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Trotz Aufschwungs Wie die Krise die Unternehmen verändert hat

Auch wenn die Konjunktur wieder brummt: Die Krise ist für deutsche Unternehmen nicht abgehakt. Anders als bei vorherigen Einbrüchen hat sie in allen Branchen zu Veränderungen geführt, die von Dauer sein werden.

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Viele Banken mussten in der Quelle: dpa

BMW und VW wissen jetzt, wie es geht. Um drei lange Jahre Krise und Nachfrageschwund abzuwettern, ließen sich die Belegschaften auf so flexible Arbeitszeiten ein wie nie zuvor. Das wird auch so bleiben. Die Commerzbank und manche Landesbanken wissen jetzt, wie es nicht geht. Ihre Risikofreude kostete sie die Unabhängigkeit. Die rettende staatliche Umklammerung bremst nun die Vorstände. Zugleich zähmt die europäische Bankenaufsicht alle Geldinstitute mit neuen Vorschriften von restriktiveren Boni bis zu höheren Eigenkapitalanforderungen. Dieses Rad wird auch in besseren Zeiten nicht zurückgedreht.

Der familiengeführte Wälzlagerhersteller Schaeffler überlebte die waghalsige Übernahme des Reifenherstellers Continental, die durch den Börseneinbruch im September 2008 fast zum Totalverlust des Schaeffler’schen Vermögens führte, nur mithilfe von Banken und Gewerkschaften. Seither müssen die Schaefflers die Macht im Haus teilen. Dem erfolgsverwöhnten Welthafen Hamburg ist nach zehn Jahren Wachstum in der Krise die Konkurrenz enteilt. Viele Zubringerverkehre wanderten nach Antwerpen und Rotterdam ab, weil die Transporte von dort aus preiswerter waren. Die Hamburger sind in der Rangliste der weltgrößten Häfen auf Platz 16 abgestürzt. Die Aufholjagd wird Jahre dauern.

Manager erwarten oft schwächeres Wachstum als 2010

Solche Erfahrungen teilen in Deutschland Hunderte bekannte Mittelständler und Tausende unbekannte Kleinbetriebe. Für viele von ihnen haben sich ihre Märkte und Rahmenbedingungen durch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise unwiderruflich geändert. Das hatte Konsequenzen: Ob mehr Liquidität in den Kassen als Krisen-Puffer, mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten, neue Finanzierungsformen wegen restriktiverer Banken oder mehr Reserven in der Produktion nach Problemen mit pleitegegangenen Zulieferern – viele aus der Not der Krise geborenen Veränderungen werden noch weit länger Bestand haben.

Ein Grund dafür: 64 Prozent der Manager erwarten, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr schwächer wächst als 2010, ergab eine „Handelsblatt“-Umfrage. Diese Meinung teilen sie mit vielen Ökonomen: Forscher warnen vor einer erneuten Rezession, weil die anderen Länder der Euro-Zone schwächeln und sich die Schuldenkrise womöglich noch zuspitzt. Zu frisch sind die Wunden in den meisten deutschen Unternehmen. Niemals zuvor hat eine Krise so schnell und global vorgeführt, wie eng verwoben Wirtschaft, Banken, Länder und Währungen längst sind – und wie anfällig sie das macht.

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat soeben die Auswirkungen auf den deutschen Maschinenbau untersucht. Studienleiter Karl Lichtblau kommt zu dem Schluss: „Für viele Unternehmen ist dieses verschärfte Tempo eine noch nicht gekannte Dimension des Strukturwandels und damit ein veritabler Strukturbruch.“ Drei unumkehrbare Trends treffen alle Branchen und Betriebsgrößen gleichermaßen: Die Unternehmen brauchen dauerhaft Alternativen zum klassischen Bankkredit, neue Arbeitszeitmodelle müssen tariflich forciert und altgediente Unternehmensstrategien vor allem zur Kostenreduzierung überdacht werden. Sie könnten in der nächsten Krise tödlich sein.

Die Mehrzahl der deutschen Betriebe gibt wieder Gas. Doch die Richtung hat sich verändert. Neue Produkte, Kundengruppen und Märkte werden anvisiert, weil sie Standhaftigkeit in turbulenten Zeiten versprechen. So gründete die Fräger-Gruppe, Antriebsspezialisten aus Nordhessen, mitten in der Krise eine Firma für Elektroautos und erstaunte binnen Monaten die renommierte Konkurrenz. Mit diesem Auto habe Fräger schon jetzt gewonnen, sagt Geschäftsführer Andreas Graewingholt: „Wir zeigen unseren Kunden, wie kompetent wir sind, und profilieren uns als attraktiver Arbeitgeber“.

