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Stromkonzerne Was der Atomausstieg den Energiekonzernen bringt

Die Aussichten der Versorger ohne Atom könnten unterschiedlicher kaum sein – Zerfall und Wegzug inklusive.

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Strommasten in Niederaussem Quelle: dpa

Der Saal war voll, als sich vorvorige Woche die 150 wichtigsten Strommanager Deutschlands auf der Hannover Messe trafen. Vor ihnen stand ein Mann wie ein Showmaster, das Mikro um den Hals und auf der Lippe einen Spruch, der einschlug wie ein Blitz: „Es ist möglich, dass die Deutschen auch bald für die Netze in Frankreich zahlen müssen.“ An die Öffentlichkeit drang das Ungeheuerliche bis heute nicht.

Der Überbringer der Warnung ist Leonhard Birnbaum, Vorstand bei RWE, dem zweitgrößten Energieversorger Deutschlands. Der frühere Mitarbeiter der Unternehmensberatung McKinsey zeichnet bei dem Essener Konzern verantwortlich für die Strategie, das Rohstoffmanagement, Firmenübernahmen sowie Forschung und Entwicklung. Mit dieser Machtfülle zählt der 44-Jährige zu den möglichen Nachfolgern von RWE-Chef Jürgen Großmann, der wegen seines Konfrontationskurses zum Atommoratorium der Bundesregierung unter Beschuss der mächtigen Kommunalaktionäre steht.

Je länger die Debatte über einen beschleunigten Atomausstieg in Deutschland läuft, desto mehr treten die Risiken und drohenden Kosten der Mammutaufgabe zutage. Und desto mehr suchen die einst so gleichgeschalteten vier großen deutschen Energieunternehmen nach einer jeweils ganz eigenen Zukunft. Die sieht für den Marktführer E.On aus Düsseldorf, den Essener RWE-Konzern, Baden-Württembergs EnBW und den in Ostdeutschland und Hamburg aktiven schwedischen Konzern Vattenfall völlig anders aus.

RWE: Wie ein Stadtwerk

Jürgen Großmann Quelle: dpa

RWE-Manager Birnbaum gab seine Warnung vermutlich im Auftrag seines Chefs Jürgen Großmann, als dessen Günstling er gilt. Denn wenn die auf Druck von Berlin abgeschalteten RWE-AKWs Biblis A und B nicht mehr ans Netz gehen sollten, dürfte ein Großteil der endgültig wegfallenden Strommengen vom französischen Großmeiler Cattenom in Lothringen ersetzt werden. Dazu, so Birnbaum, müssten womöglich die Stromleitungen nach Deutschland verstärkt werden. Das werde sich Frankreichs staatlicher Energiegigant EdF sicher bezahlen lassen. Die Kosten dürften nach Einschätzung von Birnbaum vor allem die privaten Haushalte treffen.

Die Drohung, berechtigt oder nicht, zeigt, wie wenig die wirtschaftlichen Folgen eines schnellen Endes der Atomkraft in Deutschland bisher durchleuchtet sind. Sie wirft aber auch ein Licht auf die Nöte des RWE-Konzerns, der nach Schätzungen von Matthias Heck, Analyst bei der australischen Bank Macquarie, allein in den drei Monaten ohne Biblis A und B fast 100 Millionen Euro Gewinn einbüßt.

Wohin ein endgültiges Aus der beiden AKWs an der Bergstraße und ein beschleunigtes Ende der drei weiteren RWE-Meiler führen könnte, lässt sich zurzeit nur in groben Zügen abschätzen. RWE ist im Vergleich zum Branchenprimus E.On-Konzern ein sehr deutsches Unternehmen. Knapp 70 Prozent des verkauften Stroms (311 Milliarden Kilowattstunden jährlich) entfällt auf Deutschland, 16 Prozent auf Großbritannien, sieben Prozent auf Holland, der Rest auf übrige Länder.

