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Verratene Verräter Ein Plädoyer für den Verrat

Selbst wer Übeltäter aus lauteren Motiven verpfeift, wird von der Gesellschaft geächtet. Dabei braucht sie die reinigende Kraft des Whisteblowers. Ein Plädoyer für den Verrat.

Judas lauert überall.

Im Kindergottesdienst haben wir gelernt, dass Judas, der Jünger Jesu, ein Schuft war, weil er seinen Meister für ein paar Silberlinge ans Messer lieferte. Wie ein Fluch verfolgte ihn der Verrat. Judas hatte sich selbst aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen - ein Unglücklicher, am Ende von allen verlassen, der sich selbst gerichtet hat: als Selbstmörder. Die Figur wirft einen langen Schatten. David Kelly, so erklärte die Witwe des britischen Mikrobiologen bei ihrer Vernehmung durch Lordrichter Hutton, habe sich in seinen letzten Tagen "verlassen und verraten" gefühlt. Man habe ihm Diskretion zugesichert und trotzdem seinen Namen preisgegeben. Der kritische, aber loyale Beamte als Opfer der Illoyalität: Am 18. Juli fand man ihn tot in der Nähe seines Landhauses in Oxfordshire. Ein Selbstmord aus verlorener Ehre? Der traurige Fall eines verratenen Verräters? Oder die tragischen Folgen eines Whistleblowings? Was wörtlich übersetzt "verpfeifen" heißt, steht für den Verrat aus Gewissensgründen, die Enthüllung als unerträglich empfundener Missstände - und nicht für Denunziation. Der Nachbar, der den Sozialhilfeempfänger wegen des neuen Autos anzeigt, die verlassene Ehefrau, die die Steuergeheimnisse des treulosen Gatten beim Finanzamt ausplaudert, die Prostituierte, die den berühmten Maler bei der Sex- und Koksorgie auffliegen läßt - sie alle befriedigen Ressentiments, Rachlust oder Geldgier. Der Whistleblower hingegen schlägt aus altruistischen Motiven Alarm. Zumeist auf dem Dienstweg Nach der Definition des Schweizer Sozialwissenschaftlers und Chefs der Basler Novartis-Stiftung Klaus Leisinger sind Whistleblower "Menschen, die auf illegale oder - aus ihrer Sicht - illegitime Handlungsweisen einer Person, eines Unternehmens. einer Partei, einer Gewerkschaft, einer Kirche oder einer anderen Institution hinweisen". Das geschieht zumeist auf dem Dienstweg, dann aber auch, wenn alle anderen Bemühungen erfolglos geblieben sind, deszidiert außerhalb desselben". Mit anderen Worten: Whistleblowing ist ein letzter, verzweifelter Hilferuf im Kampf um die lädierte Moral. Es gibt mittlerweile Whistleblower-Preise und Whistleblower-Konferenzen, auf denen die Abweichler als "Dissidenten der Moral" gefeiert werden. Für die einen sind sie Helden, denen Wahrheit und Moral wichtiger sind als der Gehorsam gegenüber der Autorität. Für die andern sind sie Sand im Getriebe, das möglichst schnell und geräuschlos entfernt werden muss, weil sonst alles ins Stocken gerät. Whistleblower haben wenig zu lachen Auch in Amerika, wo immer mehr Unternehmen ethische Standards als Teil der Unternehmenpolitik propagieren, haben Whistleblower wenig zu lachen: 90 Prozent verloren nach einer von Leisinger zitierten US-Studie aus dem Jahr 1998 ihren Job, 27 Prozent brauchten psychiatrische Hilfe, 15 Prozent ließen sich scheiden, 10 Prozent versuchten Selbstmord. Wer Insider-Informationen an Kollegen, Behörden oder Medien weitergeibt, geht nach wie vor ein hohes Risiko ein. Wie der der Nasa-Ingenieur Roger Boisjoly, der mehrfach fehlerhafte Dichtungsdringe in der Trägerrakete der Raumfähre Challenger moniert hatte. Nach der durch diese Duchtungsringe verursachten Katastrophe vom 28. Januar 1986 packte er gegen den Druck der Nasa-Oberen vor einem Untersuchungsausschuss aus - kehrte aber nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurück. Wie die Veterinärin Margrit Herbst, die Schlampereien bei der Untersuchung von BSE-Verdachtsfällen feststellte und nach vergeblichem Kampf mit den Ämter ind einer Großschlachterei die Öffentlichkeit alarmierte. Sie wurde entlassen, vom Schlachthofbetreiber auf Schadensersatz verklagt und erst durch das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht 1997 rehabilitiert.

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