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TV-Sender Al Jazeera Tausend und eine Nachricht

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Gefährliche Arbeit Quelle: Getty Images

Beim Aufbau des englischsprachigen Senders ließ sich Al Jazeera von einer Reihe renommierter westlicher Journalisten beraten. Auch „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe reiste nach Doha. Er gehörte 2003 zu den Irakkrieg-Befürwortern, gilt als USA-Bewunderer. Mit der Beratung durch Joffe zeigte die Gruppe, dass ihr Professionalität wichtig war. Selbst US-Außenministerin Hillary Clinton lobte jüngst den Sender. Er würde echte Nachrichten senden, US-Kanäle sollten sich ein Beispiel nehmen.

Die Stärke von Al Jazeera ist die Berichterstattung aus Regionen, die selbst hochkarätige westliche Kanäle wie die BBC vernachlässigen. So zeigt Al Jazeera schon mal ausführlich Bilder aus Sri Lanka, sieben Jahre nach dem Tsunami und zwei Jahre nach dem Bürgerkrieg. Ein kaum beachtetes Land wird auf einem Niveau analysiert, das selten ist. Dabei bilden Muslime in Sri Lanka einen kleineren Prozentteil der Bevölkerung als in manch Berliner Stadtteil.

Das bringt dem Emir weltweit Ansehen, tröstet Demokraten darüber hinweg, dass Katar selbst keine Demokratie ist.

Fackel der Revolution

Mit zwischen Marokko und Kuwait zuvor unbekannten, fast freiheitlichen Berichten hat Al Jazeera Arabiens Medienlandschaft revolutioniert. Und nachdem sich am 17. Dezember in Tunesien ein Mann aus Protest gegen das Regime im Lande selbst anzündete, mutierte der Sender zum Fackelträger, der das Feuer der Revolution durch die arabische Welt reicht. Er zeigte friedliche Demonstranten, informierte über Gewalt, verbreitete die Nachrichten in andere Länder, heizte dort die Stimmung an.

Kein anderer Sender war und ist in Ägypten, Tunesien und Libyen so nah dran. Während westliche Journalisten von Hoteldächern berichteten, ziehen Al Jazeeras Reporter durch die Straßen, teils gehetzt von Schlägertrupps der Diktatoren. Kameramann Ali Hassan al-Jaber etwa starb im März in Libyen, nachdem er auf der Rückfahrt von Bengasi in einen Hinterhalt geriet.

Tunesien hatte alle Reporter des Senders des Landes verwiesen. Ein dort geborener Al-Jazeera-Moderator aber arrangierte für seine Kollegen, dass sie undercover berichten konnten. Bildmaterial besorgte sich der Sender tagelang aus dem sozialen Netzwerk Facebook, wo Tunesier Handyvideos hochluden. „Al Jazeera hat so über die Revolution berichtet, wie es tunesische Sender nicht konnten“, sagt der tunesische Lehrer Adnen Rihane. Besonders in den letzten Aufstandstagen sei der Sender wichtige Informationsquelle für die Menschen gewesen.

Doch selbst Al Jazeera schafft es nicht überallhin: „Die fehlende Berichterstattung aus Syrien zeigt die Grenzen des Senders auf“, sagt Stefan Leder, Direktor des Orient-Instituts in Beirut. Auch das gut vernetzte Al Jazeera könne keine Bilder aus einem abgeschotteten, stalinistischen Land wie Syrien liefern.

In den Regierungszentralen blieb die Rolle des Senders nicht unbemerkt. Libyen störte im Februar die Signale in halb Nordafrika. Al Jazeera musste mehrfach die Satellitenfrequenz wechseln. Ägyptens Regierung hatte zuvor den Kanal für eine Woche vom Nilesat-Satelliten verbannt. Gleichzeitig ließ der damalige Präsident Hosni Mubarak Al Jazeeras Signal vom europäischen Hotbird- und vom saudischen Arabsat-Satelliten stören. Aus Solidarität stoppten zehn Sender der Region ihr Programm und strahlten simultan Al Jazeera aus.

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