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Stromnetze Deutsche Energiekonzerne unter Spannung bei Entflechtung

Mit der Ankündigung, sich von seinem Leitungsnetz zu trennen, leitet der Düsseldorfer Energieriese E.On den Totalumbau der deutschen Stromwirtschaft ein. Neue Player stehen für den Einstieg in die Branche bereit. Schön für Unternehmen und Verbraucher: Strom wird endlich billiger.

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E.On leitet den Totalumbau der Quelle: AP

Es ist ein gewöhnlicher Vormittag in London, plötzlich geht der Fernseher aus. Stromausfall! Auch eine halbe Stunde später tut sich noch nichts. Also schnell die Stromrechnung herausgekramt und den Kundendienst angerufen. Ein Anrufbeantworter springt an. Nach ein paar Minuten ruft eine Telefonistin zurück: „Wir schicken einen Techniker vorbei.“

Vier Stunden dauert es, dann steht der Servicemitarbeiter vor der Tür. Doch welch Überraschung: Der Mann kommt nicht von Scottish Power, dem Stromlieferanten. Am Kragen seines Blaumanns steckt ein orangefarbenes Schildchen mit der Aufschrift EdF. Die Abkürzung steht für Electricité de France, den größten, mehrheitlich staatlichen Energiekonzern Frankreichs.

Ein Mitarbeiter eines französischen Versorgers, der in London die Panne im Stromnetz eines schottischen Energieriesen behebt, der zum spanischen Energiekonzern Iberdrola gehört – ein solches Mischmasch gibt es in Europa im großen Stil bisher nur in Großbritannien, wo seit rund 20 Jahren die Erzeugung und die Verteilung von Strom voneinander getrennt sind und von verschiedenen Unternehmen betrieben werden.

Doch in nicht allzu ferner Zukunft könnte das vielfältige Nebeneinander auch in Deutschland Einzug halten. Seit vor gut einer Woche Wulf Bernotat, der Chef des Düsseldorfer Energiekonzerns E.On, die Trennung von seinen 10.000 Kilometer langen Hochspannungsleitungen ankündigte, ist die deutsche Strombranche in ihren Grundfesten erschüttert.

Für den Essener Konkurrenten RWE ist eine Trennung vom Netz zwar zurzeit, so die Sprachregelung, „kein Thema“. Doch intern sondieren auch RWE-Netzstrategen für ihren neuen Vorstandschef Jürgen Großmann inzwischen die Lage. Der Stuttgarter Energiekonzern EnBW will offiziell Bernotat nicht folgen. Vattenfall hingegen überlegt ebenfalls, das Netz abzutrennen. Sollten die drei E.On-Konkurrenten ihre Bedenken aufgeben, könnte der deutsche Strommarkt komplett neu geordnet werden. Und dies dürfte dann die Millionen Verbraucher freuen. Denn sinkende Preise, mehr Strom aus dem Ausland und eine ungeahnte Angebotsvielfalt wären die Folge.

Die Interessenten jedenfalls stehen bereits in den Startlöchern, um Teile des deutschen Stromnetzes zu übernehmen. Darunter sind ausländische Player, die in einem solchen Investment eine Ergänzung ihres Geschäfts sehen. Ein Brancheninsider ist sich absolut sicher: „Wenn Bernotat mit einer so überraschenden Nachricht so forsch an die Öffentlichkeit geht, dann hat er den Interessenten für das Netz bereits.“ Nach Informationen der WirtschaftsWoche sind die spanischen Baukonzerne ACS und Acciona für einen Einstieg bereit.

Ein Deal mit den Riesen von der iberischen Halbinsel hätte für Bernotat einen Reiz. ACS ist mit 13 Prozent am größten spanischen Versorger Iberdrola beteiligt, dem auch Scottish Power gehört. Zudem besitzt ACS 45 Prozent des spanischen Energieunternehmens Union Fenosa. Acciona wiederum ist zusammen mit dem italienischen Enel-Konzern am zweitgrößten spanischen Energieriesen Endesa beteiligt, den E.On im vergangenen Jahr vergeblich vollständig zu schlucken versuchte.

