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Umweltschutz Die grüne Flotte

Ihre Schornsteine rußen, sie verbrauchen Unmengen Energie und produzieren zuviel Abwasser: Kreuzfahrtschiffe gelten als Drecksschleudern. Für die neuen Modelle gilt das allerdings nicht mehr.

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AIDA Flotte Quelle: AIDA

Insgesamt gesehen tragen Kreuzfahrtschiffe zwar nur minimal zur Luftverschmutzung und zur Belastung der Atmosphäre mit CO2 bei. Trotzdem sind die Musikdampfer in den vergangenen Jahren ins Gerede gekommen. Aber in der Branche tut sich was, vor allem die neuen Schiffe sind Vorreiter in Technologie und Umweltschutz. Ganz vorn dabei: der deutsche Marktführer Aida Cruises.

Wenn die Queen kommt staunen die Hamburger

Hamburg gilt als einer der schönsten Kreuzfahrthäfen weltweit, das Terminal liegt mitten im neuen Stadtteil Hafencity, das Zentrum der Stadt mit Rathausmarkt, Jungfernstieg und Alster ist ebenso bequem zu Fuß zu erreichen, wie der Michel, das Wahrzeichen der Stadt, die Landungsbrücken oder die Reeperbahn mit ihren Theatern, Musik-Clubs und Strip-Lokalen.

Allein im Juli und August dieses Jahres kommen 15 Schiffe dort an, darunter auch die Queen Mary 2, die jedes Mal Tausende von Besuchern anlockt. Die Einwohner des neuen Stadtteils bekommen das alles frei Haus – beim Blick vom Balkon oder aus dem Fenster ihrer Wohnungen.

Motorenöl für den Sondermüll

Doch sie haben noch etwas frei Haus: Abgase aus den Schornsteinen der dicken Pötte. Rund um das Kreuzfahrtterminal ist die Schadstoffbelastung durch Stickoxide, Schwefeldioxid und Feinstaub aus den Dieselmotoren der Musikdampfer so hoch, dass eine Wohnbebauung eigentlich nicht zulässig wäre, berichtete der Spiegel schon vor vier Jahren.

Die meisten Kreuzfahrtschiffe sind wahre Dreckschleudern: Wie in der übrigen Schifffahrt auch, wird in den Dieselmotoren, die das Schiff antreiben, die aber auch die Stromversorgung während der Liegezeiten im Hafen sichern, ein Motorenöl verwendet, das wegen seiner vielen Rückstände eigentlich als Sondermüll entsorgt werden müsste.

Rußwolken ahoi

Wer sich beim Ablegen eines Kreuzfahrtschiffes einmal den Luxus erlaubt, auf den Schornstein zu schauen statt auf die winkenden Menschen am Ufer oder die imposante Stadtkulisse, weiß, wovon die Rede ist: Sobald die Maschinen anlaufen, werden dicke, schwarze Rauchwolken ausgestoßen. Obwohl das nicht sein müsste: Zumindest die modernen Schiffe könnten auch mit sauberem und weitgehend schadstofffreiem Marinediesel gefahren werden – bei allerdings höheren Kosten. Bei Aida Cruises wird angeblich darüber diskutiert, auf den umweltfreundlichen Treibstoff umzustellen.

„Unser Geschäftsmodell basiert auf einer intakten Natur“, sagt Reederei-Chef Michael Thamm. Gebremst wird Thamm allerdings durch seine Branchenkollegen – allein die in EU-Häfen und entlang der US-Ostküste vorgeschriebene Reduzierung des Schwefelgehalts verteuert die Treibstoffrechnung um rund 65 Prozent. Da trotz der vielen Jahr für Jahr in den Markt drängenden Neubauten noch immer viele ältere Schiffe mit ohnehin höherem Verbrauch im Markt sind, könnten einige Betreiber nicht mithalten, wenn die Vorschriften weiter verschärft würden.

Volle Fahrt bei 21 Knoten

Aida Cruises mit seiner vergleichsweise neuen Flotte hat damit weniger Probleme – die Rostocker, die zum Carnival-Konzern, der weltweit größten Kreuzfahrtgruppe, gehören, sind in Sachen Umweltschutz ganz vorn dabei. Die Hauptmaschinen der neuen AIDAsol etwa zeichnen sich durch eine besonders treibstoffsparende Technologie aus: Ein Power-Management-System stellt bei jeder Geschwindigkeit exakt nur die Leistung bereit, die gerade benötigt wird.

