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TV-Sender Al Jazeera Tausend und eine Nachricht

Die Unruhen in Ägypten, Syrien und Libyen werden zur Sternstunde des arabischen Fernsehsenders. Al Jazeera nutzt den Erfolg für die globale Expansion und greift auch die westlichen TV-Riesen CNN und BBC an.

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Herrschers Liebling Quelle: dpa

Nick Castellaro schwenkt seine Kamera in Richtung Ban Ki-moon. Es ist der Antrittsbesuch des Uno-Generalsekretärs im kleinen, steinreichen arabischen Emirat Katar. Wenige Schritte entfernt wartet Emir Hamad bin Khalifa al-Thani auf dem Rollfeld, um den hohen Gast zu empfangen. Doch als Castellaro die Kamera auf den Besucher aus New York richtet, begeht er einen schweren Bruch der Etikette: Der Australier dreht dem Emir seinen Rücken zu. Auf der Stelle nehmen Sicherheitskräfte den Kameramann in die Zange. Doch als der Herrscher die Lage bemerkt – und den Schriftzug auf Castellaros Schirmmütze – pfeift er seine Leute zurück. "Lasst ihn, er arbeitet für Al Jazeera“, ruft der Emir.

Das war 2007, der Westen nahm den arabischen Fernsehsender aus Katars Hauptstadt Doha nur am Rande wahr. Doch dank der schützenden Hand des Emirs, Hunderten Millionen Dollar aus seiner Familienschatulle sowie der unerwarteten Revolutionswelle in Nahost und Nordafrika legt der TV-Konzern zurzeit einen rasanten Aufstieg hin. Es entsteht ein nicht westlicher Fernsehriese mit globalem Einfluss.

Mit bekannten TV-Gesichtern

Inzwischen erreicht allein der englischsprachige Kanal weltweit mehr als 250 Millionen Haushalte. Die gesamte Al-Jazeera-Gruppe betreibt 65 Büros rund um die Welt. Dort arbeiten mehr als 3000 Leute, darunter 400 Journalisten aus rund 60 Nationen.

Al Jazeera durchlebt zurzeit eine Art CNN-Moment: Der US-Nachrichtenkanal wurde im zweiten Golfkrieg 1991 dank Bildern von lasergesteuerten Bomben und einer Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet weltbekannt.

Für Al Jazeera endet mit Exklusivberichten von Revolutionen in der arabischen Welt auch eine Zeit als Sender non grata. Die USA sagten Al Jazeera lange Verbindungen zum letzte Woche getöteten Terrorchef Osama Bin Laden nach, bombardierten Außenbüros des Senders, verschleppten Reporter. Nun, da die Gruppe salonfähig ist, expandiert sie rund um den Globus. Sie sichert sich im Eiltempo Kabel- und Satellitenfrequenzen, kauft Sender zu, gründet eigene. Es gilt, die Popularität zu nutzen.

Vor allem das englischsprachige Al-Jazeera-Programm mausert sich zum Konkurrenten der internationalen News-Riesen CNN und BBC. Weltweit übernehmen TV-Stationen Bildmaterial von Al Jazeera. Deutsche Medien zitierten den Sender zuletzt so häufig wie die „Welt“ oder den „Stern“. Hierzulande nehmen Kabelnetzbetreiber ihn deshalb gern auf. Das ist nicht überall im Westen so, etwa in den USA. Auch rumpelt es gerade intern heftig – trotz und gerade wegen der jüngsten Erfolge.

Den Grundstein für Al Jazeera legte die altehrwürdige BBC. Als die Briten 1996 ihren arabischsprachigen Ableger dichtmachten, standen Dutzende Top-Journalisten auf der Straße. Die Herrscherfamilie von Katar nahm 150 Millionen Dollar in die Hand, schnappte sich die BBC-Leute und gründete Al Jazeera, zu Deutsch „die Insel“ – Katar bildet eine Halbinsel. Der Sender gehört der Qatar Media Corp. Deren Eigentümer ist Scheich Hamad bin Thamer al-Thani, ein Cousin des Emirs.