Würde Bernotat sein Netz sowie einige E.On-Kraftwerke gegen die Strombeteiligungen der beiden Baukonzerne tauschen, sagt ein deutscher Energiemanager, „brächte ihm dies 4800 Megawatt Kraftwerkskapazitäten in Spanien und damit einen massiven Eintritt in den umkämpften südeuropäischen Markt“. Ein solches Szenario gilt bei Wettbewerbern als das wahrscheinlichste, auch wenn Bernotat davon bisher noch wenig wissen will. Doch die Verhandlungen mit den Endesa- und Iberdrola-Teilhabern laufen in diese Richtung.

Zugleich interessieren sich aber auch zunehmend Finanzinvestoren für Geldanlagen in Infrastruktur-Systeme wie die deutschen Überlandleitungen. „Es gibt eine Reihe von Infrastrukturfonds, die Interesse an Netzen haben, bei denen sie über die nächsten 20 Jahre mit einer Rendite von vier Prozent rechnen können“, sagt Walter Boltz, der Chef der staatlichen österreichischen Regulierungsbehörde e-control. Für Boltz ist das nicht verwunderlich: „Es gibt ja auch viele Käufer von Staatsanleihen mit einer vergleichbaren Rendite.“

Wie sehr private Kapitalgeber auf die Strom- und sonstigen Netze schielen, zeigt eine soeben veröffentlichte Studie der britischen Unternehmensberatung Moffat Associates. Danach gebe es etwa in Großbritannien „auf jeden Fall große Nachfrage für Infrastrukturanlagen“. Als potenzielle Erwerber kursieren die Namen von Unternehmen wie die australische Macquarie Bank, die ebenfalls australische Investmentbank Babcock & Brown, die Private-Equity-Gesellschaft 3i, aber auch Infrastrukturfonds großer Investmentbanken wie etwa Merril Lynch und Goldman Sachs oder sogar der Deutschen Bank werden genannt. Selbst Hedgefonds könnten sich für Teile des deutschen Stromnetzes interessieren – darunter etwa der US-Fonds Perry Capital, der bereits früher in eine britische Wassergesellschaft investierte.

Derartige Investments sind für Anleger deshalb interessant, weil sie zwar keine Spitzenrendite, dafür aber eine zuverlässige und vorhersehbare Verzinsung versprechen. Das lockt vor allem Fonds an, die Pensionsgelder verwalten.

Der britische Netzbetreiber National Grid, der schon als möglicher Interessent für Teile des deutschen Stromnetzes gehandelt wurde, winkte allerdings ab: „Unser geografischer Fokus liegt eindeutig auf Großbritannien und auf den USA“, sagte eine Sprecherin der WirtschaftsWoche. Robert Miller-Bakewell, Analyst für Wasser, Abfallentsorgung und Infrastruktur bei der US-Investmentbank Merrill Lynch, kann sich dagegen vorstellen, dass sich verschiedene Investoren zusammenschließen, um für das E.On-Netz zu bieten. Ausländische Staatsfonds hingegen sind politisch unerwünscht. Er wolle nicht, sagte Bundesumweltminister Siegmar Gabriel (SPD) am vergangenen Donnerstag im Deutschen Bundestag, dass ein solcher Fonds den „Oligopolisten durch einen neuen Monopolisten ersetzt“.

Mit seiner Trennung vom Stromnetz hat E.On-Chef Bernotat nicht zuletzt die Bundesregierung in eine peinliche Lage versetzt. Unions-Kreise schimpfen, der Coup erinnere sie an das Verhalten der Industrie bei der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage im bayrischen Wackersdorf 1991. Nachdem die bayrische Landesregierung das Projekt jahrelang gegen erbitterte Bürgerproteste verteidigt hatte, ließen die Stromkonzerne über Nacht ihr Ansinnen fallen. „Wir wollten kein zweites Wackersdorf erleben – doch genau das ist jetzt geschehen“, sagt Joachim Pfeiffer, Energie-Koordinator der Unions-Fraktion im Bundestag.

Über Monate hinweg hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sich gegen Pläne von EU-Kommissarin Neelie Kroes gewehrt, die Energiekonzerne zu zerschlagen und die Netze auf eigenständige Gesellschaften zu übertragen.

