WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Unilever-Deutschland-Chef Brouwers "Ende der gnadenlosen Preiskämpfe"

Der Unilever-Deutschland-Chef über den Preiskampf von Discountern und Einzelhandel, die Spekulation mit Pflanzenöl und mögliche Preiserhöhungen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Unilever-Deutschland-Chef Harry Brouwer

WirtschaftsWoche: Herr Brouwer, seit Monaten steigen die Preise für viele Rohstoffe. Wird der Kunde bald für Dove, Knorr, Sunil, Langnese oder Lipton tiefer in die Tasche greifen müssen?

Harry Brouwer: Die Preissteigerungen bei vielen Rohstoffen sind ein Problem. Der Druck von der Kostenseite liegt derzeit bei zwei Prozent und darüber, die wir über Preiserhöhungen unsererseits kompensieren müssen.

Welche Produkte sind betroffen?

Unter anderem Produkte, die mit Pflanzenölen hergestellt werden, also Margarine, Eiskrem, Körperpflegeprodukte. Es gibt bei den Ölen eine starke Nachfrage aus Russland und Asien. Die kann nicht befriedigt werden, weil die Mengen auf den Märkten durch die Hedgefonds blockiert sind, die damit spekulieren, oder für subventionierten Biodiesel verwendet werden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Preise werden auf den Jahresgesprächen verhandelt, jenen gefürchteten Preisrunden im Herbst, bei denen die Einkäufer der Handelsketten versuchen, die Vertriebsleute der Hersteller auszuquetschen. Das sei ein "Relikt aus dem Mittelalter", sagt Rewe-Chef Alain Caparros. Hat Rewe die Treffen schon abgeschafft?

    Nein, es gibt sie immer noch. Aber die Inhalte haben sich tatsächlich verändert. Es wird nicht mehr stundenlang über die dritte Stelle hinter dem Komma diskutiert, das letzte Promillchen rausgequetscht. Dafür hat auch wirklich niemand mehr Zeit. Ich stelle mehr und mehr eine andere Form der Diskussion fest. Der Handel braucht Ideen, um sein Wachstum zu realisieren und um sich gegenüber den Wettbewerbern abzuheben. Über den Preis ist das ja kaum noch möglich, weil etwa bei Preissenkungen eines wichtigen Discounters sofort alle anderen die Preise ebenfalls senken. Wir müssen dem Handel neue Ideen liefern. Denn der Preis ist nicht alles.

    Diesen abgedroschenen Satz hören wir seit einem Jahrzehnt, und bisher hat sich nichts geändert. Für einen überwiegenden Teil der Verbraucher ist der Preis alles! Und der Handel hat ihn dazu erzogen.

    Jedenfalls sind wir an einen Punkt gelangt, an dem sogar die großen Handelskonzerne ein Ende der gnadenlosen Preiskämpfe thematisieren – ja, herbeisehnen. Wir werden dabei sicher nicht im Weg stehen.

    Das wundert uns nicht. Schließlich sind die Margen der Lebensmittelhersteller mit 15 bis 20 Prozent ziemlich komfortabel im Vergleich zu den Lebensmittelhändlern, die mit zwei oder drei Prozent auskommen müssen.

    Das sind zwei unterschiedliche Branchen. Unilever investiert viel Geld in Forschung und Entwicklung, damit wir dem Handel stets neue oder verbesserte Produkte bieten können. Und wir sind es auch, die diese Produkte bewerben – das ist auch nicht ganz billig. Und schließlich tragen die Hersteller die Verantwortung, dass das Produkt durch hohe Forschungs- und Werbeaufwendungen ein Erfolg wird. Die Fragen sollten daher lauten: Muss der Handel mit diesen geringen Margen leben? Und müssen die Spannenverbesserungen, die der Handel regelmäßig bei der Industrie erzielt, gleich wieder als Munition in den Preiskampf gesteckt werden? Schließlich kommen Handelskonzerne in anderen Ländern auf Margen, die zwei- bis dreimal so hoch sind, wie die der deutschen Händler.

