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Ulrich Lehner Harter Gegenspieler für Telekom-Vorstand

Bei Henkel verabschiedet sich Ulrich Lehner mit groß angelegtem Stellenabbau vom Chefposten. Er rückt als Oberaufseher der Deutschen Telekom auf eine der exponiertesten Positionen der deutschen Wirtschaft.

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ARCHIV - Der Quelle: dpa

Ulrich Lehner, wer sonst. Der Chef des Düsseldorfer Persil-Konzerns folgt dem über die Liechtensteiner Steueraffäre gestolperten Klaus Zumwinkel als Telekom-Aufsichtsratschef. Überraschend ist das nur auf den ersten Blick. Lehner gehört zum überschaubaren Zirkel altgedienter Manager und Aufsichtsräte wie Gerhard Cromme (ThyssenKrupp, Siemens), Jürgen Hambrecht (BASF) oder Jürgen Weber (Lufthansa), die als Wirtschaftsführer auch auf dem politischen Parkett tanzen können. Und Lehner fügt sich in die Tradition ein. In schöner Regelmäßigkeit stellt Henkel den Oberaufseher des Bonner Telekommunikationsriesen. Sowohl Helmut Sihler, nach der Demission Ron Sommers sogar für einige Monate Interimschef der Telekom, als auch Hans-Dietrich Winkhaus standen in den Achtziger- und Neunzigerjahren an der Henkel-Spitze. Henkel-Chefs gelten als verbrauchernah, markenorientiert und vertraut im Umgang mit Großaktionären, schließlich hält der Henkel-Clan rund 30 Prozent am Unternehmen.

Allerdings ist Lehners Image nicht mehr ganz so porentief rein, wie es noch vor wenigen Tagen schien. Zuerst flog auf, dass sich Henkel mit Wettbewerbern wie Unilever und Colgate-Palmolive bei den Preisen abgesprochen hat, um Kunden zu schröpfen. Eine waschechte Affäre; gut 20 Millionen Euro Bußgeld verhängte das Kartellamt. Und nun will der scheidende Henkel-Chef 3000 Stellen streichen, obwohl die Gewinne sprudeln wie nie. Lehner, der seit über 20 Jahren „beim Henkel“ arbeitet, wie man dort sagt, zählt zu den Strippenziehern der deutschen Wirtschaft. Große Gesten oder Reden sind ihm fremd. Unterschätzen sollte den 61-Jährigen aber keiner. Ein Softie ist er nicht – wie der Stellenabbau belegt. Für Telekom-Chef René Obermann ein womöglich harter Gegenspieler.

Seine Vorlieben

Es gibt kaum ein Gespräch, in dem Lehner nicht von einem neuen Hobby berichtet: Mal will der Mann mit der roten Hornbrille besser Chinesisch lernen, ein Segelboot kaufen und sich wieder mehr dem Kontrabass spielen widmen. Mal schwärmt er von der Klarinette, steigt vom Segel- ins Paddelboot und erzählt von Wanderungen in Nepal, Ski fahren, Golfen, Tennis, Musik, Kunst, Geige und Literatur. Einzig das Joggen scheint eine Konstante in Lehners Privatleben zu sein. Schon als Gymnasiast profilierte er sich als Läufer und gewann in den Sechzigerjahren mit der Schülerstaffel dreimal die Düsseldorfer Stadtmeisterschaften. Zehn Marathonläufe hat Lehner seitdem absolviert, seine Bestzeit steht bei drei Stunden und 24 Minuten. „Ein Marathon über 4.30“, sagt er, „ist kein Sport.“. Die Orientierung auf das ferne Ziel, ohne die Strecke selbst aus den Augen zu verlieren, dass sei es, was er daraus für seine Arbeit mitgenommen habe. Und wie überwindet er dabei immer wieder seinen inneren Schweinhund? „Ich rede mit ihm“, sagt Lehner. Bei so vielen Hobbys mag es als Beleg für Schaffenskraft gelten, dass Lehner am Tag der Arbeit geboren ist – dem 1. Mai 1946.

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    Seine Vorbilder

    Die Frage, ob er jemandem nacheifere, beantwortet Lehner in seiner typischen Art: mit einem knappen und energischen Nein, fügt dann aber hinzu: „Es gibt ein Idealbild, dem ich versuche möglichst nah zu kommen.“ Und das hat er aus den Charaktereigenschaften unzähliger bekannter und unbekannter Persönlichkeiten komponiert. Zu denjenigen, die Lehner bewundert und aus deren Wirken er sein individuelles Bild vom idealen Menschen ableitet, zählen die Schriftsteller James Joyce („Ulysses“) oder Robert Musil („Der Mann ohne Eigenschaften“). Zu den Kollegen aus der Wirtschaft, von denen Lehner viel hält, gehören Ex-Nestlé-Chef Helmut Maucher und Konrad Henkel (Foto). Der Enkel des Firmengründers Fritz Henkel führte das Düsseldorfer Familienunternehmen zwischen 1961 und 1980 und legte den Grundstein für den heute in 125 Ländern tätigen Konzern. Ein Foto Henkels ließ Lehner extra in seinem Büro aufhängen.