Um dem entgegenzuwirken, hatten sich die Regierenden in Berlin eine auf die Wünsche von E.On und Co. abgestimmte Alternative einfallen lassen: Die Konzerne sollten ihre Netze behalten dürfen, sich dafür aber einer scharfen staatlichen Kontrolle fügen. An diesem Strang, so die Absprache, sollten Bundesregierung und Stromerzeuger gemeinsam ziehen. Noch vor Kurzem habe er sogar, um sicherzugehen, mit anderen Bundestagsabgeordneten den neuen Leiter der Sparte E.On Ruhrgas, Bernhard Reutersberg, auf einen möglichen Verkauf der Stromnetze angesprochen, erinnert sich Unions-Mann Pfeiffer. Doch der habe abgewinkt. Entsprechend verärgert sind die Politiker. Wirtschaftsminister Glos wetterte am vergangenen Donnerstag, Bernotat könnte mit seinem Vorstoß eine Kartellstrafe durch die EU verhindern wollen: „Wir müssen mal diese faulen Deals beenden.“

Eine Einmischung des Staates in die Angelegenheiten von Unternehmen, wie sie die Bundesregierung bei den Stromkonzernen plant, ist nicht ungewöhnlich in Branchen, die aus einer monopolartigen Stellung heraus agieren. Dazu zählen, mal mehr, mal weniger, alle sogenannten netzgebundenen Industrien – Stromerzeuger, Gaslieferanten, Wasserversorger, Telekommunikationsgesellschaften, Eisenbahnen.

Im Falle E.On und Co. konnte die Bundesregierung ohnehin nicht mehr tatenlos hinsehen. Zu groß ist der Druck durch die EU geworden, die den deutschen Energieriesen Kartellvergehen vorwirft. Der Essener Stromkonzern RWE etwa bekam – genau wie E.On – im Jahr 2006 gleich zweimal unangemeldeten Besuch von Beamten aus der Brüsseler Generaldirektion Wettbewerb.

Die Kommission ist fest davon überzeugt, dass die deutschen Energiekonzerne die Preise missbräuchlich festsetzen. In einem Gutachten ließ sie ermitteln, dass RWE an 49,1 Prozent aller Tage theoretisch den Preis beeinflussen konnte. Für E.On lag der Wert bei 77,1 Prozent. An diesen Tagen hätte die Nachfrage nicht gedeckt werden können, wenn ein Konzern seine Kapazität gesenkt hätte. Daraus ergibt sich im Umkehrschluss für die Konzerne die Möglichkeit, den Preis zu beeinflussen, indem sie gezielt zu diesem Zweck die Stromproduktion herunterfahren.

Die Trennung vom Netz ist für Bernotat in dieser Situation ein zweischneidiges Schwert. Einerseits könnte er dadurch EU-Kommissarin Kroes entgegenkommen. Denn die will, dass E.On einen Teil seiner Kraftwerkskapazität abgibt, um an Macht zu verlieren, die Strompreise zu beeinflussen. Verkauft Bernotat wie geplant mit dem Netz auch einige Kraftwerke, dürfte dies nach Meinung von Experten bald einen Abwärtsdruck auf die Strompreise ausüben – sehr zur Freude der Verbraucher. Marktkenner schätzen, dass der Großhandelspreis für Strom in Deutschland derzeit noch um zehn bis zwölf Prozent über dem Niveau liegt, das mit mehr Wettbewerb zu erreichen wäre.

E.ON-Chef Bernotat: Insider Quelle: REUTERS

Andererseits muss der E.On-Chef befürchten, dass sich die von ihm stets vertretenen Argumente der Entflechtungsgegner nun gegen ihn selbst richten. So entwarfen Kritiker einer Verselbstständigung des Stromnetzes bereits das Horrorszenario, die neuen Besitzer hätten kein Interesse, ausreichend zu investieren.

Und tatsächlich lässt sich der Einwand nicht einfach von der Hand weisen. Denn der Netzbetreiber hat weniger Anreiz, Geld ins Netz zu stecken, als ein integrierter Konzern. Fällt das Netz hier und da aus, entgehen dem Betreiber nur die Durchleitungsgebühren. Ihn stört aber nicht, dass der Erzeuger Einnahmen verliert, weil er keinen Strom verkauft. „Ein integriertes Unternehmen hat ein stärkeres Interesse daran, dass sein Netz nicht ausfällt“, schrieb die Monopolkommission im vergangenen Herbst in einem Gutachten zum deutschen Strom- und Gasmarkt.

