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Tourismus Extremtourismus: Das makabre Geschäft mit dem Tod

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Ein Hubschrauber setzt Skifahrer auf einer Piste ab Quelle: dpa

Die Kunden kaufen sich also nur die Illusion von Sicherheit. Der Kitzel der Todesgefahr bleibt – und hält, so makaber es klingt, den Trend zum Abenteuerurlaub am Leben. Mediale Übertreibungen erhöhen den Thrill nur noch. So kursieren in Zeitungen übertriebene „Todesraten“ an hohen Bergen. Beim K2 soll sie bei 27 Prozent liegen. Tatsächlich kommen auf 100 Bergsteiger, die den Gipfel erreichen, statistisch 27 Tote – doch nur wenige Expeditionsteilnehmer kommen überhaupt ganz hoch.

Dank moderner Kommunikation verbreiten sich Gipfelerfolge in Echtzeit. Persönliche Blogs schildern die letzten Sekunden vor dem Gipfelversuch – oder dem nahen Tod. Gerard McDonnell, ein 37-jähriger Ire, schrieb im Web, bevor er im August auf den K2 aufbrach: „Möge Glück und positives Schicksal überwiegen!!! Halte Daumen gedrückt.“ Es war sein letzter Eintrag. McDonnell kehrte nicht zurück. So entsteht der Mythos „Todeszone“.

Kari Kobler, Chef von Kobler & Partner, preist den K2 im Katalog für 13.750 Euro so an: „Der Berg der Berge mit seiner fantastischen, ebenmäßigen Pyramide löst wohl in jedem Bergsteiger ein Kribbeln aus“ und „vermutlich gibt es keine andere Normalroute auf einen Achttausender, die so anspruchsvoll, aber auch so lohnend ist“. Für kommendes Jahr nimmt Kobler den K2 zwar „aus Pietätsgründen“ aus dem Programm, steht aber sonst zu seinen riskanten Angeboten.

Bergführer Dujmovits weiß dagegen aus Erfahrung, dass am K2 „die Leistungsfähigkeit der Bergsteiger irgendwann auf der Strecke bleibt“. Wenn etwas schiefgeht, könne er da oben „keinem mehr helfen“.

Das Geschäft mit dem Abenteuer brummt wie nie. Himalaya-Expeditionen sind hier nur die Extremform. Etwas gemäßigter lassen es Trekker angehen. Rund 9.500 Gäste pro Jahr buchen eine Reise bei Hauser Exkursionen. Das Unternehmen macht rund 20 Millionen Euro Umsatz mit mehr als 400 Routen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade durch 93 Länder der Erde. Seit Jahren wächst Hauser mit Raten bis zu zehn Prozent. Auch in diesem Jahr „geht es weiter aufwärts“, sagt Hauser-Chef Häupl.

Die Branche boomt

Mit dem Wachstum steigt allerdings das Risiko. Die erhöhte Nachfrage nach Exotik und Fernreisen zwingt die 40 Mitarbeiter von Hauser zu permanentem Krisenmanagement. Politische Unruhen in Kenia, aufkeimende Ausländerfeindlichkeit in Südafrika, Tibet-Krise und Erdbeben in China geben dem Hauser-Chef in diesem Jahr „kaum einen Grund zur Freude“.

Dennoch expandiert die Branche kräftig. Vor zwei Jahren gründete Häupl die Sparte „Hauser Alpin“: Klettersteige, Gletscher-Trekking und Skitouren verkauft das Unternehmen seit dem Start „sehr erfolgreich“, sagt Häupl. Damit nicht genug: Die Buchungen von Expeditionen auf die höchsten Berge der Welt, die der Kooperationspartner Kobler &  Partner durchführt, haben sich im vergangenen Jahr gar auf 50 verdoppelt.

Das Geschäft mit dem Höhenrausch ist eine Nische in der Nische, aber es steht exemplarisch für eine Gesellschaft, die „immer extremer wird“, sagt Freizeitforscher Zellmann. Selbst Todesgefahr wird von einer wachsenden Zahl von Menschen „in Kauf“ genommen — im wahrsten Sinn des Wortes. Eine Expedition auf einen Siebentausender kostet im Schnitt ebenso viele Tausend Euro.

