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Unternehmensberatung Wo der neue Roland-Berger-Chef ansetzen muss

Der neue Roland-Berger-Chef Martin Wittig und sein Vorgänger Burkhard Schwenker sollen das Beratungshaus zukunftssicher machen.

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Martin Wittig, Chef der Beratungsgesellschaft Roland Berger Quelle: Bernd Auers für WirtschaftsWoche

Am 1. August 2010 übernimmt Martin Wittig als Nachfolger von Burkhard Schwenker sein neues Amt als Chef der Strategieberatung Roland Berger. Dann beginnt für das größte deutsche Beratungshaus eine neue Ära. Das heißt es in solchen Fällen oft – aber diesmal stimmt es wirklich. Der Firmengründer und -namensgeber Roland Berger zieht sich komplett zurück. Auf seinen bisherigen Posten als Aufsichtsratschef und auch als Vorsitzender der Roland Berger Stiftung zum Schutz der Menschenwürde rückt Schwenker nach. "Das ist ein ganz geordneter Transformationsprozess, wie wir ihn auch unseren Kunden empfehlen", sagt Wittig.

Das Duo steht vor großen Herausforderungen: Der Markt für klassische Strategieberatung stagniert, der Druck auf Umsätze und Honorare wächst, das auf permanentem Wachstum basierende Geschäftsmodell mit seinen schnellen Aufstiegsmöglichkeiten für Prädikats-Hochschulabgänger ist in Gefahr. Nach Ansicht von Insidern bringt das neue Führungsteam gute Voraussetzungen mit, um die Aufgabe zu lösen. Schwenker kann weiterhin in seiner Rolle als brillanter Stratege glänzen, Wittig das Tagesgeschäft führen und Berger dort stärker machen, wo in Zukunft die Musik spielt. Als bisheriger Finanzvorstand kennt der neue Vormann das Unternehmen bis ins Detail. Und als jemand, der vor und während des Studiums immer mal wieder unter Tage im Bergwerk gearbeitet hat, kennt er auch das "richtige Leben". Das unterscheidet den neuen Berger-Frontmann von vielen seiner Kollegen.

Seine Vorbilder

Wittig startete seine Berater-Karriere bei den "Struckies". So heißen die auf Sanierung und Restrukturierung spezialisierten Berater. In dieser Disziplin gilt Berger als besonders kompetent. Das Handwerk gelernt hat er bei Karl Kraus (Spitznamen: "Machete" oder "Ledernacken-Kraus"), der das Restrukturierungsgeschäft aufgebaut hat. Vorbild und Mentor ist für Wittig aber eher Firmengründer Roland Berger: "Ich bewundere authentische Manager und Unternehmer, die ein persönliches Risiko tragen." Zur ersten Gruppe gehört der frühere Lufthansa-Chef Jürgen Weber ("ein väterlicher Freund"), zur zweiten Peter Spuhler, Eigentümer des schweizerischen Bahnausrüsters Stadler Rail. Außerhalb seines beruflichen Umfelds gilt Wittigs besondere Hochachtung "Menschen, die etwas für andere tun", wie der Norweger Johann Olav Koss. Der frühere Rekord-Eisschnellläufer gründete die Entwicklungshilfeorganisation "Right to Play", die Kinder fördert, die Opfer von Krieg, Armut und Krankheit geworden sind.