Trotzdem müssen Verbraucher und Unternehmen nicht befürchten, dass bald die Lichter ausgehen, wenn E.On und andere Versorger ihr Netz verkaufen. Um den Verfall des Netzes zu verhindern und den europäischen Spitzenplatz bei der Versorgungssicherheit beizubehalten, muss die Bundesregierung dazu nur die künftigen Betreiber an die Kandare nehmen – etwa indem die Bundesnetzagentur Konventionalstrafen für Ausfallzeiten einführt. „Wenn Netz und Herstellung künftig getrennt sind, muss der Regulierungsrahmen verändert werden“, sagt Justus Haucap, Mitglied der Monopolkommission.

So sollte die Bundesregierung, anders als bisher geplant, Anfang 2009 eine Preisobergrenze bei den Durchleitungsgebühren einführen, um auf diese Weise einen Anreiz für Investitionen in effizientere Netze zu schaffen. Auch dies dürfte langfristig den Verbrauchern nutzen, die zurzeit rund ein Drittel des Strompreises für die Durchleitung bezahlen.

Den erforderlichen rechtlichen Rahmen könnte es nach Bernotats Vorpreschen nun ganz schnell geben. Am 6. Juni möchte die slowenische EU-Ratspräsidentschaft die Energieminister der Mitgliedstaaten auf eine gemeinsame Linie einschwören. In derselben Woche stimmt das Europaparlament über das Thema ab. Die Richtlinie zum Energiebinnenmarkt wird den Mitgliedstaaten zwei Wege eröffnen, um mehr Wettbewerb beim Strom zu erreichen: zum einen die eigentumsrechtliche Trennung von Netz und Betrieb, wie E.On sie jetzt anstrebt; zum anderen eine weichere Variante, bei der ein unabhängiger Dritter als Betreiber der Netze eingesetzt würde.

Unter den veränderten Vorzeichen wird sich die Bundesregierung wohl kaum mehr für ihre Alternative in die Bresche werfen, nach der die Versorger ihre Netze behalten können sollten. Schließlich ist abzusehen, dass sich weitere Energiekonzerne in » Deutschland von ihren Netzen trennen werden.

Damit dürfen die deutschen Stromabnehmer nach Meinung von Experten langfristig auf fallende Strompreise hoffen. Denn entflochtene Unternehmen können sich, was die Durchleitung von Strom angeht, nicht mehr systematisch gegen Konkurrenz aus dem Ausland abschotten.

Genau dies haben die vier deutschen Platzhirsche nach Meinung der EU-Kommission in der Vergangenheit aber versteckt getan: indem sie viel zu wenig Geld in erforderliche Kuppelstellen investiert und so systematisch die Stromanbieter aus anderen Ländern ausgesperrt haben. So haben nach EU-Erkenntnissen von 2001 bis 2005 drei große deutsche Stromanbieter 500 Millionen Euro für ihre Anschlussstellen ins Ausland kassiert, davon aber nur 30 Millionen reinvestiert, um vorhandene Engpässe abzubauen.

Die beschuldigten Unternehmen wehrten sich bisher gegen diese Vorwürfe, indem sie auf jüngste Investitionen verwiesen. „In den vergangenen Jahren hat der Konzern die Verbindungskapazität in die Niederlande und nach Frankreich um 40 Prozent ausgebaut“, betont etwa Berthold Bonekamp, Vorstandsvorsitzender der RWE-Netztochter RWE-Energy.

Doch das sind ausgerechnet die Verbindungen zu Ländern, in denen der Strom noch mehr kostet als in Deutschland. Übergänge zu Niedrigpreisländern wie Polen und Tschechien sind immer noch Mangelware. Ein unabhängiger Netzbetreiber würde dem schnell ein Ende bereiten. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso formulierte dies so: „Es ist an der Zeit, Energiepreise je nach Postleitzahl zu beenden.“

Welche konkreten Konsequenzen die Trennung von Netz und Erzeugung im Energiebereich hat, können Verbraucher und Unternehmen genau in Großbritannien studieren. Dort erzwang die damalige konservative Regierungschefin Margaret Thatcher die totale Umgestaltung aller netzgebundenen Industrie.

