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Twitter 140 Zeichen Urlaub

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Firlus Fuesse

Am Anfang starte ich verhalten mit Information, die im Büro täglich so auflaufen und oftmals durch ihre Kuriosität gefallen, wie Kurse zum Käse machen bei Vollmond. Aber Twittern kann auch heißen, Freunden mitzuteilen, was man gerade tut. Auch wenn es nur frühstücken ist. Aber was genau soll die Welt wissen dürfen? Dass ich Cappuccino trinke statt Kaffee, dass ich dazu nur eine Scheibe Brot frühstücke? Dass das Tippen auf dem Smartphone am sonntäglichen Frühstückstisch für einen milden Rüffel reicht, kann sich jeder Familienvater vorstellen, ohne es auf seinem Twitterkonto lesen zu müssen.

Rasch stehe ich bei jedem Mosaikstein an Information vor der Frage, welches digitale Gesamtbild sich ergibt, das künftig über Suchmaschinen für die digitale Ewigkeit aufzuspüren ist. Was soll mein Chef (der wie andere Kollegen bei Twitter schreibt) von mir erfahren, was besser nicht? Fragen, die Menschen bei den sozialen Netzwerken wie Xing, StudiVZ oder Facebook ebenfalls stellen. Aber vor allem bei Twitter fügen sich die vielen kleinen, vielleicht unbedachten Bemerkungen zu einem Profil.

Kleines Twitter-Foto-Album aus dem Urlaub

Im Urlaub entscheide ich mich dafür, ein kleines öffentliches Twitter-Foto-Album zu erstellen, mit etwas abwegigeren Momentaufnahmen. Mein Blick für skurrile Details wird schärfer. Jetzt überprüfe ich Funde wie Werbeschilder von Kneipen mit seltsamen Namen wie „Kompetent & Freundlich“ oder köstlich aussehende Torten und Petit Fours aus Seife oder Sammelbehälter für Anprobesocken im Schuhgeschäft auf ihre Eignung für einen kurzen „Tweet“ wie die Nachrichten heißen. Die Welt ist plötzlich voll mit kleinen Details, die sonst in den Erzählungen nach der Rückreise verloren gehen.

Die schönsten Ausblicke und Kulissen halte ich mit der eingebauten Kamera meines Smartphone fest und lade sie auf der Seite www.twitgoo.com hoch. Gartenzwerge in Schankwirtschaften, Rühreier in zylindrischer Form, Biergläser mit Markennamen wie Strandburg – die Welt oder zumindest der kleine Teil, der mitliest, kann teilhaben an meinem Aktivitäten. Gelöscht wird nichts, dafür vorher einen Moment länger überlegt, ob die Welt wissen darf, wie Matsch vom Strand in St. Peter Ording zwischen meinen Zehen aussieht. Darf sie.

Wer unterwegs viel für Twitter festhält, stellt bald fest, dass reichlich Zeit dabei verstreicht. Am Bahnsteig, im Zug oder Bus lassen sich mithilfe der Smartphones die scheinbar nutzlosen Lücken im Leben noch gut füllen mit E-Mails oder dem Lesen der mobilen Versionen von Zeitschriften und Zeitungen. Die digitalen Helferlein sind das Ende der kurzen Pause, des müßigen Wartens oder Verharrens.

Oft schießt mir jedoch der Gedanke durch den Kopf, dass das Betrachten vor lauter Mitteilen zu kurz kommt. Und das kontinuierliche Tippen erträgt meine Frau im Urlaub geduldig. Als ich im Schuhgeschäft am Neuen Wall in Hamburg die Wartezeit überbrücke, fragt sie sofort: „Twitterst du das jetzt?“

Aber vielleicht lässt sie sich milde stimmen, wenn ich über Twitter einen Tipp für ein gutes Café von den besten Tippgebern der Welt, den eigenen Bekannten, bekomme? Meine in 140 Zeichen gepressten Hilfeersuchen verhallen ungehört. Die Hamburgkenner sind scheinbar nicht online, gelangweilt oder haben die Bitte im Strom von Twitter-Nachrichten einfach übersehen.

Aber dennoch, je mehr Menschen ihre Eindrücke mitteilen, desto umfassender wird der virtuelle Reiseführer von Freunden für Freunde sein. Zu jedem Thema, so hoffen die Macher, kann bei Twitter umfassend nachgelesen werden, Infos gesucht und gefunden werden, die in den normalen Kanälen nicht das Licht der Öffentlichkeit finden würden.

Ich zumindest kann mir nach sechs Tagen Urlaub in Hamburg und St. Peter Ording – lange Erzählungen im Büro über meinen Aufenthalt sparen. Wissen die Kollegen ja alles schon – aus Twitter.

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