Katz-und-Maus-Spiel Quelle: Laif

In den vergangenen zehn Jahren machte er den Sender zu einem ansehnlichen Konglomerat. Al Jazeera besitzt Sender für Dokumentationen, für Sport, sogar für Kinderprogramme. Trotzdem ist die Gruppe dem Vernehmen nach noch weit von Gewinnen entfernt – offizielle Zahlen gibt es nicht. Schätzungen zufolge müssen die al-Thanis jährlich 100 Millionen Dollar zuschießen. „Dafür hat Al Jazeera auch die neueste Technologie zur Verfügung“, sagt der britische Ex-Al-Jazeera-Reporter Mark Seddon.

Als Haupteinnahmequelle gelten Abos für den Bezahl-Sportsender Al Jazeera Riyadiya. Weitere Umsätze stammen aus Gebühren für die Übernahme von Bildern durch Fremdsender und den paar Werbespots, die Al Jazeera ausstrahlt. „Al Jazeera ist im klassischen Sinne kein Privatsender, er gehört dem Emir. Da ist der Druck gering, Geld zu verdienen“, sagt der in Berlin stationierte Al-Jazeera-Korrespondent Aktham Suliman.

Ohne zentrales Studio

2006 ließ die Herrscherfamilie Al Jazeera English einrichten und heuerte dafür bekannte TV-Gesichter von britischen und amerikanischen Stationen an. Talkshow-Gastgeber Riz Khan etwa, ein Brite aus einer indisch-muslimischen Familie, war zuvor ein namhafter Politikjournalist bei BBC und CNN. Die Abgeworbenen mussten nicht mal unter die Wüstensonne ziehen, die Doha im Sommer auf mehr als 50 Grad aufheizt: Al Jazeera English hat kein zentrales Studio. Der Sender berichtet je nach Tageszeit aus Doha, London, Washington und Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur.

Aber wohl nicht mehr lange: Inzwischen muss der Sender – wohl auch wegen der teuren Revolutionsberichterstattung – auf die Kostenbremse treten. Der Emir will kein Fass ohne Boden. Die Sendezentrale in Kuala Lumpur werde geschlossen, berichten Mitarbeiter. Die Studios in London und Washington stehen auf dem Prüfstand, die Gruppe will mehr Arbeit in Doha bündeln.

Kostensparende Zusammenarbeit zwischen dem englisch- und dem arabischsprachigen Sender gibt es kaum, man sitzt nicht mal im selben Gebäude. Hier und da leiht man sich mal eine Kamera, heißt es. Anderes ist auch kaum möglich: „Bei Al Jazeera English braucht man Muttersprachler“, sagt Ex-Mitarbeiter Seddon. Gebrochen Englisch sprechende Reporter könne sich der Sender nicht leisten, wolle er mit westlichen Kanälen konkurrieren. Auch deshalb sei die Arbeit bei Al Jazeera English nicht anders als im Westen. Der Newsroom könne so auch in Atlanta oder London stehen, sagt Seddon. Selbst bei der arabischen Schwester hat ein Großteil der Leute westliche Karrieren bei BBC, Radio France oder Deutscher Welle hinter sich.

In einem aber unterscheide sich Al Jazeera laut Korrespondent Suliman doch: „Die Hierarchie ist flacher“, sagt er. Entscheiden würden zwei Personen, beim arabischsprachigen Sender Chefredakteur Ahmed Sheikh und Intendant Wadah Khanfar.

Gefährliche Arbeit Quelle: Getty Images

Beim Aufbau des englischsprachigen Senders ließ sich Al Jazeera von einer Reihe renommierter westlicher Journalisten beraten. Auch „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe reiste nach Doha. Er gehörte 2003 zu den Irakkrieg-Befürwortern, gilt als USA-Bewunderer. Mit der Beratung durch Joffe zeigte die Gruppe, dass ihr Professionalität wichtig war. Selbst US-Außenministerin Hillary Clinton lobte jüngst den Sender. Er würde echte Nachrichten senden, US-Kanäle sollten sich ein Beispiel nehmen.