Den Anfang machte 1986 die Privatisierung des Staatskonzerns British Gas, der zunächst sein Monopol behalten durfte. Dafür erntete Thatcher viel Kritik und lernte daraus. Deshalb brach sie vier Jahre später – im März 1990 – das damalige staatliche britische Elektrizitätsmonopol auf, das Central Electricity Generating Board, indem sie das Unternehmen vor der Privatisierung in eine Reihe von Stromerzeuger- und Verteilergesellschaften zerlegte.

Auf diese Weise entstanden über Nacht auf der einen Seite die drei Stromerzeuger National Power, PowerGen und Nuclear Electric. Auf der anderen Seite gab es die National Grid Company, der das Überland-Hochspannungsnetz in England und Wales gehörte, sowie zwölf regionale Elektrizitäts-Verteilergesellschaften, die sich anfangs das Eigentum an National Grid teilten.

Mit Ausnahme von Nuclear Electric wurden alle anderen Stromunternehmen privatisiert, zum Teil an die Börse gebracht und von ausländischen Unternehmen übernommen. So kaufte E.On später PowerGen und RWE den Stromerzeuger Npower, die spanische Iberdrola erwarb 2006 schließlich Scottish Power.

Die inzwischen börsennotierte Netzgesellschaft National Grid ist neben den Hochspannungsnetzen von England und Wales seit 2002 auch für die früher zu British Gas gehörenden Gasleitungen zuständig. In Schottland ging die britische Regierung etwas weniger konsequent vor: Dort wurde privatisiert, aber nicht entflochten.

Das heißt, die Stromkonzerne Scottish Power (heute Teil von Iberdrola) und Scottish and Southern Energy (SSE) sind auch heute noch Eigentümer der Überland-, Mittel- und Niedrigspannungsnetze. Dafür ist National Grid jedoch für das Management der schottischen Netze verantwortlich.

In Deutschland kaum bekannt ist, dass von der Entflechtung in Großbritannien vielfach diejenigen Unternehmen profitierten, die sich zuvor noch vehement dagegen gewehrt hatten. So befinden sich die Mittel- und Niedrigspannungsnetze der zwölf ehemals unabhängigen regionalen britischen Verteilergesellschaften mittlerweile zumindest teilweise im Besitz von privaten Stromriesen wie E.On und EdF aus Frankreich.

Besonders offensiv ging dabei EdF zu Werke. Die Franzosen kauften 1999 den Stromerzeuger London-Electricity und 2003 die für London, Ost- und Südostengland zuständige regionale Verteilergesellschaft Seeboard. Dadurch wurde EdF nicht nur zum Stromerzeuger, sondern besitzt in Großbritannien auch Mittel- und Niedrigspannungsnetze, durch die Strom für mehr als ein Viertel der britischen Bevölkerung fließt.

Das führt zu Konstellationen auf dem Strommarkt, die sich auch in Deutschland ergeben können, wenn die Versorger erst einmal entflochten sind. So kommt es, dass eben ein EdF-Techniker bei einem Stromausfall eines Scottish-Power-Kunden in London den Schaden behebt, obwohl die beiden Unternehmen sich auf anderen Feldern erbittert bekämpfen: etwa indem die spanische Scottish-Power-Mutter Iberdrola sich derzeit heftig gegen ein unerwünschtes Übernahmeangebot von EdF wehrt.

Zu einer großen Angebotsvielfalt hat Thatchers Revolution auf dem Strommarkt in Großbritannien allerdings nicht geführt. Die sechs großen Stromversorger („The Big Six“) teilen sich 96 Prozent des britischen Marktes auf. Größter Anbieter ist derzeit Centrica (ehemals British Gas) mit 22 Prozent, gefolgt von E.On (20 Prozent), Scottish and South-ern Energy (16 Prozent) und RWE (15 Prozent). Zu Weihnachten haben fünf der „Big Six“ gleichzeitig die Gas- und Strompreise für die privaten Kunden erhöht.