Gleichzeitig ist RWE extrem abhängig von der Kernenergie (45 Prozent des Stroms) sowie von Braun- und Steinkohle. Knapp 20.000 Megawatt Kraftwerksleistung entfallen auf diese Energieträger. Von 2013 an muss RWE für sie aber Emissionszertifikate erwerben, die dem Unternehmen bisher kostenlos zugeteilt wurden. Was die Papiere künftig kosten, ist völlig offen. Gelingt es RWE nicht, den Aufwand auf die Stromkunden abzuwälzen, etwa weil diese auf Atomstrom aus dem Ausland ausweichen, drücken die Zertifikate auf die Rendite. Immerhin würden RWE durch einen Atomausstieg rund 20 Prozent der Gesamtkapazität zur Stromerzeugung fehlen.

Tuomo Hatakka Quelle: REUTERS

Um diesen Verlust auszugleichen, kann der Konzern in seiner gegenwärtigen Verfassung kaum auf Auslandsgeschäfte hoffen. Wegen der Zentrierung auf Deutschland werden die Essener deshalb vor allem in erneuerbare Energien investieren müssen. Dabei werden sie jedoch auf staatliche Rückendeckung möglicherweise bis hin zu garantierten Strompreisen angewiesen sein, wie sie der RWE-Vorstand für erneuerbare Energien, Fritz Vahrenholt, skizziert. RWE investiert jährlich eine Milliarde Euro in grüne Stromerzeugung. Für weitere Unterstützung aus Berlin stehen die Chancen jedoch schlecht, seit Vorstandschef Großmann eine Klage gegen das Atommoratorium der Bundesregierung angekündigt hat.

Sollten Großmann und mit ihm sein Chefstratege Birnbaum auf Druck der kommunalen Aktionäre weichen müssen, wäre die Stunde von RWE-Vorstand Rolf-Martin Schmitz gekommen, der das deutsche Vertriebsgeschäft leitet. Schmitz ist auch Präsident des BDEW, des Verbandes der deutschen Stromindustrie. Der mächtige Lobbyistenclub sprach sich vor zehn Tagen für den raschen Ausstieg aus der Kernenergie aus. Dieser Beschluss war auf Drängen der Stadtwerke zustande gekommen, die bei Schmitz auf offene Ohren stoßen. Schmitz war Chef eines großen Stadtwerkes, der Rheinenergie in Köln. Dieses Stadtwerk könnte für ihn zum Vorbild werden – als Konzern, der vor allem im Vertrieb mit Strom sein Geld verdient – von woher auch immer.

Vattenfall: Vor dem Abschied

Johannes Teyssen Quelle: dpa

Der schwedische Versorger produziert unter Europa-Chef Tuomo Hatakka 47 Prozent seines Stroms aus Braunkohle und benötigt wie RWE künftig teure Emissionszertifikate. Die beiden Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel stehen seit Juli 2007 still und finden in der Politik keine Unterstützung mehr. Hinzu kommen Probleme der Konzernzentrale. Die Rendite stimmt durch Fehleinkäufe nicht mehr. Der niederländische Stromkonzern Nuon etwa wurde zu teuer eingekauft.

Deshalb steht jetzt die gesamte Mitteleuropa-Strategie auf dem Prüfstand: Kraftwerke in Polen werden bereits verkauft. Europa-Chef Tuomo Hatakka beklagt, wo er nur kann, die Schwierigkeiten, am Standort Deutschland noch Kohlekraftwerke zu bauen. Da sei es nur eine Frage der Zeit, dass die Schweden mit ihrem Staatskonzern Vattenfall den deutschen Markt „ganz verlassen“, vermutet ein Energieanalyst.

