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Trotz Aufschwungs Wie die Krise die Unternehmen verändert hat

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Grafik: Kapitaldecke der Unternehmen (zur Vergrößerung: klicken!)

Dort, wo sie können, legen Gewerkschaften und Betriebsräte landesweit den Unternehmen nun Fesseln an – auch weil sie in Betrieben mit vielen Leiharbeitskräften spürbar an Einfluss verlieren. Zunehmend setzen deshalb Arbeitnehmervertreter wie bei Spicer Obergrenzen durch, wo nun höchstens ein Zehntel der Beschäftigten Zeitarbeiter sein sollen. Oder sie erreichen, dass aus bewährten Leiharbeitern Mitglieder der Stammbelegschaft werden.

Auch für die deutschen Banken hat die Finanzkrise unumkehrbare Konsequenzen. Aus Erfahrung mühsam klüger geworden, haben die internationalen Bankenaufseher vor allem die Regeln für die Eigenkapitalunterlegung bei Kreditgeschäften verschärft. Den Banken soll mit der Richtlinie Basel III die Lust auf spekulative Geschäfte vergehen. Zudem zwingt es sie, ein Kapitalpolster aufzubauen, dass das weltweite Finanzsystem stabilieren soll.

„Das Vertrauen in den Bankensektor ist grundlegend beschädigt“, sagt Alexander Kritikos, Vizepräsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. „Die Akteure auf den Finanzmärkten müssen künftig stärker am Risiko beteiligt werden. Ich sehe dazu aber wenig Bereitschaft in den Finanzinstituten.“ Bleibt es dabei, dürfte der politische Druck auf die Banken steigen. Wissend, was auf sie noch zukommt, schauen die Banken schon jetzt ihren Kreditnehmern viel genauer in die Bücher.

Dabei ist die aktuelle öffentliche Wahrnehmung trügerisch. Lautstark tönen viele Häuser, sie gäben ja gerne Kredit, er werde nur nicht abgerufen. Die Frage ist nur: Wer darf noch rufen und wer nicht? Die, die es am nötigsten haben, offenbar nicht, sagt Michael Bretz von der Neusser Wirtschaftsauskunftei Creditreform. „Über alle Branchen ist der wichtige Faktor Eigenkapital leicht gestiegen. Doch von der Krise wurden besonders Unternehmen aus Logistik, Gastgewerbe, Bau, Kommunikationstechnologie und Autobranche getroffen. Ihr Eigenkapital ist seit 2010 um mehr als 30 Prozent gesunken.“

Kreditprüfungen werden härter

Mit weitreichenden Folgen, so Bretz: „Die Kreditprüfungen werden härter, die Konditionen bei Laufzeit und Zinsen schlechter und die Anforderungen an Sicherheiten besonders im Mittelstand immer höher“ (siehe Grafik oben). Damit habe die Bedeutung des Eigenkapitals grundlegend zugenommen. Dem stimmt Semir Fersadi zu. Er berät in der Münchner Industrie- und Handelskammer Mittelständler auf der Suche nach frischem Geld. „Der klassische Kredit bleibt die Nummer eins, aber die Unternehmen müssen sich Alternativen suchen.“ Die würden auch zunehmend von anderen Kapitalgebern angeboten. Immer mehr Firmen finanzierten mithilfe ihrer Kunden oder Lieferanten, auch wenn damit die Abhängigkeit steige. „Doch im Unterschied zu den Banken herrscht dort oft ein erprobtes Vertrauensverhältnis“, sagt Fersadi.

Eine Alternative sind Leasinggeschäfte. Doch die Katze beißt sich in den Schwanz. Vor allem kleinen und mittleren Leasingunternehmen geht selbst das Geld aus. Ihr Geschäftsmodell erscheint den Banken heikel, die bislang tragende Säule Landesbanken hat andere Sorgen und zieht sich aus dem Geschäft zurück. Auch der Reiz des sogenannten Mezzanine-Kapitals wie nachrangige Darlehen, stille Beteiligungen oder Genussscheine schwindet. Fachmann Fersadi rechnet damit, dass rund ein Drittel aller sie nutzenden Unternehmen meist mangels Bonität keine Anschlussfinanzierung bekommen wird.

Eine weitere Alternative ist klassisches Private Equity. Fersadi: „Es gibt zwar wenige Fonds, und auch die wollen Sicherheiten. Stattdessen finanzieren aber verstärkt – und sehr diskret – wohlhabende Privatleute Firmen.“ Oft liefen die Kontakte über Netzwerke, und es habe seinen Preis, zum Beispiel den Wunsch des Finanziers auf Mitsprache. Das muss man mögen.

Großen industrienahen Mittelständlern macht die Börse Stuttgart ein neues Angebot: das Segment Bondm. Dort können Unternehmen Anleihen zwischen 50 und 100 Millionen Euro auflegen. Die „Mittelstandsanleihe“ wird im Freiverkehr der Börse gehandelt. Der Maschinenbauer Dürr und Air Berlin sind schon dabei. Fersadis Rat für die Zukunft: „Unternehmen müssen sich schon jetzt so aufstellen, dass sie in drei bis vier Jahren, wenn die Bankenregulierung weiter fortgeschritten ist, alle Varianten nutzen können.“

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