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Unternehmens-Boykott Wikileaks-Unterstützer schlagen zurück

Amazon, Paypal oder Mastercard: Zahlreiche Unternehmen gehen gegen Wikileaks vor. Unterstützer der Plattform reagieren mit Boykottaufrufen, Facebook-Aktionen und haben die Website von Mastercard und Visa lahmgelegt. Facebook und Twitter gehen nun auch gegen die Wikileaks-Unterstützer vor.

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Amazon-Boykottaufruf bei Facebook

"Der erste echte Informationskrieg ist ausgebrochen. Das Schlachtfeld ist Wikileaks. Ihr seid die Truppen." Mit dieser Twitter-Botschaft hat John Perry Barlow, Mitgründer der Bürgerrechtsorganistaion Electronic Frontier Foundation und ehemaliger Musiker der Gruppe Grateful Dead, auf den Punkt gebracht, was sich derzeit im internet abspielt. Gegner und Unterstützer von Wikileaks liefern sich einen immer heftigeren virtuellen Kleinkrieg und mittlerweile sind immer mehr große Unternehmen zu Akteuren und Zielen in dieser virtuellen Schlacht geworden.

Mit Boykottforderungen und automatisierten Massenaufrufen werden Konzerne attackiert, die gegen Wikileaks vorgehen. Zuletzt gelang es den Wikileaks-Unterstützern, die Internetseiten von Vis und Mastercard lahmzulegen.  

Die beiden Kreditkartenunternehmen hatten Zahlungen an Wikileaks gesperrt und damit die Spendenmöglichkeiten eingeschränkt. Die Liste der Unternehmen, die gegen Wikileaks vorgehen ist damit immer länger geworden. Zuvor hatte die Ebay-Tochter Paypal ein Konto eingefroren, die Schweizer Bank Postfinance sperrte das Konto von Wikileaks-Gründer Julian Assange.

Amazon hat die Wikileaks-Seiten von seinen Servern genommen; das Unternehmen Tableau Software hatte grafische Aufarbeitungen der Botschaftsdepeschen von seiner Seite genommen und der US-Internet-Dienstleister EveryDNS.net hatte ebenfalls seine Dienste für Wikileaks eingestellt. Damit waren die Inhalte nicht mehr unter wikileaks.org abrufbar.

Druck auf Amazon & Co.

In der Regel beriefen sich die Unternehmen darauf, dass ihre Geschäftsbedingungen durch Wikileaks verletzt wurden. Doch viele Beobachter vermuten auch, dass US-Politiker Druck auf die Unternehmen ausüben.

So appellierte der Vorsitzende des US-Senatsausschusses für Innere Sicherheit, Joe Lieberman, nach dem Rückzug von Amazon an andere Firmen, die Unterstützung von Wikileaks zu stoppen. „Ich rufe alle anderen Unternehmen und Organisationen, die Wikileaks hosten, auf, sofort die Geschäftsbeziehungen zu beenden“, sagte er. Zuvor hatte er Amazon nach Medienberichten gedrängt, Wikileaks nicht länger Server-Kapazitäten zur Verfügung zu stellen.

Paypal-Manager Osama Bedier erklärte heute auf der Internet-Konferenz „Le Web“ in Paris, die US-Regierung wäre auf den Bezahldienst zugegangen und hätte erklärt, die Aktivitäten von Wikileaks seien illegal.

Doch was auch immer die entscheidenden Beweggründe sind, auf viele Unternehmen fällt ihre Entscheidung nun negativ zurück.

An verschiedenen Stellen wird zum Boykott von Amazon oder Paypal aufgerufen. „Ich werde meine Weihnachtsgeschenke – entgegen meiner Gewohnheit – dieses Jahr nicht bei Amazon kaufen“, schreibt beispielsweise der bekannte Blogger Richard Gutjahr und fordert seine Leser auf, es ihm gleichzutun. Auch seinen PayPal-Button hat er von seiner Seite entfernt. „Ich tue das, indem ich Gebrauch mache von eben diesem freien Internet, das es zu verteidigen gilt – sei es vor Eingriffen durch den Staat oder durch Konzerne“, erklärt Gutjahr.