„Der Aufbau neuer Energiestrukturen wird tief in alle Lebensbereiche eingreifen“, sagte E.On-Chef Johannes Teyssen kürzlich. Der Düsseldorfer Versorger ist gegenüber RWE im Vorteil. Seine im Ausland installierte Kraftwerksleistung liegt bei 38.900 Megawatt, die in Zentraleuropa bei 23.000 Megawatt. Zwar bringt Deutschland 80 Prozent des Konzerngewinns. Doch die Basis für Wachstum jenseits der Grenzen ist viel breiter als bei RWE.

Mit ihrer Tochter E.On Russia etwa verfügen die Düsseldorfer über ein kräftiges Standbein in Sibirien, so schwierig das Kraftwerksgeschäft dort auch sein mag. E.On ist zudem in Skandinavien, in Schweden und Norwegen stark.

Dort legte das Geschäft im vergangenen Geschäftsjahr um 34 Prozent zu und spülte 4,5 Milliarden Euro in die Kasse, rund fünf Prozent des Gesamtumsatzes. Mit den Restanteilen des spanischen Endesa-Konzerns avancierte E.On sogar zum Stromproduzenten im abgeschotteten Frankreich.

E.On verfügt dort über vier Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 3300 Megawatt. Damit sind die Rheinländer in Frankreich größer als der dortige Versorger GdF Suez in Deutschland.

Hans-Peter Villis Quelle: dpa

Von der Börse zunächst abgestraft, kann E.On-Chef Teyssen nun hoffen, mit seinen vor Japan geäußerten Expansionsplänen ins Ausland einen Fluchtweg aus der Kernenergie in Deutschland gefunden zu haben. Anders als RWE hat E.On keinen Großaktionär, der Wert auf den Standort Deutschland legen würde. Schon früher gab es bei E.On Pläne, die Zentrale von Düsseldorf nach Brüssel oder an einen anderen Ort in Europa zu verlegen.

Zwar werden solche Absichten vom E.On-Management vehement dementiert. Branchenkreise interpretieren den Verzicht Teyssens auf eine Klage gegen das Atommoratorium der Bundesregierung jedoch als „letzten Versuch“, mit Berlin auf Schmusekurs zu gehen. Dabei geht esTeyssen vor allem um ein möglichst langes Überleben der E.On-Atommeiler Brokdorf und Isar II. Beide gehören zu den jüngsten und am wenigsten störanfälligen AKWs Deutschlands. Brokdorf soll nach aktueller Rechtslage bis 2033, Isar II bis 2034 laufen.

EnBW: Grün oder hops

Der baden-württembergische Versorger ist am meisten von der Kernkraft abhängig. 51 Prozent des Stroms stammt vom Atom. EnBW-Chef Hans-Peter Villis will den Stromkonzern in Staatsbesitz streng auf erneuerbare Energien trimmen.

Doch erst einmal kommt es am 19. April zu einem Machtkampf, der eine Vorentscheidung für Villis bringt. Denn dann wird das künftig grün-rot regierte Land versuchen, als 45-prozentiger Miteigentümer einen Teil der elf strikten Atombefürworter aus dem mehrheitlich kommunalen Aktionärskreis im 20-köpfigen Aufsichtsrat abzuwählen. Gelingt dies nicht, bleibt es bei der Mehrheit für den Weiterbetrieb der Atommeiler Neckarwestheim II und Philippsburg II, deren Schwesterblöcke durch das Moratorium der Bundesregierung gerade abgeschaltet sind.

Villis steckt in einer Zwickmühle. Er will den Anteil grüner Energien bis 2020 verdoppeln, braucht dazu aber schätzungsweise 16 Milliarden Euro, die er wohl nur durch den Weiterbetrieb der AKWs erwirtschaften kann. Misslingt dies, dürfte EnBW in Einzelteile zerfallen. Ende der Neunzigerjahre war das Gebilde durch den Zusammenschluss badischer und württembergischer Stadtwerke entstanden. Um nur Kohle- und Wasserkraftwerke zu betreiben, bräuchte es keinen integrierten Konzern mehr.

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