bislang eher unüblich.

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