Traditionsunternehmen "Schiesser muss sich selbst aus dem Schlamassel ziehen“

Vor knapp zwei Monaten ging Wäschehersteller Schiesser in die Knie. Schiessers Insolvenzverwalter Volker Grub räumt dem Traditionsunternehmen beste Chancen auf eine Sanierung aus eigener Kraft ein.

Der Insolvenzverwalter des Quelle: dpa

wiwo.de: Herr Grub, im Februar stellte Schiesser einen Antrag auf Insolvenz. Was ist seither passiert?

Grub: Wir haben vieles auf den Weg gebracht. Etwa haben wir Kredite in Anspruch genommen und eine wichtige Kapitalspritze von rund zwei Millionen Euro pro Monat vereinbart. Außerdem haben wir eine Fülle von Lieferantengesprächen geführt und die Lieferungen wieder sicher gestellt. Das war wichtig, denn unsere Kunden messen uns daran, dass die Ware rechtzeitig zur Verfügung steht.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Wir müssen uns mit dem eigenen Schopf aus dem Schlamassel ziehen. Im Moment mache ich eine Bestandsaufnahme. Die Schiesser-Gruppe machte im Vorjahr 170 Millionen Euro Umsatz und hat 25 Einzelgesellschaften. Jetzt muss jede Gesellschaft einzeln durchleuchtet werden, damit ich einen kompletten Überblick bekomme. Das Wichtigste ist jetzt das Sanierungskonzept, wie Schiesser in der Zukunft aussehen soll. Dieses Konzept soll bis Anfang April fertig sein.

Hauptfehler Lizenzfertigung

Woran ist Schiesser gescheitert?

Die Ausweitung der Produktion auf andere Marken war der Hauptfehler. Schiesser hat im Kerngeschäft etwa 20.000 verschiedene Artikel. Sie müssen durch Produktion und Lager geschleust und ausgeliefert werden. Das ist eine hohe logistische Aufgabe. Mit der Übernahme von Lizenzgeschäften für Puma und andere hat sich die Artikelzahl auf 100.000 verfünffacht. Dafür musste die Software umgestellt werden, und dann war Schiesser ein halbes Jahr lieferunfähig. Das hat zu hoher Kundenunzufriedenheit geführt – und zu den hohen Umsatzeinbrüchen, die Schiesser in den letzten vier Jahren hatte.

Trotzdem sind sie zuversichtlich, dass sich Schiesser aus eigener Kraft sanieren kann.

Ich bin der Meinung dass wir das schaffen werden, wenn alles gut ausgesteuert wird. Besonders erfreulich war, dass wir den Umsatz in der Insolvenz im Februar um 20 Prozent gesteigert haben. Auch im März liegen wir über Plan.

Entscheidend ist, dass der Vorstand selbst die Sanierungsmaßnahmen eingeläutet hat. Anfang des Jahres hat das Management die Lizenzmarken bis auf Seidensticker und Strellson auslaufen lassen. Zum heutigen Zeitpunkt ist eine sehr hohe Liefertreue vorhanden, damit kann die Kundschaft befriedigt werden. Ich habe das sehr genossen, dass ich einmal nicht alles selber richten muss.

Für Investorengespräche zu früh

Sprechen Sie bereits mit Investoren über eine mögliche Übernahme?

Nein, noch nicht. Dazu ist es noch zu früh. Investoren muss ich Zahlen und Prognosen präsentieren. Für jede Verhandlung muss ich Jahresplanungen vorlegen können. Das ist die Grundlage für jeden Verkauf, und so weit bin ich noch nicht. Zunächst muss das Sanierungskonzept stehen.  Erst dann kommt die Frage, ob die bisherigen Gesellschafter weiter bleiben oder Schiesser doch Fremdinvestoren hereinnimmt.

Verkauf erst später

Der Insolvenzverwalter des Quelle: dpa

Wie lange wird die Sanierung dauern?

Wenn wir Schiesser in der Insolvenz so richten können, dass es auch unter Insolvenzverwaltung profitabel arbeitet, dann werden wir Mittel und Wege finden, Investoren hereinzuholen. Falls nicht, können wir auch den Insolvenzplan fortsetzen. Wenn mich die Gläubigerversammlung dazu berechtigt, kann ich als Insolvenzverwalter das Unternehmen beliebig lange fortführen. Wir wollen deshalb so spät in Verkauf gehen, weil sich der Mehrwert, den ein saniertes Unternehmen dann hat, auch im Preis widerspiegelt. Das ist dann auch für die Gläubiger interessant, denn das Warten muss sich für sie lohnen.

Das Schweizer Familienkonglomerat Hesta hält Schiesser weiterhin die Treue?

Ja, Hesta hält weiterhin 100 Prozent an Schiesser. Im Aufsichtsrat sitzen nur Schweizer, und das Verhältnis ist gut. Die haben viel Geld investiert und Schiessers Expansionspolitik mitgetragen. Das waren Gesellschafter, die das Beste wollten. Sie haben das Unternehmen nicht ausgeblutet, sondern Geld eingeschossen.

Image als Stolperstein

Wo sehen Sie die größten Stolpersteine auf dem Weg zur Sanierung?

Schiesser wird noch immer mit Doppel-Feinripp in Verbindung gebracht, obwohl der nur fünf Prozent des Umsatzes ausmacht. Im breiten Publikum ist noch immer verankert, dass Schiesser altmodisch ist. Trotz bester modischer Produkte wird es schwierig werden, dieses Image loszuwerden.

Ob das Geld für eine groß angelegte Werbekampagne vorhanden ist, weiß ich noch nicht. Da muss Schiesser eventuell mit externen Investoren sprechen. Aber seit der Aufgabe der Lizenzfertigung ist das Unternehmen gut aufstellt. Schiesser hat schicke Produkte und ein breites Angebot, auch im modischen Bereich. Bei Wäschehändlern würde sicherlich etwas fehlen, wenn Schiesser nicht mehr in den Regalen wäre.

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