Auf Facebook wird an mehreren Stellen zum Boykott aufgefordert, immerhin bald 10.000 Unterstützer hat die Größte dieser Seite gesammelt. 3.500 Personen gefällt ein Boykott-Aufruf von PayPal.

Auch auf den Facebook-Seiten der Unternehmen hagelt es Kritik. Unter Digitalkameras und anderen Sonderangeboten auf der Amazons Facebook-Seite fragen Nutzer, wie sie eigentlich ihren Account löschen können. Einer der beliebtesten Kommentare zu Mastercard ist die Umkehrung eines Werbespruchs: "Die Meinungsfreiheit ist unbezahlbar. Für alles andere gibt es Mastercard."  

Wie viele Kunden letztlich wirklich auf die Dienste verzichten, ist fraglich. Weit höher als die Umsatzeinbußen dürfte jedoch der Imageschaden sein.

Besonders empfindlich trifft die Unternehmen hingegen die „Operation Payback“. So haben Wikileaks-Unterstützer die Website von Mastercard lahmgelegt. Sowohl der internationale Webauftritt mastercard.com als auch die deutsche Website des Unternehmens waren am Mittwoch zunächst nicht mehr erreichbar. Mastercard hat am Dienstag die Überweisung von Spenden an Wikileaks gestoppt.

Die Angriffe erfolgen über so genannte Denial-of-Service-Attacken (DoS-Attacken), dabei werden die Seiten so oft automatisiert aufgerufen, dass die Server unter der Last zusammen brechen.

Nachdem Wikileaks immer wieder mit DoS-Angriffen attackiert wurde, schlagen dessen Unterstützer nun mit den gleichen Waffen zurück. Auch Internetseiten von PayPal und der Schweizer Bank Postfinance wurden angegriffen. Die Website von Postfinance war in den vergangenen Tagen oft nicht erreichbar.   

Die Attacken werden unter anderem von der „Anonymous“-Bewegung und dem Internetportal 4Chan koordiniert, die 2008 mit Protestaktionen gegen die Organisation Scientology Schlagzeilen machte.

Twitter und Facebook gehen gegen Wikileaks-Unterstützer vor

Und nun haben auch Twitter und Facebook Maßnahmen gegen die Wikileaks-Unterstützer unternommen. Es gab zwar Diskussionen darüber, ob Twitter zensiert, da Wikileaks nicht in der Liste der meistdiskutieren Begriffe auftachte, doch ansonsten ist der Kurznachrichtendiebst der wihtigste Kommunikationskanal von Wikileaks.    

Der Account der „Anonymous“- Gruppe wurde jedoch in der Nacht zum Donnerstag von Twitter gesperrt. Eine Begründung dafür nannte der Dienst zunächst nicht. Wie die britische BBC unterBerufung auf Kreise berichtete, habe die letzte gelistete Kurznachricht vor der Sperrung einen Link auf eine Datei enthalten, die Kundeninformationen von Kreditkartenbesitzern beinhaltet habe.  

Auch die Facebook-Seite von "Wikileaks Operation Payback" wurde entfernt.

An anderer Stelle hat Wikileaks einen Teilsieg errungen: Die französische Regierung ist vorerst mit ihrem Vorhaben gescheitert, die Enthüllungsplattform Wikileaks vom Server einer französischen Firma zu verbannen. Das betroffene Unternehmen OVH hatte zwei Gerichte mit einer juristischen Klärung der Sachlage beauftragt. Beide Gerichte entschieden nun, dass sie mehr Zeit zur Untersuchung der technisch anspruchsvollen Angelegenheit benötigten.

Zuvor hatte Industrieminister Eric Besson eine Behörde damit beauftragt zu prüfen, wie verhindert werden könne, dass Wikileaks in Frankreich online bereitgestellt wird. Wikileaks wird seit vergangener Woche unter anderem von einem Server der französischen Firma betrieben.

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