Grafik: Alles auf Effizienz getrimmt

„Während es 2009 vor allem ums Überleben ging, stehen jetzt wieder Wachstumsstrategien im Vordergrund“, sagt Oliver Knapp, Partner bei der Strategieberatung Roland Berger. Fast 80 Prozent der von den Berger-Beratern befragten Unternehmen wollen ihr organisches Wachstum forcieren. Zugleich gewähren sie Einkauf, Produktion und Produktportfolio keine Post-Krisen-Erholungspause.

Auch wenn sie 2011 vor allem aus eigener Kraft wachsen wollen: Fast die Hälfte der Manager plant Übernahmen, Joint Ventures oder strategische Allianzen – aber anders als bisher. Die Firmen sind vorsichtiger geworden. In Zukunft muss es nicht mehr die teure Übernahme mit großem Integrationsaufwand sein. Themenorientierte Zusammenarbeit, wie sie etwa Automobilhersteller bei Plattformen, Motoren oder bei der Batterieentwicklung betreiben, tut es auch.

„Aber kaum ein Bereich hat sich durch die Krise so nachhaltig verändert wie das Einkaufs- und Beschaffungsmanagement“, sagt Gerd Kerkhoff, Chef der Einkaufsberatung Kerkhoff Consulting aus Düsseldorf. „Alle haben gemerkt, wie schnell so eine Krise kommt, wie tief sie geht, dass fast jeder davon betroffen ist und dass sich so etwas jederzeit wiederholen kann.“ Probleme bei Zulieferern oder zu enge Just-in-time-Produktionskonzepte brachten viele Betriebe in Schwierigkeiten. „Statt mit wenigen Zulieferern über große Mengen Preisvorteile und Kostensenkungen bei der Logistik zu erreichen, stellen sie sich heute wesentlich breiter auf“, sagt Kerkhoff.

Das hat auf das Lieferkettenmanagement ganz unterschiedliche Auswirkungen: Mehrere Lieferanten, Vorräte als Puffer, Produktionssicherheit schlägt den Preis als Kriterium. Lieferantenoptimierung statt Konditionsoptimierung. „Bei einigen Autokonzernen gilt eine Beteiligung an ihren Zulieferern inzwischen als strategische Option“, sagt Kerkhoff. Eine Variante: Hersteller übernehmen einen Teil der Finanzierung etwa der Rohstoffkosten ihrer Lieferanten.

Flexible Mitarbeiter gesucht

Vor der globalen Wirtschaftskrise galt Deutschland mit seinen Zeit und Nerven raubenden Mitbestimmungsregeln als lahme Ente im internationalen Wettbewerb. Das ist heute anders. Denn die mancherorts bis zur Schmergrenze flexible Arbeitnehmerschaft hat vielen Unternehmen das Überleben gesichert. Eugen Spitznagel, Leiter der Forschungsgruppe Arbeitszeit am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: „Ohne die flexiblen Arbeitszeiten wäre weder das sogenannte deutsche Jobwunder in der Krise noch die rasante Erholung danach möglich gewesen.“ In anderen Ländern wurde stattdessen Personal erst leichtfüßig entlassen und wird nun händeringend gesucht.

Die Deutschen retteten sich zum einen mit Kurzarbeit. 1,5 Millionen Beschäftigte traf es 2009 quer durch fast alle Branchen vom Luxusuhren-Hersteller Lange & Söhne über den Springer-Verlag bis zum Reiseveranstalter TUI. Heute sind nur noch 200 000 Menschen in Kurzarbeit.

Es wurden aber auch Guthaben auf Arbeitszeitkonten abgefeiert, Überstunden eingeschränkt, Arbeitszeitkorridore für temporäre Verkürzungen ausgenutzt oder Teilzeitarbeit gefördert. Für Spitznagel hat die Krise ein allgemeines Umdenken angestoßen: „Interne Flexibilität kann effektiver und effizienter sein als externe Flexibilität. Alle Beteiligten, nämlich Betriebe, Beschäftigte, Politik und Administration, sind sich der Chancen bewusst geworden, die in der Arbeitszeitflexibilität liegen. Das könnte unumkehrbar sein.“

Verlierer dieser Entwicklung sind in vielen Fällen externe Zeitarbeiter. Als etwa Spicer Gelenkwellenbau in Essen, eine Tochter des amerikanischen Dana-Konzerns, Anfang 2009 in die Krise rutschte, flogen dort wie anderswo auch zuerst die Zeitarbeitskräfte raus. Von 125 Leiharbeitern, einem Viertel der Arbeitskräfte, blieb keiner; betriebsbedingte Kündigungen blieben der Stammbelegschaft so erspart. Mittlerweile hat der Betriebsrat der Geschäftsführung ein Eckpunktepapier abgerungen und damit den Pro-Zeitarbeitskurs des Unternehmens gestoppt.

Grafik: Kapitaldecke der Unternehmen (zur Vergrößerung: klicken!)