Seit Jahren steigen die Touristenzahlen an den hohen Bergen. Ende der Achtzigerjahre haben rund 400 Bergsteiger einen der 8.000 Meter und höher gelegenen Gipfel bezwungen. Im vergangenen Jahr waren es dreimal so viele. An engen Kletterpassagen kommt es immer wieder zu Staus. Selbst der schwierigste aller Berge – der K2 — wird auch im kommenden Jahr in den Katalogen stehen, vor allem bei neuseeländischen und amerikanischen Unternehmen.

„Ehrgeizige Amateure kaufen sich quasi das Abenteuer von der Stange“, wettert Profibergsteiger Stefan Glowacz. Der heute 43-Jährige war Vize-Weltmeister im Freiklettern und hat heute mit dem Kletterlabel Red Chilli eine eigene Outdoor-Marke. Mit einem Abenteuer, also der Entdeckung fremder Gegenden auf eigene Faust und eigener Verantwortung, habe der Tourismus auf die Berge der Welt immer weniger zu tun. Viele Kunden würden ohne die Hilfe ihrer Führer „nicht einmal bis ins erste Hochlager kommen“. Die Leute buchen heute den K2 fast so, sagt der Südtiroler Extremsportler Reinhold Messner, „als hätten sie eine All-inclusive-Reise nach Bangkok gekauft“.

Teures Equipment statt langjährige Erfahrung

Allerdings eine strapaziöse Reise: Es dauert mindestens drei Wochen, bis die Teilnehmer vom Basislager den Gipfel erreichen: Der Sauerstoffanteil in der Luft hat sich halbiert, die Temperaturen erreichen minus 30 Grad Celsius, das Wetter schlägt regelmäßig Kapriolen. In den Hochlagern urinieren die Kletterer in mitgebrachte Flaschen, wenn es draußen zu kalt ist. In Pendeltaktik klettert die Gruppe den Berg 500 bis 700 Höhenmeter rauf, baut ein Hochlager auf, übernachtet dort und steigt am Folgetag wieder zum Basislager ab, um Nachschubmaterialien zu holen und sich zu akklimatisieren. Aufgrund der Höhe erbrechen sich die Bergsteiger regelmäßig, sie leiden unter Schwindel und Kopfschmerzen — auch bei gut trainierten Sportlern bilden sich im Gehirn mitunter Gerinnsel, die zum Tod führen können.

Die Veranstalter werden denn auch nicht müde, die Eigenverantwortung der Teilnehmer zu betonen. „Wir verkaufen nicht den Gipfel“, sagt Ralph Bernhard, Geschäftsführer des Alpinveranstalters „Summit Club“ des Deutschen Alpenvereins (DAV). „Wir übernehmen die logistische Versorgung bis ins Basislager, danach müssen die Teilnehmer in der Lage sein, selber klarzukommen“, sagt Bernhard. ,Der Weg ist das Ziel‘, heißt es offiziell. Auch eine abgebrochene Tour „kann ein Erfolg sein“.

Die Achillesferse des Business: Die Leute „wachsen heute nicht mehr langsam in das Bergsteigen hinein, sondern wollen möglichst schnell auf die Sieben- und Achttausender“, sagt Amical-Chef Dujmovits. Viele kommen mit der perfekten Ausrüstung, aber ihnen „fehlt die langjährige Erfahrung und das Orientierungsvermögen in der Natur“.

Ohne alpine Erfahrung bekommt daher kein Interessent ein Ticket zum Himalaya. Wer sich für eine Expedition anmeldet, muss in Tourenberichten sein technisches Können und seine physische wie mentale Fitness bescheinigen. Schon allein aus Gruppeninteresse. Ein schwacher Kletterer hält die gesamte Expedition auf. Persönliche Beratungen vervollständigen den Qualitätscheck. „Die Anzahl der Teilnehmer, die ich zurückweisen muss, nimmt zu“, sagt Dujmovits.

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