WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Umweltskandal Endstation sibirischer Abstellplatz für französischen Atommüll

Die Pariser Zeitung "Liberation" entdeckte im sibirischen Sewersk ein riesiges Lager mit Atommülll aus französischen Kernkraftwerken. Das nährt den Zweifel am sicheren Verbleib des nuklearen Abfalls - und ist Wasser auf den Mühlen der Atomkraftgegner.

Firmenlogo von Areva: Zynische Quelle: dpa

Am Dienstag Abend um 21 Uhr brachte der deutsch-französische TV-Sender Arte einen aufsehenerregenden Bericht zum Thema Atommüll aus französischen Kernkraftwerken. Er lagert nicht in La Hague, wo der Atomkonzern Areva eine Wiederaufbereitungsanlage unterhält, sondern 8000 Kilometer weiter östlich in der sibirischen Stadt Sewersk. Die liegt so gar nicht idyllisch am Ufer des Tom, 13 Kilometer von Tomsk entfernt.

Was die Reporter von Liberation da unter freiem Himmel auf einer Art Parkplatz entdeckten, verschlug ihnen die Sprache: Etwa 13 Prozent der Abfälle aus französischen Atomkraftwerken lag dort, zwar verschlossen und verblombt, aber ungeschützt vor Wind und Wetter, ganz dem sibirischen Himmel ausgesetzt - und im Winter knackiger Kälte, die es bis zu 60 Grad Minus bringen kann. Bei solchen Minustemperaturen bersten andernorts schon mal Heizkessel. Die Atommüllbehälter hielten bisher dicht. Soweit das Beruhigende.

Beunruhigende Zwischenfälle

Beunruhigend dagegen, dass es in dieser Stadt, die auf keiner offiziellen russischen Karte zu finden ist, einen recht gefährlichen Zwischenfall gegeben haben soll. Am 6. April 1993 soll dort ein hochradioaktiver Tank explodiert sein, so berichtet es jedenfalls das Online-Lexikon Wikipedia. Die Stadt ist geheim, man kann sie nur mit Passierschein betreten. Sie wurde 1949 eigens in der sibirischen Öde für den Bau eines Chemischen Kombinats gegründet. Das Kombinat arbeitet bis heute und stellt Plutonium für Atomkraftwerke und Atombomben her.

Man kann also berechtigte Zweifel haben am sicheren Verbleib des Atomabfalls aus Frankreich. Die FAZ schreibt dazu heute ergänzend, dass jährlich 108 Tonnen abgereichertes Uran aus französischen Atomkraftwerken über den Hafen Le Hague nach St. Petersburg verschifft wurden. Von dort aus ging es per Zug weiter nach Sewersk. Mittlerweile lagern 13 Prozent der Abfälle aus Frankreich unter dem Himmel von Sewersk.

Unheimlich dabei ist eine Reihe von Unbedenklichkeiten und zynischen Sprüchen, denen selbst Menschen, die sich dazu durchgerungen haben, Befürwortern der Kernenergie zu sein, das Blut in den Adern gefrieren lässt. So weisen die französischen Manager von EdF alle Veranwortung für die Art der Lagerung in Sibirien weit von sich mit dem Argument:

Der Atommüll gehöre gar nicht mehr EdF, da er an das sibirische Aufbereitungsunternehmen Tenex verkauft, damit dessen Eigentum sei.Die Russen hätten weitreichende Erfahrung mit Endlagerung.

Der französische Umweltminister Louis Borloo, das bedenkenlose Gegenmodell zum bisher amtierenden deutschen Umweltminister Sigmar Gabriel, setzte noch eins drauf. Konfrontiert mit der monatelangen, auch gefährlichen Recherche der französischen Liberation-Reporter, die auch vom KGB beäugt wurden, sagte er nur kurz: Der jahrelange Transport von Atommüll nach Sibirien sei keineswegs geheim, man hat sich nur entschlossen, diese Transporte "nicht zu kommunizieren".

Wasser auf Mühlen der Atomgegner

Frankreich betreibt 58 Atomkraftwerke und plant neben der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague zwei weitere Wiederaufbereitungsanlagen in Frankreich. Die französische Öffentlichkeit blieb bisher immer gleichmütig bei Nachrichten über Sicherheitsmängel. 80 Prozent des französischen Stroms kommt in Frankreich aus französischen Kernkraftwerken. Ob die Seelenruhe nach dem Arte-Bericht noch anhält, bleibt abzuwarten. In Deutschland sind solche news allerdings Wasser auf die Mühlen der Atomkraftgegner auch im bürgerlichen Lager der CDU.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%