WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Strom Gefährliche Preispolitik

Seite 2/4

Preisentwicklung

Zwar sind einige Unternehmen von der Stromsteuer und den aus dem Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) resultierenden Abgaben im Rahmen einer Härtefallregelung befreit. Doch von den rund 650 Nichteisenmetall-Erzeugern in Deutschland kommen nur 18 Betriebe in den Genuss solcher Entlastungen. „Bei den Gießereien sind lediglich 20 Prozent der verbrauchten Strommenge Gegenstand der besonderen Ausgleichsregelung“, sagt Gießerei-Verbandschef Kay Präfke.

Die Krux der Strom-Großverbraucher: Deutschland ist mit rund 60 Euro pro Megawattstunde eines der teuersten Strom-Länder der Welt. Die Konkurrenten in Schweden oder Spanien zahlen nur die Hälfte für ihren Strom, im energiereichen Australien und im Nahen Osten nur ein Drittel, in Kanada gar nur ein Sechstel. Trimet-Vorstand Iffert: „Es gibt einen fundamentalen Systembruch, dank des deutschen Stromsonderweges haben wir keinen fairen Wettbewerb.“

Metall-Lobbyist Kneer sieht Deutschland schon von der Deindustrialisierung bedroht: „Ohne Grundstoffe aus heimischer Produktion ist die Wertschöpfungskette gefährdet.“ Viele energieintensive Hersteller entwickeln gemeinsam mit ihren Kunden neue Produkte oder sind auf Just-in-time-Lieferungen angewiesen. Müssen die Hersteller wegen zu hoher Kosten schließen, sind auch die Kunden gefährdet, befürchtet Kneer.

Flüchtige Wirkung

Ähnliche Sorgen machen sich die Kunststoffhersteller. Marl am Rande des Ruhrpotts: Mehr als einen Quadratkilometer groß ist das Areal am Chemiepark. Es raucht, faucht und zischt aus vielen Röhren, die Straßen sind durchnummeriert: Straße 140 oder Straße 400. Vestolit, die frühere Hüls AG, produziert hier Natronlauge, Salzsäure und Chlorprodukte, vor allem aber den Kunststoff PVC.

Das Unternehmen ist der größte PVC-Hersteller Europas, seit 60 Jahren entsteht hier der Grundstoff für Fensterrahmen, Plastikplanen oder Radiergummis. „Und wir wollen das noch viele Jahre so weitermachen“, hofft Vestolit-Chef Michael Träger.

Die Umweltauflagen machen ihm dabei keine Sorgen, die seien in vielen Ländern vergleichbar streng. Kummer bereitet ihm aber die Entwicklung der Strompreise. Immerhin verbraucht Vestolit etwa genauso viel Strom wie die Großstadt Braunschweig: Rund 850.000 Megawattstunden zum Preis von rund 60 Millionen Euro stehen jährlich auf der Stromrechnung. „In Frankreich zahlen vergleichbare Unternehmen dank des günstigen Atomstroms und der Sondertarife rund 40 Prozent weniger als wir“, ärgert sich Träger.

Einer von Vestolits Stammkunden ist Veka. Das Familienunternehmen mit 3500 Beschäftigten aus Sendenhorst, rund 50 Kilometer östlich, presst Fenster- und Türprofile aus dem PVC-Pulver, das aus Marl kommt. Veka ist ein Beispiel dafür, wie sich die Bedeutung der Strompreise mit der Länge der Lieferkette verflüchtigt: In der eigenen Herstellung spielen die Stromkosten für Veka – wie für viele andere Unternehmen in der weiterverarbeitenden Industrie – nur eine kleine Rolle. Gerade mal drei Prozent aller Kosten entfallen auf die Stromrechnung.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%