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TV-Sender Al Jazeera Tausend und eine Nachricht

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Wie bei CNN, aber in Doha. Quelle: REUTERS

Dieser Erfolg des Senders vor allem in Arabien ruft Wettbewerber auf den Plan. Schließlich geht es um einen TV-Markt, der 290 Millionen potenzielle Zuschauer zählt. Rupert Murdochs Sky News basteln an einer Kooperation mit dem Emirat Abu Dhabi, um eine eigene arabischsprachige Station zu starten. Und auch die BBC richtete wieder einen arabischen Kanal ein.

Erzrivale aber ist der 2003 gegründete Sender Al Arabiya aus Dubai, hinter dem vermögende Saudis stehen. Der Sender ist anders als Al Jazeera klar pro amerikanisch und pro saudisch. So gab US-Präsident Barack Obama sein erstes Interview im Amt Al Arabiya. Inzwischen hat der Sender eine englischsprachige Web-Site, ein englisches TV-Programm dürfte bald folgen.

Doch auch Al Jazeera wächst. Die Beteiligung Al Jazeera Children’s Channel, ein arabischsprachiger Kindersender, bekommt Ende 2012 einen englischsprachigen Ableger. Der soll global senden. Auch der arabischsprachige Kinderkanal soll internationaler werden: „Die Nachfrage in Asien ist enorm“, sagt dessen Chef Mahmoud Bouneb.

Gleichzeitig kaufen die Katarer ein. Am 10. Februar stimmte die türkische Regierung zu, den TV-Sender Cine 5 an Al Jazeera zu übertragen. Der Staat hatte den Unterhaltungskanal übernommen, weil dessen Eigentümer pleite war. Im Dezember 2010 erhielt Al Jazeera zudem eine Lizenz für Indien, den größten englischsprachigen TV-Markt der Welt, den der Sender nun schrittweise erschließen wird.

US-Markt weigert sich

In einem wichtigen Markt aber tut sich Al Jazeera schwer. Trotz lobender Worte Clintons verweigern die großen US-Kabelgesellschaften Time Warner und Comcast Al Jazeera den Zugang zu ihren Netzen. So ist der Sender nur in einigen lokalen Kabelnetzen zu empfangen – von gerade 1,7 Prozent der US-Haushalte. Vor allem das konservative Lager beschuldigt den Sender, Handlanger des Terrornetzes al-Qaida zu sein, ein Image, das ihm seit der Ära von George W. Bush anhängt. Der Sender hatte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 Botschaften Bin Ladens ausgestrahlt.

US-Kampfjets hatten unter Bush Büros des Senders in Kabul und Bagdad bombardiert – offiziell ein Versehen. Zudem verhafteten sie Al-Jazeera-Kameramann Sami al-Hajj, sperrten ihn jahrelang in Guantanamo ein. „Man wollte wissen, wer den Sender führt und welche Verbindung er zu al-Qaida hat“, sagte er jetzt im Fernsehen.

Seit einigen Monaten fährt der Sender eine PR-Offensive, um sein Terror-Image loszuwerden. Al Jazeera startete eine Internet-Seite, die mehr als 40 000 Amerikaner dazu bewegte, von ihrem Kabelanbieter Al Jazeera zu fordern. In den Zeitungen „New York Times“ und „Washington Post“ schaltete er ganzseitige Anzeigen. Wo er dennoch nicht ins Kabel kommt, strahlt der Sender im Web aus. Während der Unruhen in Ägypten stieg die Zuschauerzahl dort um 2500 Prozent auf vier Millionen, davon waren 1,6 Millionen Amerikaner.

Seine Alleinstellung lässt den Sender aber in den Agenda-Journalismus abgleiten, bei dem er politische Ziele über objektive Berichte stellt. Er spitzt Thesen zu, „ohne plumpen Agitprop“, sagt „Zeit“-Herausgeber Joffe: Man hole Experten, die das in die Kamera sagten, was Al Jazeera hören wolle. Es würden kompromissbereite Palästinenser diskreditiert. Mit der Veröffentlichung von Protokollen diskreter Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern habe der Sender die Friedensbemühungen weiter geschwächt.

Kritik gibt es auch am fehlenden Beißreflex, geht es um Affären Katars. Al Jazeera sei ein „Instrument, um Beziehungen mit anderen Ländern zu kitten“, heißt es in einem von der Internet-Plattform Wikileaks veröffentlichten Kommuniqué des US-Botschafters in Katar, Joseph LeBaron. So berichtete die Gruppe kaum über Proteste im befreundeten Bahrain. Medienexperten zufolge ist das weniger ein direkter Eingriff des Emirs als vorauseilende Selbstzensur.

Aus den Gründen warf vor wenigen Tagen Al Jazeeras Bürochef in Beirut Ghassan Ben Jeddo hin: Al Jazeera habe seine Objektivität und Professionalität aufgegeben und sich dem Skandaljournalismus zugewendet. Dies mache den Sender zu einer Operationszentrale zur Anstiftung und Mobilisierung. Laut Orient-Instituts-Direktor Leder ist das „ein gutes Ereignis“, das Al Jazeera zu mehr Objektivität bewegen könnte.

Ex-Al-Jazeera-Mann Seddon verteidigt seinen früheren Arbeitgeber: „Es gibt weltweit kein Medium, das keine Agenda hat.“

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