Seine Vorlieben & Abneigungen

Wittigs Interessen sind vielfältig. Er war Leistungssportler – Schwimmer, Marathonläufer und Triathlonkämpfer. Sein Studium hat er teilweise als Skilehrer finanziert. "Sport ist wichtig, ich will fit bleiben", sagt er. Einmal im Jahr fährt er eine Woche zum Heliskiing nach Kanada "zum Abschalten". Dass er fit ist, sieht man dem 46-Jährigen an, auch wenn er die sportliche Betätigung heute häufig auf das Hotel-Gym beschränken muss. Doch Sport ist nicht alles: Wittig sammelt zeitgenössische Kunst und besucht Ausstellungen. Er geht in klassische Konzerte ("Ich freue mich schon auf das Luzerner Fest und die Fidelio-Aufführung"), hört im Auto aber auch die Hits der britischen Sängerin Amy Winehouse. Und er ist gern mit Menschen zusammen, die nichts mit seinem Job zu tun haben, lädt regelmäßig Musiker und bildende Künstler zu sich nach Hause ein. Wittig verabscheut Kleingeistigkeit und Intoleranz. "Man kann seine Überzeugungen vertreten und notfalls dafür kämpfen", sagt er, "und trotzdem andere Ansichten tolerieren."

Seine Freunde und Gegner

Friedrich Merz Quelle: dpa

Rivalität gehört in Unternehmensberatungen zum Alltag: "In diesem Job ist jeder Partner dein Gegner", bringt es ein früherer Kollege des neuen Berger-Chefs überspitzt auf den Punkt. Wittig spricht lieber von "internen und externen Wettbewerbern". Einen klammert er dabei ausdrücklich aus, obwohl vor allem Beobachter von außen beide lange als Rivalen sahen: seinen Vorgänger und künftigen Aufsichtsratschef Burkhard Schwenker. "Wir sind sehr unterschiedlich, aber im Laufe der Jahre Freunde geworden und telefonieren oft zweimal am Tag miteinander", sagt Wittig. Auch zu einigen Menschen, die Wittig durch seinen Job kennengelernt hat, haben sich im Laufe der Zeit enge private Kontakte entwickelt: Air-Berlin-Chef Joachim Hunold, der ehemalige CDU-Politiker und Anwalt Friedrich Merz, der Metro-Vorstandsvorsitzende Eckhard Cordes und der designierte zukünftige Lufthansa-Boss Christoph Franz zählen zu diesem Kreis.

Seine Stärken und Schwächen

Wittig gilt als exzellenter Fachmann für Maschinenbau sowie die Transport-, Bau- und Bergbaubranche. Mitbewerber fürchten seine Beharrlichkeit als Akquisiteur, "wenn nötig, fasst er zehnmal nach", heißt es. Weggefährten bescheinigen Wittig Intelligenz, Beharrlichkeit und Durchsetzungskraft: "Wenn er einen Raum betritt, wird es eng für andere, er ist ein echtes Alphatier." Er sieht sich eher als Motivator, räumt aber ein, "dass ich manchmal zu viel verlange und andere und mich selbst dann vielleicht überschätze – der Tag hat ja nur 24 Stunden". Inzwischen hat er akzeptiert, dass nicht alles beherrschbar ist – die Folge einer schweren Erkrankung vor ein paar Jahren.

Seine Ziele & Visionen

Wittigs neuer Job ist eine Herausforderung: "Wir werden weiter wachsen, unsere Präsenz in Brasilien, Russland, Indien und China stärken und unsere Beratungskompetenz schwerpunktmäßig weiter ausbauen."

Aber der neue Chef bei Berger ist nicht nur Manager, er ist auch Familienmensch. Als sie noch klein waren, glaubten seine beiden heute neun Jahre alten Söhne, ihr Vater sei Pilot – weil er so oft mit dem Flugzeug auf Reisen war. Den Spagat zwischen Job und Privatleben zu schaffen ist für ihn das wichtigste private Ziel: Joggen geht er morgens um sechs, um mehr Zeit für seine Frau und die Zwillinge zu haben, wenn möglich, verbringt er das Wochenende daheim in Zürich, wo seine Familie auch in Zukunft wohnen bleiben wird.

Auch für die Zeit nach dem Beraterleben hat Wittig feste Vorsätze: "Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt und bin dafür sehr dankbar. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass auch andere in unserer Gesellschaft eine Chance bekommen und ihr Leben verbessern können." Seine Frau ist schon heute für die Kinderhilfsorganisation "Right to Play" aktiv. Dort will er sich auch engagieren, wenn er aus der operativen Verantwortung raus ist.

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