Dort, wo sie können, legen Gewerkschaften und Betriebsräte landesweit den Unternehmen nun Fesseln an – auch weil sie in Betrieben mit vielen Leiharbeitskräften spürbar an Einfluss verlieren. Zunehmend setzen deshalb Arbeitnehmervertreter wie bei Spicer Obergrenzen durch, wo nun höchstens ein Zehntel der Beschäftigten Zeitarbeiter sein sollen. Oder sie erreichen, dass aus bewährten Leiharbeitern Mitglieder der Stammbelegschaft werden.

Auch für die deutschen Banken hat die Finanzkrise unumkehrbare Konsequenzen. Aus Erfahrung mühsam klüger geworden, haben die internationalen Bankenaufseher vor allem die Regeln für die Eigenkapitalunterlegung bei Kreditgeschäften verschärft. Den Banken soll mit der Richtlinie Basel III die Lust auf spekulative Geschäfte vergehen. Zudem zwingt es sie, ein Kapitalpolster aufzubauen, dass das weltweite Finanzsystem stabilieren soll.

„Das Vertrauen in den Bankensektor ist grundlegend beschädigt“, sagt Alexander Kritikos, Vizepräsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. „Die Akteure auf den Finanzmärkten müssen künftig stärker am Risiko beteiligt werden. Ich sehe dazu aber wenig Bereitschaft in den Finanzinstituten.“ Bleibt es dabei, dürfte der politische Druck auf die Banken steigen. Wissend, was auf sie noch zukommt, schauen die Banken schon jetzt ihren Kreditnehmern viel genauer in die Bücher.

Dabei ist die aktuelle öffentliche Wahrnehmung trügerisch. Lautstark tönen viele Häuser, sie gäben ja gerne Kredit, er werde nur nicht abgerufen. Die Frage ist nur: Wer darf noch rufen und wer nicht? Die, die es am nötigsten haben, offenbar nicht, sagt Michael Bretz von der Neusser Wirtschaftsauskunftei Creditreform. „Über alle Branchen ist der wichtige Faktor Eigenkapital leicht gestiegen. Doch von der Krise wurden besonders Unternehmen aus Logistik, Gastgewerbe, Bau, Kommunikationstechnologie und Autobranche getroffen. Ihr Eigenkapital ist seit 2010 um mehr als 30 Prozent gesunken.“

Kreditprüfungen werden härter

Mit weitreichenden Folgen, so Bretz: „Die Kreditprüfungen werden härter, die Konditionen bei Laufzeit und Zinsen schlechter und die Anforderungen an Sicherheiten besonders im Mittelstand immer höher“ (siehe Grafik oben). Damit habe die Bedeutung des Eigenkapitals grundlegend zugenommen. Dem stimmt Semir Fersadi zu. Er berät in der Münchner Industrie- und Handelskammer Mittelständler auf der Suche nach frischem Geld. „Der klassische Kredit bleibt die Nummer eins, aber die Unternehmen müssen sich Alternativen suchen.“ Die würden auch zunehmend von anderen Kapitalgebern angeboten. Immer mehr Firmen finanzierten mithilfe ihrer Kunden oder Lieferanten, auch wenn damit die Abhängigkeit steige. „Doch im Unterschied zu den Banken herrscht dort oft ein erprobtes Vertrauensverhältnis“, sagt Fersadi.

Eine Alternative sind Leasinggeschäfte. Doch die Katze beißt sich in den Schwanz. Vor allem kleinen und mittleren Leasingunternehmen geht selbst das Geld aus. Ihr Geschäftsmodell erscheint den Banken heikel, die bislang tragende Säule Landesbanken hat andere Sorgen und zieht sich aus dem Geschäft zurück. Auch der Reiz des sogenannten Mezzanine-Kapitals wie nachrangige Darlehen, stille Beteiligungen oder Genussscheine schwindet. Fachmann Fersadi rechnet damit, dass rund ein Drittel aller sie nutzenden Unternehmen meist mangels Bonität keine Anschlussfinanzierung bekommen wird.

Eine weitere Alternative ist klassisches Private Equity. Fersadi: „Es gibt zwar wenige Fonds, und auch die wollen Sicherheiten. Stattdessen finanzieren aber verstärkt – und sehr diskret – wohlhabende Privatleute Firmen.“ Oft liefen die Kontakte über Netzwerke, und es habe seinen Preis, zum Beispiel den Wunsch des Finanziers auf Mitsprache. Das muss man mögen.

Großen industrienahen Mittelständlern macht die Börse Stuttgart ein neues Angebot: das Segment Bondm. Dort können Unternehmen Anleihen zwischen 50 und 100 Millionen Euro auflegen. Die „Mittelstandsanleihe“ wird im Freiverkehr der Börse gehandelt. Der Maschinenbauer Dürr und Air Berlin sind schon dabei. Fersadis Rat für die Zukunft: „Unternehmen müssen sich schon jetzt so aufstellen, dass sie in drei bis vier Jahren, wenn die Bankenregulierung weiter fortgeschritten ist, alle Varianten nutzen können.“

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