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Unilever-Chef Paul Polman vor Abgang Der Bewahrer-Typ hat ausgedient

Dem Konzernumbau von Unilever fällt offenbar auch der Chef zum Opfer. Ein internationaler Headhunter soll jetzt einen geeigneten Nachfolger suchen. Der Job dürfte unter Restrukturierungsexperten begehrt sein.

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Investoren erwarten eine höhere Rendite. Quelle: Bloomberg

London Kurzfristiges Gewinnstreben ist ihm ein Gräuel, macht Paul Polman in jedem Gespräch schnell klar. „Wir müssen diese Welt wieder in ihr Gleichgewicht bringen und das große Ganze vor unsere eigenen Interessen stellen“, wird er nicht müde zu betonen. Nicht fallende Umsätze oder Aktienkurse bereiten dem 61-Jährigen die größten Sorgen, sondern Armut, Umweltverschmutzung und der Klimawandel. Eine ungewöhnliche Einstellung für jemand, der an der Spitze eines Milliardenkonzerns wie Unilever steht.

Für Polman ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil: Nur Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, würden langfristig Erfolg haben, verteidigt er sich gegen die Einwände, die ihm immer wieder entgegenschlagen, vor allem von Investoren.

Seit neun Jahren steht Polman an der Spitze des niederländisch-britischen Verbrauchsgüterproduzenten. 70 Prozent der Anleger seien ebenfalls langfristig orientiert, sagt Polman. Doch nun hat die Kritik der anderen Investoren offenbar Wirkung gezeigt: Die Zeit des gebürtigen Niederländers an der Spitze des Konsumgüterriesen neigt sich dem Ende zu. Die Personalberatung Egon Zehnder International sei mit der Suche nach einem Nachfolger für Polman beauftragt worden, berichtet der britische Sender Sky News. Als möglicher Nachfolger war Finanzchef Graeme Pitkethly gehandelt worden, aber nun sei „eine ausgedehnte internationale Suche wahrscheinlich“.

Der Job dürfte unter Restrukturierungsexperten begehrt sein. Polman hatte vergangenes Jahr 8,3 Millionen Euro verdient. Doch diese Summe muss sich der Neue hart verdienen, die Investoren werden schnelle Erfolge fordern. Lange hatten sie stillgehalten – auch wegen der stetig steigenden Dividende, die Polman stets betonte. Doch im Februar, als der US-Konkurrent Kraft Heinz in Erscheinung trat und 143 Milliarden Dollar für den Zusammenschluss beider Unternehmen bot, kippte die Stimmung an der Börse. Die Offerte der Amerikaner war bei Unilever auf heftigen Widerstand gestoßen. Zu niedrig sei das Angebot, und auch strategisch passe man nicht zusammen, wies Polman die Avancen zurück.

Der amerikanische Konzern zog sich zwar zurück, aber die Investoren warfen dem Management vor, Unilever sei zu groß und zu schwer zu steuern. Tatsächlich füllen mittlerweile rund 400 Unilever-Marken Supermarktregale – von Magnum-Eiscreme über Knorr-Tütensuppen bis zu Domestos-Reiniger und Axe-Deo. Zudem hat Unilever eine Doppelstruktur: Ein Unternehmen mit Sitz in Rotterdam und eines mit Sitz in London. Sogar an zwei Börsenplätzen ist Unilever notiert.

Als die Kritik immer lauter wurde, verkündete Polman im April notgedrungen, „mehr Wert für die Aktionäre“ schaffen zu wollen. Die Rendite soll von zuletzt 15 Prozent bis 2020 auf 20 Prozent steigen – womit man zu den Konkurrenten Reckitt-Benckiser und Kraft Heinz etwas aufschließen würde, deren Rendite noch höher liegt. Der langerwartete Verkauf vom Aufstrich-Geschäft wurde eingeleitet, Sparmaßnahmen angekündigt. Geschäftseinheiten sollen zusammengelegt werden, der Doppelsitz in Großbritannien und den Niederlanden steht zur Debatte. 3,5 Milliarden Euro stehen für einen Konzernumbau bereit, der weltweit viele Jobs kosten wird. Aus Sicht der Börse alles „längst überfällig“, wie die Ratingagentur Morningstar erklärte.

Kreativer Zerstörer statt Bewahrer gesucht. Immerhin, und da bleibt sich Polman treu: Die Übergabe an seinen Nachfolger soll geregelt erfolgen. Erst in 18 Monaten, heißt es, werde der Niederländer abtreten. Die Umstrukturierung bei Unilever dürfte dann erst so richtig losgehen. Ein Headhunter, der nach externen Chefkandidaten sucht, die keine Rücksicht auf persönliche Seilschaften an der neuen Wirkungsstätte nehmen müssen, spricht dafür.

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