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Steuerskandal Akte Zumwinkel: Der Fall eines Top-Managers

Die Affäre um den zurückgetretenen Postchef Klaus Zumwinkel kommt für die deutschen Unternehmen zur Unzeit. Sie ist für die Akzeptanz der wirtschaftlichen Eliten ein Desaster.

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Klaus Zumwinkel (li.) Quelle: AP

Wenn es in den deutschen Unternehmen einmal eine Zeitrechnung nach Klaus Zumwinkel geben sollte, dann beginnt diese am nebligen Morgen des 14. Februars 2008 gegen 7 Uhr in Köln.

Polizisten haben die Villa in der Mehlemer Straße 22 im Nobelstadtteil Marienburg mit rotweißen Plastikbändern abgesperrt. Die Vorhänge an den Fenstern sind zugezogen. Hie und da schimmert Licht durch. Vor dem hohen grünweißen Lattenzaun lauern Fotografen auf Stehleitern. Gegen 11 Uhr öffnet sich die Haustür und heraus tritt Klaus Zuwinkel, die Krawatte notdürftig über dem aufgeknöpften Kragen gebunden, die Zunge gegen die Oberlippe gepresst. Er steigt in Begleitung der Bochumer Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen in einen silbergrauen Polizei-Mercedes. In der Zwischenzeit haben Beamte den Computer sowie kistenweise Aktenordner aus dem Haus geschleppt und in ihre Dienstfahrzeuge geladen.

Gegen 15 Uhr ist es dann soweit. Staatsanwältin Lichtinghagen verbreitet in feinstem Juristendeutsch, Dr. Klaus Zumwinkel stehe im Verdacht, „mittels Geldanlagen in Liechtensteinische Stiftungen Steuern in einer Größenordnung von rund einer Million Euro hinterzogen zu haben“. Der Haftbefehl sei „ gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt worden“, da der Beschuldigte ausgesagt und eine Kaution „in nicht unerheblicher Höhe“ angeboten habe. Gut eineinhalb Stunden später lässt Zumwinkel offiziell mitteilen, er sei „wieder zu Hause“, der gesamte Post-Vorstand „inklusive seines Vorsitzenden“ sei „vollständig handlungsfähig“ und führe seine Geschäfte „wie gewohnt“ fort. Am vergangenen Freitag dann bot Zumwinkel dem Aufsichtsrat seinen Rücktritt an. Der Aufsichtsrat, der offenbar heute zusammenkommen wird, dürfte seinem Wunsch wohl entsprechen.

Wie auch immer die Ermittlungen ausgehen, die Razzia am vergangenen Donnerstag in Zumwinkels Villa und seinen Büroräumen enthält genügend Stoff, um in die deutsche Wirtschaftsgeschichte einzugehen. Der Vorstandsvorsitzende der teilweise staatlichen Deutschen Post und der Aufsichtsratschef des einstigen Schwesterunternehmens Deutsche Telekom, der dienstälteste Herr über ein Dax-Unternehmen, der Kontrolleur der Deutschen Lufthansa sowie des traditionsreichem Handelskonzerns KarstadtQuelle (heute Arcandor), das Mitglied im Board of Directors der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley: vor laufenden Kameras von Staatsanwälten und Journalisten gleichermaßen überfallen, der trickreichen Geldschieberei auf Kosten Millionen ehrlicher Steuerzahler verdächtigt, nur dank einer dicken Kaution der drohenden Untersuchungshaft entronnen.

Die Heimsuchung Zumwinkels wird auf viele schnelle Betrachter, und das sind im Medien- und Internet-Zeitalter nicht wenige, wirken wie die bisher prominenteste Bestückung einer immer längeren Galerie raffgieriger Gesichter aus deutschen Unternehmen. Ausgerechnet der Multimillionär, der reich geerbt hat und nie hätte arbeiten müssen, geistert durch die Medien als Gefangener der Staatsanwaltschaft. Und das nur wenige Wochen, nachdem er vor Weihnachten seine millionenschweren Aktienoptionen versilberte, während er mit dem von ihm durchgesetzten Mindestlohn für Briefträger Hunderte von Angestellte beim Konkurrenten Pin arbeitslos machte.

Natürlich gilt Zumwinkel bis zum Beweis des Gegenteils als unschuldig. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann saß beim Düsseldorfer Mannesmann-Prozess sogar auf der Anklagebank, kam mit einer Einstellung des Verfahrens davon und überstrahlt trotzdem wieder das hiesige Geldgewerbe.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Affäre Zumwinkel fällt in eine Phase, in der echte und vermeintliche Maßlosigkeit der wirtschaftlichen Eliten vermutlich entscheidend zu einem Linksruck in der Bevölkerung beigetragen haben. „Irgendetwas wird an ihm hängen bleiben“, sagt ein hochrangiger deutscher Banker, der Zumwinkel als „genialen Kopf“ und „absolut integre Persönlichkeit“ verehrt, nichtsdestoweniger aber befürchtet: „Ich glaube, damit ist er verbrannt.“

In Zumwinkels persönlichem Umfeld sind viele über die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wie vor den Kopf gestoßen, galt ihnen der Mittsechziger doch bisher als bescheiden und zurückhaltend. Zu Geschäftsterminen fährt er, immerhin Herrscher über 61 Milliarden Euro Jahresumsatz, in der Mercedes E-Klasse vor, klar untermotorisiert gegenüber den S-Klasse-Karossen der Kollegen von der Konkurrenz. Bei der Deutschen Telekom und ihrer Tochter T-Mobile setzte er überschaubare Gehälter für das Topmanagement durch und unterband die millionenschweren Aktienoptionen des Ex-Telekom-Chef Ron Sommer.

Privat lebt Zumwinkel sehr auf seine Familie orientiert. Geburtstage seiner beiden Kinder waren für ihn immer Pflichttermine, bei denen er spätestens ab 18 Uhr zugegen war. Engste Mitarbeiter mussten ihm nacheifern und bisweilen auf sein Geheiß die Familie der Arbeit vorziehen. Statt sich auf einer kostspieligen Yacht zu räkeln und in überteuerten Golfclubs zu spielen, fährt Zumwinkel lieber Ski und besteigt Berge. Imageberater gerieten schier in Verzweiflung, weil er auf sein Kassen-Brillengestell schwört statt auf ein individuelles Designermodell.

Und so einer soll ein zweites Gesicht haben, wie es die Bochumer Staatsanwältin Lichtinghagen unterstellt? Zumindest einer hat Zumwinkel auch schon von einer anderen Seite kennengelernt: Dimitri Cola, Bergführer in Sterzing in Südtirol. „Der Mann hat Eis in den Augen“, sagt Cola, der Zumwinkel im vergangenen Herbst begegnete. Der hatte den Italiener für eine Tour durch die Dolomiten gebucht und musste mit ihm an einem Klettersteig in der Sella-Gruppe wegen zu großen Andrangs eine halbe Stunde warten. Da habe Zumwinkel ihn angeheischt, erinnert sich Cola, weshalb er die Passage nicht für ihn habe sperren lassen.

„Was denkt sich der Mann?“, wundert sich Cola bis heute über den Gast aus Deutschland.

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