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Trotz Aufschwungs Wie die Krise die Unternehmen verändert hat

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Grafik: Alles auf Effizienz getrimmt

„Während es 2009 vor allem ums Überleben ging, stehen jetzt wieder Wachstumsstrategien im Vordergrund“, sagt Oliver Knapp, Partner bei der Strategieberatung Roland Berger. Fast 80 Prozent der von den Berger-Beratern befragten Unternehmen wollen ihr organisches Wachstum forcieren. Zugleich gewähren sie Einkauf, Produktion und Produktportfolio keine Post-Krisen-Erholungspause.

Auch wenn sie 2011 vor allem aus eigener Kraft wachsen wollen: Fast die Hälfte der Manager plant Übernahmen, Joint Ventures oder strategische Allianzen – aber anders als bisher. Die Firmen sind vorsichtiger geworden. In Zukunft muss es nicht mehr die teure Übernahme mit großem Integrationsaufwand sein. Themenorientierte Zusammenarbeit, wie sie etwa Automobilhersteller bei Plattformen, Motoren oder bei der Batterieentwicklung betreiben, tut es auch.

„Aber kaum ein Bereich hat sich durch die Krise so nachhaltig verändert wie das Einkaufs- und Beschaffungsmanagement“, sagt Gerd Kerkhoff, Chef der Einkaufsberatung Kerkhoff Consulting aus Düsseldorf. „Alle haben gemerkt, wie schnell so eine Krise kommt, wie tief sie geht, dass fast jeder davon betroffen ist und dass sich so etwas jederzeit wiederholen kann.“ Probleme bei Zulieferern oder zu enge Just-in-time-Produktionskonzepte brachten viele Betriebe in Schwierigkeiten. „Statt mit wenigen Zulieferern über große Mengen Preisvorteile und Kostensenkungen bei der Logistik zu erreichen, stellen sie sich heute wesentlich breiter auf“, sagt Kerkhoff.

Das hat auf das Lieferkettenmanagement ganz unterschiedliche Auswirkungen: Mehrere Lieferanten, Vorräte als Puffer, Produktionssicherheit schlägt den Preis als Kriterium. Lieferantenoptimierung statt Konditionsoptimierung. „Bei einigen Autokonzernen gilt eine Beteiligung an ihren Zulieferern inzwischen als strategische Option“, sagt Kerkhoff. Eine Variante: Hersteller übernehmen einen Teil der Finanzierung etwa der Rohstoffkosten ihrer Lieferanten.

Flexible Mitarbeiter gesucht

Vor der globalen Wirtschaftskrise galt Deutschland mit seinen Zeit und Nerven raubenden Mitbestimmungsregeln als lahme Ente im internationalen Wettbewerb. Das ist heute anders. Denn die mancherorts bis zur Schmergrenze flexible Arbeitnehmerschaft hat vielen Unternehmen das Überleben gesichert. Eugen Spitznagel, Leiter der Forschungsgruppe Arbeitszeit am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: „Ohne die flexiblen Arbeitszeiten wäre weder das sogenannte deutsche Jobwunder in der Krise noch die rasante Erholung danach möglich gewesen.“ In anderen Ländern wurde stattdessen Personal erst leichtfüßig entlassen und wird nun händeringend gesucht.

Die Deutschen retteten sich zum einen mit Kurzarbeit. 1,5 Millionen Beschäftigte traf es 2009 quer durch fast alle Branchen vom Luxusuhren-Hersteller Lange & Söhne über den Springer-Verlag bis zum Reiseveranstalter TUI. Heute sind nur noch 200 000 Menschen in Kurzarbeit.

Es wurden aber auch Guthaben auf Arbeitszeitkonten abgefeiert, Überstunden eingeschränkt, Arbeitszeitkorridore für temporäre Verkürzungen ausgenutzt oder Teilzeitarbeit gefördert. Für Spitznagel hat die Krise ein allgemeines Umdenken angestoßen: „Interne Flexibilität kann effektiver und effizienter sein als externe Flexibilität. Alle Beteiligten, nämlich Betriebe, Beschäftigte, Politik und Administration, sind sich der Chancen bewusst geworden, die in der Arbeitszeitflexibilität liegen. Das könnte unumkehrbar sein.“

Verlierer dieser Entwicklung sind in vielen Fällen externe Zeitarbeiter. Als etwa Spicer Gelenkwellenbau in Essen, eine Tochter des amerikanischen Dana-Konzerns, Anfang 2009 in die Krise rutschte, flogen dort wie anderswo auch zuerst die Zeitarbeitskräfte raus. Von 125 Leiharbeitern, einem Viertel der Arbeitskräfte, blieb keiner; betriebsbedingte Kündigungen blieben der Stammbelegschaft so erspart. Mittlerweile hat der Betriebsrat der Geschäftsführung ein Eckpunktepapier abgerungen und damit den Pro-Zeitarbeitskurs des Unternehmens gestoppt.

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