    ARCHIV - Der Quelle: dpa

    Seine Ziele

    Mit Alpinisten-Guru Reinhold Messner eine Schule in Nepal bauen und mit dem Bötchen eine Rheintour machen – von Basel nach Düsseldorf. Das sind Ziele, die sich Lehner für die nahe Zukunft gesteckt hat. Viel Zeit wird ihm dafür nicht bleiben. Sein neues Amt als Telekom-Oberaufseher könnte zeitraubend und hochexplosiv werden: Das Durcheinander bei den diversen T-Marken hat sich zwar gelichtet, auch gewinnt der Konzern zunehmend Neukunden für die schnellen DSL-Anschlüsse. Doch dafür laufen ihm die Festnetzkunden weg – über zwei Millionen im vergangenen Jahr. Nach einem harten Arbeitskampf hat Telekom-Chef René Obermann 50 000 Mitarbeiter in Servicegesellschaften ausgegliedert. Doch bei den Personalkosten liegt der Konzern noch immer weit über dem Branchenschnitt. Ein weiterer Stellenabbau droht. Zudem dümpelt die T-Aktie um den Wert vom November 2006, als Obermann den Chefposten antrat. Lehners Erfahrungen bei Henkel sind in dieser Situation willkommen. Er hat einen großen Bereich, die Chemie-sparte, verkauft, dafür das Kerngeschäft mit Waschmitteln, Kosmetik und Klebstoffen gestärkt. Bei Gewerkschaftern genießt er hohes Ansehen, weil er Henkel einvernehmlich mit den Arbeitnehmervertretern umbaute, obwohl dabei Tausende Jobs verloren gingen.

    Seine Freunde

    Berthold Beitz, der mächtige Chef der Krupp-Stiftung, zählt ebenso zu Lehners Freunden wie Bayer-Chef Werner Wenning. Beitz hatte Lehner 1983 bei Krupp als Leiter des Controllings eingestellt. Zum ersten Mal sei er in unternehmerische Entscheidungen involviert gewesen, erinnert sich Lehner, die politisch waren – etwa bei der Restrukturierung der Werften in Bremen. Gemeinsame Erlebnisse verbindet Lehner auch mit Wenning. „Er ist für mich ein Freund – und mit dieser Bezeichnung gehe ich vorsichtig um“, sagt Wenning. Gut kann Lehner es auch mit Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), von dem der Vorschlag zur Berufung Lehners in den Telekom-Aufsichtsrat ausgegangen sein soll. Und dann gibt es die Bergsteiger-Riege der „Similauner“, benannt nach dem Dreitausender in den Ötztaler Alpen. Zu dem elitären Bergvagabundenkreis unter Führung des Bergsteigers Reinhold Messner gehören Bosse wie Verleger Hubert Burda, Ex-Lufhansa-Chef Jürgen Weber, Linde-Chef Wolfgang Reitzle oder Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel, der wegen angeblicher Steuerhinterziehung aufgeflogen war.

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      Seine Stärken & Schwächen

      Er ist dann doch schwach geworden: Eigentlich wollte sich Lehner nach seinem Ausscheiden als Henkel-Chef mehr um seine vielen Hobbys und seine Familie kümmern. Doch daraus wird wohl nichts. Auch ohne den Telekom-Posten hat Lehner Mandate und Ämter im Überfluss. Die Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt, der Pharmakonzern Novartis, E.On, Porsche, ThyssenKrupp, Oetker und die Brauerei Krombacher – sie alle lassen sich von Lehner kontrollieren. Dazu kommen Posten beim Verband der Chemischen Industrie, beim Bundesverband der Deutschen Industrie und bei der Industrie- und Handelskammer. Sie verdankt Lehner wichtigen Eigenschaften: Er gilt als integer und als Mann ohne Allüren, als bodenständig und optimistisch. Unaufgeregt und wohltuend leise führte er das Familienunternehmen Henkel. In einer Untersuchung über die Chefs von Dax-Konzernen, die am stärksten zur Selbstdarstellung neigen, landete Lehner auf den hintersten Plätzen.

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