Die Stärke von Al Jazeera ist die Berichterstattung aus Regionen, die selbst hochkarätige westliche Kanäle wie die BBC vernachlässigen. So zeigt Al Jazeera schon mal ausführlich Bilder aus Sri Lanka, sieben Jahre nach dem Tsunami und zwei Jahre nach dem Bürgerkrieg. Ein kaum beachtetes Land wird auf einem Niveau analysiert, das selten ist. Dabei bilden Muslime in Sri Lanka einen kleineren Prozentteil der Bevölkerung als in manch Berliner Stadtteil.

Das bringt dem Emir weltweit Ansehen, tröstet Demokraten darüber hinweg, dass Katar selbst keine Demokratie ist.

Fackel der Revolution

Mit zwischen Marokko und Kuwait zuvor unbekannten, fast freiheitlichen Berichten hat Al Jazeera Arabiens Medienlandschaft revolutioniert. Und nachdem sich am 17. Dezember in Tunesien ein Mann aus Protest gegen das Regime im Lande selbst anzündete, mutierte der Sender zum Fackelträger, der das Feuer der Revolution durch die arabische Welt reicht. Er zeigte friedliche Demonstranten, informierte über Gewalt, verbreitete die Nachrichten in andere Länder, heizte dort die Stimmung an.

Kein anderer Sender war und ist in Ägypten, Tunesien und Libyen so nah dran. Während westliche Journalisten von Hoteldächern berichteten, ziehen Al Jazeeras Reporter durch die Straßen, teils gehetzt von Schlägertrupps der Diktatoren. Kameramann Ali Hassan al-Jaber etwa starb im März in Libyen, nachdem er auf der Rückfahrt von Bengasi in einen Hinterhalt geriet.

Tunesien hatte alle Reporter des Senders des Landes verwiesen. Ein dort geborener Al-Jazeera-Moderator aber arrangierte für seine Kollegen, dass sie undercover berichten konnten. Bildmaterial besorgte sich der Sender tagelang aus dem sozialen Netzwerk Facebook, wo Tunesier Handyvideos hochluden. „Al Jazeera hat so über die Revolution berichtet, wie es tunesische Sender nicht konnten“, sagt der tunesische Lehrer Adnen Rihane. Besonders in den letzten Aufstandstagen sei der Sender wichtige Informationsquelle für die Menschen gewesen.

Doch selbst Al Jazeera schafft es nicht überallhin: „Die fehlende Berichterstattung aus Syrien zeigt die Grenzen des Senders auf“, sagt Stefan Leder, Direktor des Orient-Instituts in Beirut. Auch das gut vernetzte Al Jazeera könne keine Bilder aus einem abgeschotteten, stalinistischen Land wie Syrien liefern.

In den Regierungszentralen blieb die Rolle des Senders nicht unbemerkt. Libyen störte im Februar die Signale in halb Nordafrika. Al Jazeera musste mehrfach die Satellitenfrequenz wechseln. Ägyptens Regierung hatte zuvor den Kanal für eine Woche vom Nilesat-Satelliten verbannt. Gleichzeitig ließ der damalige Präsident Hosni Mubarak Al Jazeeras Signal vom europäischen Hotbird- und vom saudischen Arabsat-Satelliten stören. Aus Solidarität stoppten zehn Sender der Region ihr Programm und strahlten simultan Al Jazeera aus.

Wie bei CNN, aber in Doha. Quelle: REUTERS

Dieser Erfolg des Senders vor allem in Arabien ruft Wettbewerber auf den Plan. Schließlich geht es um einen TV-Markt, der 290 Millionen potenzielle Zuschauer zählt. Rupert Murdochs Sky News basteln an einer Kooperation mit dem Emirat Abu Dhabi, um eine eigene arabischsprachige Station zu starten. Und auch die BBC richtete wieder einen arabischen Kanal ein.

Erzrivale aber ist der 2003 gegründete Sender Al Arabiya aus Dubai, hinter dem vermögende Saudis stehen. Der Sender ist anders als Al Jazeera klar pro amerikanisch und pro saudisch. So gab US-Präsident Barack Obama sein erstes Interview im Amt Al Arabiya. Inzwischen hat der Sender eine englischsprachige Web-Site, ein englisches TV-Programm dürfte bald folgen.