    Grafik: Umsatzanteile der weltgrößten Konsumgüterhersteller in aufstrebenden Märkten wie Asien, Afrika oder Osteuropa

    Welche Ideen bieten Sie denn dem Handel, um seine Marge aufzumöbeln?

    Wir wollen echten Mehrwert bieten, also zielgruppenspezifische Maßnahmen.

    Geht es etwas konkreter?

    Die Rewe verkauft beispielsweise in ihren Supermärkten und toom-Warenhäusern seit ein paar Wochen exklusiv Lipton-Heißtees. Lipton ist eine der größten Marken von Unilever und die größte Teemarke der Welt. Aber in Deutschland sind wir nur mit Eistee etabliert, nicht mit Heißtee, also mit Teebeuteln. Dabei setzen wir alleine mit Lipton-Heißtees weltweit rund zwei Milliarden Euro um. Rewe bietet seinen Kunden nun diese Marke als Heißtee an, ein Produkt, das es vorerst bei den Wettbewerbern nicht gibt und daher auch nicht direkt im Preiswettbewerb steht. Das ist für beide Seiten eine gute Sache.

    Top-Jobs des Tages

    Jetzt die besten Jobs finden und
    per E-Mail benachrichtigt werden.

    Standort erkennen

      Allerdings stehen bei Rewe und Toom schon zig andere Heißtees im Regal. Was soll da eine Sorte mehr bringen?

      Wir haben festgestellt, dass aufgrund der hohen Kunden-Übereinstimmung von Lipton-Heißtee und Rewe und des beidseitigen Engagements beim Thema Nachhaltigkeit Unilever und Rewe sehr gute Partner sind.

      Unilever hat vor wenigen Tagen neue Eckpfeiler in der Nachhaltigkeitsstrategie des Konzerns eingeschlagen. Wie sehen die aus?

      Wir haben uns drei wichtige Ziele bis 2020 gesteckt: Wir wollen die Lebensqualität von mehr als einer Milliarde Menschen mit unseren Produkten verbessern. Daneben will Unilever die Umweltbelastung aller Produkte um die Hälfte senken und sicherstellen, dass in zehn Jahren 100 Prozent der Rohstoffe aus nachhaltiger Landwirtschaft stammen, also etwa zertifiziertes Palmöl, weltweit keine Eier aus Käfighaltung und natürlich nachhaltig produziertes Obst und Gemüse, Kakao, Tee oder Rapsöl. Ich kenne kein anderes Unternehmen, das sich neben dem Wachstum auch zur Halbierung der Umweltbelastung bekennt.

      Und wie soll die Lebensqualität von einer Milliarde Menschen verbessert werden?

      Ein Beispiel. Hygiene ist in vielen Regionen ein unbekanntes Thema. Wir haben in indischen Dörfern insgesamt 45.000 Frauen rekrutiert, denen wir ein Grundwissen in Sachen Hygiene vermitteln, damit sie dieses weitergeben können. Und sie bekommen unsere antibakteriellen Seifen, die sie dann an rund drei Millionen Haushalte weiterverkaufen. Gleichzeitig verdoppeln die Frauen ihr Haushaltseinkommen, und die Zahlen der Durchfallerkrankungen, eine der häufigsten Todesursachen dort, fallen dramatisch.

      Also kein uneigennütziges Weltverbesserertum, sondern schnöder Mammon.

      Brouwer: Nachhaltigkeit muss Soziales und Ökonomisches verbinden, sonst funktioniert es nicht. Natürlich wollen wir damit auch unsere Absatzmärkte vergrößern, Produkte verkaufen und Erlöse verbessern. Wir verbessern durch einen reduzierten Energieverbrauch, minimierte Verpackungen und weniger Abfälle auch unsere Kosten. Wir sind 2009 in Deutschland in eine neue Zentrale gezogen: Das Gebäude verbraucht 70 Prozent weniger Energie als die alte Zentrale. 

      © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
      Zur Startseite
      -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%