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Unternehmenssoftware Moderne Zeiten bei SAP

Die große Eintracht-Show geht weiter: Auf der Kundenmesse Sapphire sorgen die beiden neuen SAP-Chefs für gute Stimmung – und verteidigen ihren Sechs-Milliarden-Dollar-Einkauf.

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Das SAP-Logo auf der CeBit. Quelle: REUTERS

Es ist kurz nach halb neun am Montagabend, etwas später als erwartet, als sich Jim Hagemann Snabe mit einem Glas Rotwein bewaffnet unter die Gäste in der Bar der Schirn Kunsthalle in Frankfurt mischt. Dort lassen Journalisten, Analysten und SAPler zu jenem Zeitpunkt bereits seit rund zwei Stunden den ersten Tag der diesjährigen SAP-Kundenmesse Sapphire mit Sekt und Canapés ausklingen.

Und der Auftritt von Hagemann Snabe, der seit Anfang Februar mit Bill McDermott die neue Doppelspitze beim Walldorfer Softwarekonzern SAP bildet, fügt sich nahtlos ein in das unprätentiöse Bild, das die neuen Chefs bei früheren Auftritten wie etwa der diesjährigen CeBIT vermittelt haben: Ohne Bugwelle oder sonstige Umschweife kommt der Däne mit den Anwesenden ins Gespräch. „Entschuldigen Sie mein Deutsch“, sagt er mit einer entwaffnenden Offenheit – und das, obwohl er fast akzentfrei spricht. Egal ob eine kritische Nachfrage zur jüngsten Übernahme oder zum möglichen Rückzug von der US-Börse – Hagemann Snabe weicht mit seinen Antworten nicht aus und versucht, bei den Umstehenden eine positive Grundstimmung zu erzeugen.

"Einen Schalter umgelegt"

Moderne Zeiten bei SAP? Immerhin, die Schirn Kunsthalle liegt mitten in der historischen Altstadt Frankfurts in unmittelbarer Nachbarschaft von Kaiserdom und Römerberg. Doch im Gegensatz zur historisch-kitschigen Rekonstruktion der spätmittelalterlichen Gebäude rund um den Rathausplatz ist „die Schirn“ ein Mitte der 80er Jahre konzipierter moderner Museumsbau. Dass die SAP-Verantwortlichen das Frankfurter Ausstellungshaus einzig und allein aus jenem Grund für das lockere Get-together ausgewählt haben – wohl eher nicht. Dennoch versprüht das Bar-Restaurant im Schirn unterschwellig ein Ambiente irgendwo zwischen Coolness und Gemütlichkeit. Ob gewollt oder nicht – es ist eine passende Anspielung an die neue Zeitrechnung, die bei SAP mit den beiden neuen Vorstandsvorsitzenden eingezogen ist.

Am heutigen Dienstag sind der 48-jährige Amerikaner McDermott und der 44-jährige Däne genau hundert Tage im Amt. SAP-Mitgründer und -Aufsichtsratsboss Hasso Plattner hatte Anfang Februar in einer Hauruckaktion den ungeliebten Vorgänger Léo Apotheker aus dem Unternehmen gedrängt und sie dafür an die Spitze des Walldorfer Konzerns gehievt. Und für diese kurze Zeit ist die Erfolgsbilanz der beiden durchaus beachtlich – und zwar intern wie extern. „Es ist, als ob einer einen Schalter umgelegt hätte“, sagt ein hochrangiger SAP-Manager über die Stimmung im Konzern, die sich seit Apothekers Demission um 180 Grad gewendet habe.

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    Das auffälligstes Signal für die neue Aufbruchstimmung haben McDermott und Hagemann Snabe freilich erst in der vergangenen Woche raus in die Welt geschickt: So hat die neue SAP-Spitze Freund und Feind mit der Ankündigung überrascht, den US-Datenbankhersteller Sybase für stolze 5,8 Milliarden Dollar schlucken zu wollen– immerhin die zweitgrößte Übernahme in der SAP-Geschichte überhaupt.

    Um die ging es denn auch vorrangig auf der gestrigen Pressekonferenz zur Eröffnung der Sapphire. Dabei konnten die beiden SAP-Chefs ebenfalls mit einigen Neuerungen aufwarten – mit nur kleinen zwar, aber für ein eher konservatives Unternehmen wie SAP dennoch recht augenfälligen: So findet die diesjährige Kundenmesse Sapphire erstmals zeitgleich in den USA in Orlando/Florida sowie in Frankfurt statt. Um beidseitig des Atlantiks mit Spitzenpersonal aufwarten zu können, hat sich die Doppelspitze aufgeteilt: McDermott ist nach Orlando gegangen, Hagemann Snabe nach Frankfurt.

    Und noch mal gibt sich das neue Führungsduo einen neuen Anstrich: Auf die beinahe SAP-typischen Powerpoint-Folien mit vielen kryptischen Drei-Buchstaben-Abkürzungen verzichten die beiden komplett. Stattdessen sitzen sie jeweils allein auf der Bühne und sind via Satellit zusammengeschaltet – man ist schließlich bei einem der weltweit führenden IT-Unternehmen. McDermott und Hagemann Snabe beweisen einmal mehr, dass sie ein eingespieltes Team sind, sie kooperieren gut und ergänzen sich. So funktioniert das Experiment der transatlantischen Pressekonferenz vergleichsweise reibungslos, trotz der ein bis zwei Sekunden Pflichtpause vor jeder Antwort, die nötig wird, um die technische Verzögerung bei der Videoübertragung zu überbrücken.

    Verzicht auf Powerpoint-Folien

    Viele harte Ankündigungen haben die beiden zwar nicht parat. Aber sie verteidigen mit Verve ihren jüngsten Coup: „Wir wollen, dass irgendwann eine Milliarde Nutzer mit SAP-Software arbeiten“, so McDermott. Ein wichtiger Schritt, um dieses Ziel zu erreichen, sei der Kauf von Sybase, weil SAP und Sybase nur wenig überlappende Kundengruppen hätten. „Bei dem Deal geht es vor allem um die Ausweitung des SAP-Ökosystems.“ Und Hagemann Snabe ergänzt: „Wir machen Übernahmen nicht, um Marktanteile dazu zu kaufen. Sondern um das Unternehmen SAP voran zu bringen.“

    Damit will Hagemann Snabe dem Eindruck entgegentreten, SAP würde nun blind die Strategie des Erzrivalen Oracle kopieren, der in den vergangenen Jahren mehr als 60 Firmen für über 40 Milliarden Dollar geschluckt hat. Das betont er auch noch einmal in kleiner Runde bei der gestrigen Abendveranstaltung. Gleichzeitig antwortet er auf die Frage, dass SAP nach Analystenschätzungen einen Finanzrahmen von rund Milliarden Euro habe und dieser durch den jüngsten Kauf ja nur zur Hälfte aufgebraucht sei, vieldeutig: „Wir müssen erst mal Sybase integrieren – aber man weiß ja nie, wer um die Ecke kommt.“ Zumindest mal ein offenes Hintertürchen für weitere Übernahmen, die nicht wenige Experten jetzt bei SAP erwarten.

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