Das reduziert den Treibstoffverbrauch pro Jahr und Passagier auf umgerechnet 0,8 Tonnen – halb so viel wie im Branchendurchschnitt. Schadstoffbelastung, Wartungsaufwand und Geräuschentwicklung sind dadurch ebenfalls geringer. Eine Reduktion der Geschwindigkeit – das Höchsttempo von 21 Knoten wird nur selten ausgefahren – und ein Unterwasseranstrich aus Silikon, der Reibungsverluste vermindert, senkt Treibstoffverbrauch und Schadstoffausstoß ebenfalls.

In der Kabine bleibt das Licht aus

Alle Kabinen sind mit einem Umluftsystem inklusive Abwärmenutzung ausgestattet, so dass sie voneinander getrennt temperaturabhängig geregelt werden - diese Technik vermindert den Energieverbrauch in den Kabinen um bis zu 50 Prozent. Damit Licht und Klimaanlage nicht unnötig in Betrieb sind, gibt es innen sogenannte Hotel Card Schalter: Beleuchtung und Klimaanlage sind nur in Betrieb, wenn die Schlüsselkarte in der dafür vorgesehenen Halterung steckt. Verlässt der Gast die Kabine, schaltet das System Beleuchtung und Klimaanlage ab.

AIDASol Quelle: AIDA

Gespart wird auch bei der Beleuchtung. Bis zu 40 Prozent der nicht für den Antrieb benötigten Energie werden bei heutigen Kreuzfahrtschiffen für die Illumination des Schiffes aufgewendet. Durch den Einsatz innovativer Beleuchtungslösungen und ein umfassendes Licht-Management-System lassen sich circa 30 Prozent der für die Beleuchtung benötigten Anschlussleistung einsparen. Ebenso lässt sich das Gesamtgewicht durch die wesentlich leichteren Beleuchtungssysteme um bis zu acht Tonnen reduzieren.

Jeder Tropfen Wasser wird recycelt

Wasser ist eines der wichtigsten Ressourcen überhaupt. Durch die Umstellung auf Wasser sparende Anwendungen wie spezielle Duschköpfe, Durchflussbegrenzer bei Waschbecken, Zeitschaltungen und eine Infrarotsteuerung in den Bädern konnte der Pro-Kopf-Frischwasserverbrauch kontinuierlich reduziert werden.

Das Kondensat-Wasser aus der Klimaanlage wird in der Wäscherei zum Waschen verwendet. Ein sogenanntes Vacuum-Food-Waste-System für Lebensmittelabfälle, verbraucht erheblich weniger Wasser als herkömmliche Systeme: Normalerweise werden Lebensmittelabfälle durch Rohrleitungen geschwemmt – das dafür notwendige Wasser lässt sich mithilfe des Vakuum-Systems sparen.

Klär- und Entölungsanlagen

Biologische Kläranlagen an Bord der neuen Schiffsgeneration garantieren, dass das entsorgte Wasser Trinkwasserqualität erreicht. Toilettenabwässer werden gereinigt, gleichzeitig wird der Phosphatgehalt reduziert. Die Abwasserbehandlungsanlagen bestehen aus einem Bioreaktor mit einer Membranfilteranlage. Die Schiffe der Aida-Flotte verfügen darüber hinaus über Entölungsanlagen. Diese vermeiden ölhaltiges Abwasser, sogenanntes Bilgenwasser, das üblicherweise beim Schiffsbetrieb anfällt.

Abfälle, die früher mit Vorliebe in der Abenddämmerung über das Heck entsorgt wurden, werden heute gesammelt, vorsortiert, verdichtet und an Land abgegeben. Papier und Plastik werden verbrannt, die Asche an Land entsorgt. Metall und Glas werden zerkleinert und gepresst, Lebensmittelabfälle in der sogenannten Water Treatment and Food Waste-Anlage gepresst und entwässert.

Was übrig bleibt, ist in Konsistenz und Zusammensetzung wie feine Blumenerde.

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