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Swatch-Chef Nick Hayek im Interview "Uhren sind Kultur"

Der Chef des Schweizer Uhrenkonzerns Swatch, Nick Hayek, über reiche Russen, überzogene Erwartungen und ungetrübtes Wachstum in der Krise.

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Swatch-Chef Nick Hayek Quelle: dpa/dpaweb

WirtschaftsWoche: Herr Hayek, Sie haben als Regisseur gearbeitet. Wenn Sie einen Film über die Wirtschaftskrise drehen sollten, wäre das ein Drama, ein Thriller...

Hayek: …eine Komödie, ganz klar eine Tragikomödie. Die Geschichten an der Börse, von den Chefs der Banken oder den Analysten, die sind doch tragikomisch. Wenn Sie nur zwei, drei Jahre zurückschauen und die Zeitungsartikel lesen, was da für Finanzprodukte hochgejubelt wurden, welche Namen man erfunden hat, das ist doch Hollywood in Reinkultur.

In der Uhrenbranche geht es zurzeit weniger lustig zu. Werden auf der Messe, die kommende Woche in Basel beginnt, die Kunden scharenweise wegbleiben?

Über welchen Kunden reden wir? Den Händler, der auf der Messe ordert, oder den Kunden, der im Geschäft eine Uhr kauft? Ziel unserer Bemühungen ist immer der Endkonsument, und der kauft auch weiterhin. Viele Händler hingegen denken im Moment an ihr Lager und nicht an den Konsumenten. Dadurch, dass wir auch eigene Geschäfte haben, wissen wir jedoch, dass der Kunde weiterhin kauft: Mit der Marke Swatch machen wir die Umsätze zu 35 Prozent in den eigenen Geschäften. Bei der Omega sind es 12 bis 14 Prozent, bei Blancpain und Breguet ebenfalls um die 13 Prozent. Die Zahl der verkauften Uhren in den meisten eigenen Geschäften liegen im Januar und Februar höher als im Vorjahr.

Wachstum? Wo kommt das denn her?

Der Konsument fokussiert sich im Moment und kauft starke Marken, ganz unabhängig davon, ob es eine Swatch ist für unter 100 Euro oder eine Breguet für mehr als 100.000 Euro. Wenn die Marke stark und gut positioniert ist, gibt es genügend Käufer für diese Uhren.

Haben Ihre Käufer etwa kein Geld verloren in der Krise?

Doch, manche wahrscheinlich schon, aber nicht mit Uhren. Es gibt sicher auch viele, die sich fragen, wohin mit dem Bargeld. Zur Bank bringen? Dann investieren sie doch lieber in eine Uhr, entweder als Geldanlage für sich oder als ein Geschenk für jemanden. Das ist im Moment die beste Investition.

Die Kollegen aus den anderen Luxuskonzernen wie Richemont oder PPR haben dennoch schlimme Zahlen vorgelegt.

Ach, was heißt schon schlimm. Nehmen wir mal unsere Zahlen. Wenn wir 2009 etwa 20 Prozent weniger Umsatz machen würden als 2008, wären wir immer noch auf dem Niveau von 2007. Und das war ein sensationelles Jahr. Wir alle müssen wieder anfangen, Steigerungsraten von drei, vier, fünf Prozent oder Umsatzrückgänge von fünf, sechs, sieben oder zehn Prozent nicht als Katastrophe zu sehen, sondern als Normalität. In der Vergangenheit galt ja für die Analysten nur als erfolgreich, wer mindestens 20, 30 oder 40 Prozent wuchs. Das ist in einer Industrie mittelfristig nicht möglich.

Swatch ist zwar börsennotiert, aber die Familie Hayek ist größter Einzelaktionär. Da kann man entspannt klingen.

Wir sind nicht entspannt, sondern wir sind verantwortungsvolle Unternehmer, die mittel- und langfristig denken und handeln.

Die Luxusindustrie hat gar keine Krise?

Die Erwartung war, dass die Konzerne jedes Jahr zweistellige Zuwachszahlen haben. Jetzt konsolidieren wir einmal und sind bisher für zwei, drei Monate auf einem niedrigen Niveau. Deshalb schreien wir nicht „Krise“.