Kritiker wie Patricia Ockenden von der Verbraucherorganisation „Energywatch“ sprechen daher von einem Oligopol: „Diese Gesellschaften üben zum Nachteil der Verbraucher eine viel zu starke Kontrolle aus“, sagt sie. Für neue Anbieter sei es kaum möglich, in den Markt zu kommen, und der anhaltende Konsolidierungstrend begrenze den Wettbewerb.

Zwar hatte die Entflechtung und Privatisierung zur Folge, dass britische Unternehmen seit 1991 und private Haushalte seit 1999 ihren Stromerzeuger auswählen können. Doch noch immer hat erst rund die Hälfte der Haushalte davon Gebrauch gemacht. Erst der starke Energiepreisanstieg im Jahr 2006 bewirkte nach Angaben der Aufsichtsbehörde Ofgem, dass eine Rekordzahl von vier Millionen Kunden den Anbieter wechselte. Zahlen für 2007 liegen noch nicht vor.

Obendrein wurde in London jetzt bekannt, dass Schatzkanzler Alistair Darling den „Big Six“ bei der Haushaltsvorlage am kommenden Mittwoch ein Ultimatum stellen will, um sie zu zwingen, Rentnern und ärmeren Briten Zugang zu den günstigen Internet-Tarifen einzuräumen. Laut „Times“ wirft Darling E.On und den übrigen Anbietern vor, ihren ärmsten Kunden um bis zu 45 Prozent höhere Preise abgeknöpft zu haben als nötig und auf diese Weise rund 400 Millionen Pfund (522 Millionen Euro) zusätzlich eingenommen zu haben. E.On war bis am vergangenen Donnerstagnachmittag nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen.

Ob die Strompreise durch die Entflechtung und Privatisierung in Großbritannien gedrückt wurden, ist umstritten. Zieht man die Steuer ab, dann müssen die Briten inzwischen fast so viel für ihren Strom bezahlen wie die Deutschen. „Der Hauptgrund dafür ist neben dem allgemeinen Preisanstieg bei Energie und der Inflationsentwicklung vor allem die geringe Zahl der Wettbewerber bei den Anbietern“, glaubt Miriam Rupp vom Strompreis-Portal Toptarif.de.

Der Dresdner Energieökonom Christian von Hirschhausen hingegen sieht die Gründe in den teuren Gaskraftwerken, die auf der Insel dominieren. Die Unternehmen indes sind mit den Ergebnissen der Entflechtung zufrieden: „Wir sehen keinen Anlass für Forderungen nach einer Verbesserung der heimischen Wettbewerbssituation“, sagt Matthew Farrow vom britischen Industrieverband CBI.

Der Grund dafür könnte in der geharnischten Regulierung der Stromunternehmen durch die staatliche Aufsichtsbehörde Ofgem (Office of Gas and Electricity Markets) liegen. Die Kontrolleure legen nicht nur die Durchleitungspreise der Netzbetreiber fest, sondern wachen auch streng über die Qualität des Netzes. Das strenge Regime sorgte laut Ofgem sogar dafür, dass die Netzbetreiber im derzeitigen Fünfjahresplan 2007–12 mehr investieren als derzeit erforderlich, unter anderem um künftig mehr Strom aus erneuerbaren Energien und Atomkraftwerken einspeisen können.

Solch positive Erfahrungen mit der Entflechtung haben inzwischen auch Dänemark und Finnland gemacht. „Dort, wo Netz und Erzeugung getrennt wurden, steigt der Enthusiasmus stark, Geld ins Netz zu stecken“, sagt Österreichs Chefregulierer Boltz.

Denn Stromnetze besitzen eine Eigenschaft, die Investoren geradezu entzückt: Die Leitungen werden über 30 Jahre abgeschrieben, halten jedoch 50 Jahre lang. Das sorgt für einen hohen Mittelzufluss der Betreiber, ohne dass sie deswegen maßlos Dividenden ausschütten, weil sonst die Regulierungsbehörde die Durchleitungsgebühren senken würde. „Dadurch“, sagt Boltz, „wird es eher zum Problem, die Investitionen der Netzbetreiber zu bremsen.“

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