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Strom Gefährliche Preispolitik

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Weiterverarbeitung gefährdet

Mehr Sorgen bereitet Veka die Preisentwicklung bei PVC: Der ist in den vergangenen zwei Jahren um rund 70 Prozent teurer geworden. Wenn Vekas Technikvorstand Werner Schuler mit seinen Lieferanten verhandelt, argumentieren die aber selten mit ihren Stromkosten, sondern eher mit hohen Ölpreisen. Erdöl ist der Ausgangsstoff für Ethylen, das wiederum eines der wichtigsten Materialien für die PVC-Produktion ist.

Ganz abkoppeln von der Strompreisentwicklung kann sich Veka dennoch nicht: Neue Profile für Fenster und Türen werden schon seit den Siebzigerjahren in enger Kooperation mit seinem Grundstofflieferanten Vestolit entwickelt. „Wenn die Kunststoffindustrie verschwindet, geht früher oder später auch die Weiterverarbeitung“, fürchtet der Chemie-Lobbyist. 40 oder mehr Jahre Kooperation seien nicht so einfach zu ersetzen.

Inwieweit der Strompreisschock tatsächlich auf die gesamte Lieferkette durchschlägt und daran beteiligte Unternehmen aus Deutschland vertreibt, ist aber nicht ausgemacht. Enge Kunden-Lieferanten-Beziehungen können auch standortsichernd wirken. Bernhard Helbing, geschäftsführender Gesellschafter des Fensterherstellers TMP aus dem thüringischen Bad Langensalza, ist Kunde von Veka. Alle paar Monate lässt er sich bei seinem Lieferanten in Sendenhorst blicken – um Nachschublieferungen zu planen oder um über Neuentwicklungen zu reden. „Wenn die nicht ihren Standort in Deutschland hätten, wäre das für mich ein Ausschlusskriterium“, droht Helbing, der rund 230 Mitarbeiter beschäftigt.

Die eigenen Stromkosten sind für ihn unerheblich – nur 0,3 Prozent seines Jahresumsatzes von 33 Millionen Euro wendet der Familienunternehmer für Elektrizität auf. Viel mehr Sorgen als die Strompreise macht TMP die Billigware aus Polen. Deren Profile haben zwar oft nicht die gleiche Qualität, sind aber günstiger. Der Unterschied ist für den Häuslebauer nicht zu sehen. „Das schadet auch uns Fensterbauern“, sagt Helbing. Die Profile, mit denen er seine Fenster baut, sind in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent teurer geworden.

Auch für den Kunststoffverarbeiter Wirthwein im baden-württembergischen Creglingen sind die hohen Rohstoffpreise ein Problem. Finanzchef Rainer Zepke: „Alle Rohstoffe sind jetzt teuer, die Anbieter nutzen den allgemeinen Wirtschaftsaufschwung, um höhere Preise zu verlangen.“ Ein Drittel seines Umsatzes entfällt auf den Einkauf von Kunststoff-Granulat. Einen unmittelbaren Einfluss der deutschen Stromkosten auf die Granulatpreise sieht Zepke nicht: „Wir kaufen auf dem Weltmarkt ein.“

Nähe der Zulieferer gefragt

Am Ende der Lieferkette sind die Strompreise in Deutschland kaum noch wahrnehmbar. Einer von Wirthweins Kunden ist Bosch-Siemens Hausgeräte, für die er Trommeln für Waschmaschinen und Besteckkörbe für Geschirrspüler fertigt. „Im Vergleich zu den allgemeinen Verteuerungen für Rohstoffe spielen die Stromkosten für die Vorprodukte nur eine untergeordnete Rolle“, sagt Bosch-Siemens-Chef Kurt-Ludwig Gutberlet. „Wir setzen auf regionale Zulieferer, das spart Transportkosten und schont die Umwelt.“ Und sollten sich die Stromkosten irgendwann auf die Bezugspreise auswirken, hat Gutberlet schon eine Strategie parat: Dann verteuern sich seine Wasch- oder Spülmaschinen.

Gespalten sieht Richard Hussmanns vom Metallbauer Otto Fuchs die Stromkostenentwicklung in Deutschland. Direkte Auswirkungen auf seine Einkaufskosten befürchtet der Finanzchef des 9000-Mitarbeiter-Unternehmens nicht: „Das sind Börsenpreise“, winkt Hussmanns ab.

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