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Utz Claassen im Interview „Ich fühle mit den Betroffenen“

Es war nur ein kurzes Intermezzo. 74 Tage amtierte der Ex-EnBW-Chef Utz Claassen als Vorstandsboss der Solar Millennium AG, dann kündigte er. Warum Claassen mit den betroffenen Anlegern des Pleite-Unternehmens fühlt.

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Der frühere Chef des Energiekonzerns EnBW und Vorstandsvorsitzender der Solar Millenium AG, Utz Claassen, versichert, dass er mit den getäuschten Anlegern fühlt. Quelle: dpa

Herr Claassen, Sie waren Anfang 2010 Vorstandschef der Solar Millennium AG. Der Solarkraftwerksbauer ist inzwischen pleite. Fühlen Sie mit den Anlegern, die um ihr Vermögen gebracht wurden?
Utz Claassen: Ja, natürlich. Ich fühle mit den Betroffenen. Und das sind für mich nicht nur die Anleger, sondern auch die früheren Mitarbeiter, die sich vorrangig aus idealistischen Motiven für diese grüne Technologie und damit eine gute Sache engagiert haben - und bitter enttäuscht wurden. Den vertrauensvollen Anlegern und der tollen Belegschaft habe ich mich stets verpflichtet gefühlt, dies gilt noch immer.

Auch Sie haben sich vom Unternehmen begeistern lassen ...
Zunächst einmal: Der Aufsichtsrat von Solar Millennium hat sich sehr nachhaltig um meine Verpflichtung bemüht, auch unter Einschaltung Dritter. Ich selbst war damals beim Finanzinvestor Cerberus sehr happy und keineswegs auf Jobsuche.

Was hat Sie gereizt?

Schon als Vorstandsvorsitzender der Energie Baden-Württemberg AG hatte ich im Jahr 2005 auf einem Kongress sinngemäß öffentlich gesagt: In der Sonnenenergie liegt die Zukunft. Und dabei meinte ich nicht primär die Photovoltaik, sondern vor allem die Solarthermie. Denn die ist skalierbar, projektgetrieben und speicherbar. An die Technologie der solarthermischen Stromerzeugung glaube ich übrigens - auch nach den besonderen Erfahrungen bei Solar Millennium - noch immer.

Die Begeisterung für die Solarthermie ist das eine. Was ließ Sie an den wirtschaftlichen Erfolg glauben?
Vor Abschluss meines Dienstvertrages erhielt ich vom Aufsichtsrat einen außerordentlich vielversprechenden "Businessplan" ausgehändigt, der unmittelbarer und elementarer Bestandteil des Dienstvertrags wurde und dessen Seriosität der Aufsichtsrat mir gegenüber schriftlich versicherte. Mir wurde vertraglich zugesichert, dass die diesem Businessplan zugrunde liegenden Annahmen realistisch seien, dass die Umsatz- und Ertragsplanung mit als "wahrscheinlich beziehungsweise konkret einzustufenden Projekten hinterlegt" sei und dass der "Businessplan" in Summe als "betriebswirtschaftlich seriöser Business Case zu betrachten" sei.


„Das Wesen einer Täuschung ist, dass man sie nicht erkennen kann“

Also eigentlich alles Bestens ?
Ja, das dachte ich auch. Doch dieser Businessplan entsprach, wie ich später feststellen musste, zu keinem Zeitpunkt der offiziellen Konzernplanung. Nur drei Tage nach Abschluss des Dienstvertrags und damit noch 14 Tage vor meinem Dienstantritt verabschiedete derselbe Aufsichtsrat ohne meine Kenntnis einen gänzlich anderen, deutlich abweichenden Plan. Hätte ich gewusst oder auch nur ansatzweise geahnt, dass der mir ausgehändigte sogenannte "Businessplan" den Beschlussstand der Gremien des Unternehmens nicht reflektierte und von der tatsächlichen Planung erheblich abwich, hätte ich den Dienstvertrag niemals unterschrieben. Dabei bleibt sogar noch unberücksichtigt, dass, wie wir heute wissen, auch tatsächliche Planung und Realität sehr weit auseinanderklafften.

Die Nichtrückzahlung gewährter Einmalvergütungen in Millionen-Euro-Höhe ...
Ja, genau, und das sogar in Verbindung mit einem für diesen Fall gewährten Sonderkündigungsrecht. Hinzu kam ja noch, dass in die Erstellung und Validierung dieses Businessplans auch sehr namhafte externe Berater eingebunden worden waren, an deren Seriosität ich nicht im Geringsten zweifeln konnte.


„Aufsichtsratschef Pflaumer hat sich bei mir entschuldigt“

Was waren das für Berater?
Hierzu möchte ich an dieser Stelle keinen Kommentar abgeben.

Solar Millennium wird von Anlegern wegen falscher Angaben in den Anleiheprospekten verklagt. War das sogar ein Schneeballsystem?
Eine solche Beurteilung haben andere vorzunehmen. Tatsache ist, dass während meiner Amtszeit keine Anleihe begeben und kein Anleiheprospekt beschlossen oder unterzeichnet worden ist.

Warum haben Sie dann so rasch, nach nur 74 Tagen, endgültig gekündigt?
Weil ich es aus einer Vielzahl von Gründen nach meinem Verständnis nicht verantworten konnte, auch nur einen Tag länger mit dem damaligen Aufsichtsrat des Unternehmens zusammenzuarbeiten. Zu fundamental waren die Auffassungsunterschiede über die Grundsätze von ordnungsgemäßer, guter Unternehmensführung und -kultur.

Ein Beispiel, bitte ...
Über Interna möchte ich nicht reden. Nur so viel. Das vorrangige Kriterium meines Ausscheidens war nicht die Schaffbarkeit, sondern die Zumutbarkeit und die Verantwortbarkeit. Beides war aus meiner Sicht nicht mehr gegeben. Ich denke, dass die Entwicklungen der letzten Monate - und damit meine ich nicht etwa die so bedauerliche Insolvenz - und die sich aus diesen Entwicklungen ergebenden Erkenntnisse meine damalige Entscheidung für jedermann nachvollziehbar erscheinen lassen dürften. Übrigens hatte der damalige Aufsichtsratschef der Solar Millennium AG mir gegenüber bereits in unmittelbarem Nachgang zu meiner Kündigung und Amtsniederlegung erklärt, dass er meine Entscheidung "akzeptiere" und "respektiere".

Sie haben einen Gerichtsprozess gegen Solar Millennium angestrengt, um zu beweisen, dass Ihre Kündigung rechtens war. Wie ist der Stand der Dinge?
Das Verfahren ist derzeit unterbrochen, weil Solar Millennium inzwischen Insolvenz angemeldet hat. Aber es hat mich sehr gefreut, dass sich der seinerzeitige Aufsichtsratschef Helmut Pflaumer bereits im September 2011 vor dem Landgericht Nürnberg/Fürth bei mir, dem früheren Vorstandsvorsitzenden, öffentlich und offiziell entschuldigt hat. Das dürfte ein Novum in der deutschen Wirtschaftsgeschichte gewesen sein. Damit ist im Grunde schon alles gesagt. Ob er sich auch gegenüber den geschädigten Anlegern in entsprechender Weise verhalten wird, bleibt abzuwarten.

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