
Es wird wohl seine letzte Dienstreise nach Berlin in Sachen Deutsche Bahn. Niels Lund Chrestensen, 69, Geschäftsführer des gleichnamigen Unternehmens für Samenzucht und Produktion in Erfurt, muss diese Woche zum Rapport in die Invalidenstraße 44, dem Sitz des Bundes- verkehrsministeriums. Der neue Amtsinhaber Peter Ramsauer (CSU) wird ihm auf den Zahn fühlen. Im Mittelpunkt wird wohl die Frage stehen, was einen wie den Thüringer für den Aufsichtsratsposten bei der Bahn befähige, den er seit 1995 innehat?
Die Antwort dürfte wenig schmeichelhaft ausfallen. Chrestensen, dienstältester Aufseher der Bahn, hat den prestigeträchtigen Job noch Exbundeskanzler Helmut Kohl zu verdanken. In politischen Kreisen gilt der Pflanzensamenzüchter im 20-köpfigen Kontrollgremium als Hinterbänkler, von dem selbst Aufsichtsratskollegen nicht wissen, was „der eigentlich so macht“. Chrestensen sehe für sein Alter immerhin „noch ganz fit aus“.
Ramsauer zieht die Zügel an
Chrestensen wird den Minister-Check kaum unbeschadet überstehen. Der Fastsiebziger steht symbolisch für die Arbeit eines Teils jener Aufsichtsräte, die die Bundesregierung in das oberste Kontrollorgan der Deutschen Bahn entsandte. Das Zögern in der Datenaffäre, die am Ende Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn den Job kostete, irrsinnige Kostenüberschreitungen bei Neubauprojekten, allzu große Nähe zum Vorstandschef bei der abgeblasenen Teilprivatisierung 2008 — für den fachlich zuständigen Ramsauer offenbar Zeit, die Zügel bei der Bahn via Aufsichtsrat stärker anzuziehen.
Nachdem Oberkontrolleur Werner Müller angedeutet bekam, er sei nicht mehr länger erwünscht, und daraufhin den Rückzug antrat, droht auch anderen Kontrolleuren das Vertragsende. „Ramses“, wie Wegbegleiter den Verkehrsminister nennen, beruft sein neues Regiment. Er knöpft sich diese Woche jedes einzelne Mitglied vor, das der Bund in den Aufsichtsrat schickte. Am Ende jedes Einzelgesprächs wird Ramsauer den Daumen heben oder senken. Bahn-Chef Rüdiger Grube erwartet Gegenwind.
Bewerbungsprozess um Aufsichtsratsposten läuft an
Die Personalrochade hat ihren Ursprung in der desolaten Leistung der Bahn seit vielen Monaten. Ramsauer kritisierte Verspätungen und Zugausfälle, wetterte gegen Hersteller und prangerte den Fokus auf den Börsengang an: "Die Bahn hat auch einen gemeinwirtschaftlichen Auftrag", sagte er in einem Interview. "Privatisierung um jeden Preis erweist sich in der Praxis häufig als Irrweg." Sie habe "ihre Grenzen".
Zumindest einen Teil der Schuld an der Misere schiebt Ramsauer der fehlenden Kontrolle durch den Aufsichtsrat zu. Der Abgang von Werner Müller eröffnet nun einen Bewerbungsprozess um den wichtigsten Kontrollposten im letzten großen deutschen Staatsunternehmen. Als aussichtsreichster Kandidat wurde zunächst Klaus-Peter Müller, Ex-Chef und heutiger Aufsichtsratschef der Commerzbank, kolportiert. Müller gilt als Allrounder, der als Präsident des Deutschen Verkehrsforums, in dem alle wichtigen Transport- und Logistikunternehmen versammelt sind, ausgezeichnet vernetzt ist. Auch zu Merkel hat Müller einen guten Draht. Grundsätzlich sei er dem Job nicht abgeneigt, heißt es in seinem Umfeld.
Gleichwohl birgt der Exbanker für die Regierenden Risiken. Müller hat es letztlich zu verantworten, dass die Commerzbank die Finanzkrise nur mithilfe einer Staatsbeteiligung überlebte. Gleichzeitig dürfte es auf massiven Widerstand der Opposition stoßen, einen Banker als Oberkontrolleur der Bahn zu installieren. Und schließlich könnte ihm die Unterstützung des kleinen Koalitionspartners fehlen.