Doch auch Al Jazeera wächst. Die Beteiligung Al Jazeera Children’s Channel, ein arabischsprachiger Kindersender, bekommt Ende 2012 einen englischsprachigen Ableger. Der soll global senden. Auch der arabischsprachige Kinderkanal soll internationaler werden: „Die Nachfrage in Asien ist enorm“, sagt dessen Chef Mahmoud Bouneb.

Gleichzeitig kaufen die Katarer ein. Am 10. Februar stimmte die türkische Regierung zu, den TV-Sender Cine 5 an Al Jazeera zu übertragen. Der Staat hatte den Unterhaltungskanal übernommen, weil dessen Eigentümer pleite war. Im Dezember 2010 erhielt Al Jazeera zudem eine Lizenz für Indien, den größten englischsprachigen TV-Markt der Welt, den der Sender nun schrittweise erschließen wird.

US-Markt weigert sich

In einem wichtigen Markt aber tut sich Al Jazeera schwer. Trotz lobender Worte Clintons verweigern die großen US-Kabelgesellschaften Time Warner und Comcast Al Jazeera den Zugang zu ihren Netzen. So ist der Sender nur in einigen lokalen Kabelnetzen zu empfangen – von gerade 1,7 Prozent der US-Haushalte. Vor allem das konservative Lager beschuldigt den Sender, Handlanger des Terrornetzes al-Qaida zu sein, ein Image, das ihm seit der Ära von George W. Bush anhängt. Der Sender hatte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 Botschaften Bin Ladens ausgestrahlt.

US-Kampfjets hatten unter Bush Büros des Senders in Kabul und Bagdad bombardiert – offiziell ein Versehen. Zudem verhafteten sie Al-Jazeera-Kameramann Sami al-Hajj, sperrten ihn jahrelang in Guantanamo ein. „Man wollte wissen, wer den Sender führt und welche Verbindung er zu al-Qaida hat“, sagte er jetzt im Fernsehen.

Seit einigen Monaten fährt der Sender eine PR-Offensive, um sein Terror-Image loszuwerden. Al Jazeera startete eine Internet-Seite, die mehr als 40 000 Amerikaner dazu bewegte, von ihrem Kabelanbieter Al Jazeera zu fordern. In den Zeitungen „New York Times“ und „Washington Post“ schaltete er ganzseitige Anzeigen. Wo er dennoch nicht ins Kabel kommt, strahlt der Sender im Web aus. Während der Unruhen in Ägypten stieg die Zuschauerzahl dort um 2500 Prozent auf vier Millionen, davon waren 1,6 Millionen Amerikaner.

Seine Alleinstellung lässt den Sender aber in den Agenda-Journalismus abgleiten, bei dem er politische Ziele über objektive Berichte stellt. Er spitzt Thesen zu, „ohne plumpen Agitprop“, sagt „Zeit“-Herausgeber Joffe: Man hole Experten, die das in die Kamera sagten, was Al Jazeera hören wolle. Es würden kompromissbereite Palästinenser diskreditiert. Mit der Veröffentlichung von Protokollen diskreter Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern habe der Sender die Friedensbemühungen weiter geschwächt.

Kritik gibt es auch am fehlenden Beißreflex, geht es um Affären Katars. Al Jazeera sei ein „Instrument, um Beziehungen mit anderen Ländern zu kitten“, heißt es in einem von der Internet-Plattform Wikileaks veröffentlichten Kommuniqué des US-Botschafters in Katar, Joseph LeBaron. So berichtete die Gruppe kaum über Proteste im befreundeten Bahrain. Medienexperten zufolge ist das weniger ein direkter Eingriff des Emirs als vorauseilende Selbstzensur.

Aus den Gründen warf vor wenigen Tagen Al Jazeeras Bürochef in Beirut Ghassan Ben Jeddo hin: Al Jazeera habe seine Objektivität und Professionalität aufgegeben und sich dem Skandaljournalismus zugewendet. Dies mache den Sender zu einer Operationszentrale zur Anstiftung und Mobilisierung. Laut Orient-Instituts-Direktor Leder ist das „ein gutes Ereignis“, das Al Jazeera zu mehr Objektivität bewegen könnte.

Ex-Al-Jazeera-Mann Seddon verteidigt seinen früheren Arbeitgeber: „Es gibt weltweit kein Medium, das keine Agenda hat.“

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