Die Börsenkurse lassen Sie kalt?

Ja, weil sie nicht den echten Wert einer Unternehmung darstellen, sondern im Moment nur reine Spekulation und Panik widerspiegeln.

Cartier und Lange & Söhne haben Kurzarbeit angemeldet...

Ja, schade für die Mitarbeiter. Wir haben im Moment keine solchen Pläne in der Schublade.

Aber Ihre Gewinne fallen auch.

Unsere Profitabilität muss auch nicht immer über 20 Prozent vom Nettoumsatz liegen wie in den letzten Jahren. Wir können auch gut weiterleben, wenn es nur 13 oder 14 Prozent sind. Unsere Gruppe ist kerngesund. Sie hat keine Schulden, aber viel Liquidität und ein großes Eigenkapital. Ich bin überzeugt, die Uhrenindustrie wird schnell wieder zum gesunden Wachstum zurückkehren.

Und das gilt für alle Branchen, die dem Luxus zugeordnet werden?

Das weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich wird es die Modebranche schwerer haben, auch die Modemarken, die Uhren herstellen lassen und mit ihrer Marke versehen. Da werden die Menschen sich schon fragen, ob sie die kaufen müssen.

Ihr Optimismus in allen Ehren, aber Luxus, Boni-Banker, das wird jetzt alles in einen Topf geworfen. Haben Luxusuhren nicht ein Imageproblem?

Eine Uhr zu besitzen ist kein Luxus. Natürlich ist es ein Luxus, eine sehr teure Uhr zu tragen, aber der Wert ist durch die Arbeit dahinter gerechtfertigt. An einer Breguet zum Beispiel können Uhrmacher zwölf Monate oder mehr arbeiten, bis sie fertig ist. Es gibt aber auch einige Luxusuhrenmarken, bei denen es außer Geld und Diamanten keinen echten Wert gibt. Es sind reine Marketingprodukte. Die werden es jetzt schwerer haben. Es wird eine gesunde Bereinigung geben. Uhren sind in vielen Ländern ein Teil der Kultur, aber nicht überall. In den USA etwa ein bisschen weniger, da ist man eher oberflächlich, was Marken betrifft. Aber für den Rest der Welt ist die Swiss-made-Uhr etwas sehr Wertvolles, Persönliches. Das gilt auch vor allem in Russland, in Indien oder China und in Europa sowieso.

Dann können Sie Rückgänge in einigen Märkten ausgleichen mit Steigerungen in anderen?

Ja, darum sind wir auch weltweit sehr gut aufgestellt. Unsere Marken Breguet, Blancpain, Omega, Longines, Tissot oder Swatch sind weltweit anerkannt und beliebt.

Liegen die Probleme für eine Gruppe wie der Swatch Group nicht eher in der Mitte, bei Menschen, die sich überlegen, statt auf den Urlaub lieber auf die Uhr zu verzichten, mit der sie geliebäugelt haben?

Für unsere Marken werden sie auf den Urlaub verzichten!

Sagen Sie. Aber diese Kundschaft wird weniger kaufen.

Was soll ich Ihnen sagen? Der Endkonsument kauft weiterhin. Aber der Händler ist im Moment der, der bremst.

Auch in schwierigen Märkten wie Russland, wo viele Menschen viel Geld verloren haben?

Ich glaube, in den USA haben die Leute mehr Geld verloren. Wir haben in Russland 30 Swatch-Läden, eine Breguet-Botique, mehrere Omega-Geschäfte sowie je eine Boutique für Blancpain und Jaquet Droz, und wir schreiben Rekordverkäufe wie nie zuvor. Bei den Russen kommt nach dem Wodka offensichtlich gleich die Swatch.

Werden wir auf der Baseler Messe bescheidenere Modelle sehen?

Ich bin mir sicher, dass wieder Substanz gefragt ist. Neben Schönheit wird technische Innovation wieder wichtiger sein. Für unsere Gruppe ändert sich nichts, denn das war und ist seit jeher unser Credo.

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