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Allianz Warum Bäte sein Heil in Indien sucht

Allianz-Chef Oliver Bäte will den digitalsten Versicherer der Welt formen. Dafür schafft er tausende Jobs in Indien - und nicht in München.

Digitalisierun der Allianz Quelle: Joshi Daniel für WirtschaftsWoche

An einem schwülheißen Vormittag im August lehnt sich in einem Büroturm der Allianz in Trivandrum, einer Stadt am Südzipfel Indiens, ein Mitarbeiter in seinem Stuhl zurück und lässt die Arme baumeln. Dennoch füllen sich vor ihm auf dem Bildschirm Textfelder mit den Adressdaten eines amerikanischen Kunden des Allianz-Industrieversicherers namens AGCS. Auf dem Bildschirm erscheinen Häkchen hinter Begriffen wie „Glas“, „Gebäude“ und „Auto“, die Kategorien, die der Kunde aus Amerika versichern will.

Die Arbeit erledigen hier, in diesem Büro in der indischen Millionenmetropole, nicht mehr Mitarbeiter der Allianz. Stattdessen arbeitet ein Bot, eine Software, die Aufträge ab. Möchte ein Industriekunde eine Police abschließen, beschafft sich der Bot die relevanten Daten von den Risikoexperten der Allianz und erstellt anschließend einen Code, mit dem die Prämie berechnet wird. Gut 100 solcher Bots arbeiten inzwischen für die Allianz. „Wir bauen hier ein Exzellenzzentrum für Robotics für alle Geschäftseinheiten der Allianz“, sagt Ashish Patel, Indienchef des größten europäischen Versicherungskonzerns.

Das Gebäude, in dem Patel die Geschäfte führt, steht im Technopark, einem Gewerbegebiet für Technologiefirmen am Stadtrand von Trivandrum. In der Nachbarschaft haben Unternehmen wie die Beratungsgesellschaft Ernst & Young oder IT-Dienstleister wie TCS und Infosys ihre Büros. Das Gras zwischen den Bürotürmen ist auf Golfplatzhöhe getrimmt, was den Park dann doch von der normalen Straßenkulisse in Trivandrum unterscheidet. Die ist nämlich durch Chaos, Lärm, Motorrikschas und Armeen an Arbeitern gekennzeichnet.

Umsatz der wichtigsten Allianz-Geschäftsfelder

Europas größter Versicherer, beheimatet in München, beschäftigt am Rand dieses Molochs neben einigen Bots auch rund 3400 Mitarbeiter. Trivandrum ist für die Münchner Drehscheibe ihrer globalen Modernisierungsstrategie und damit Prüfstein für Erfolg oder Misserfolg der Amtszeit des Vorstandschefs Oliver Bäte.

An wenig hat der 52-Jährige sein Schicksal so geknüpft wie an die erfolgreiche Arbeit der Leute hier in Indien. Denn als Bäte vor gut zwei Jahren auf den Chefsessel wechselte, übernahm der ehemalige Finanz- und Südeuropa-Vorstand einen Konzern mit Modernisierungsstau. Behäbig, zersplittert, wenig digital, so präsentierte sich Europas größter Versicherungskonzern. Im vergangenen Jahr kam die Allianz noch auf einen Umsatz von 122 Milliarden Euro, drei Milliarden weniger als im Jahr zuvor. Zwar blieb das operative Ergebnis bei knapp elf Milliarden Euro stabil, doch der Handlungsbedarf ist unübersehbar. Bäte hat seinen 140.000 Mitarbeitern deswegen eine ehrgeizige Erneuerungs- und Digitalisierungsstrategie verschrieben.

Modell Indien: Allianz-Gebäude in der südindischen Metropole Trivandrum. Quelle: Presse

Aus dem 127 Jahre alten Unternehmen soll nach dem Willen des früheren McKinsey-Beraters ein Digitalkonzern werden. Und die Fundamente dafür werden vor allem in Trivandrum gegossen. Dienstleistungen, die die Inder bislang ausschließlich für Großbritannien oder den indischen Markt erledigt haben, sollen nun global von hier geleitet werden. Hier experimentiert der Konzern mit künstlicher Intelligenz, entwickelt Apps oder tüftelt an neuen Modellen der Risikoeinschätzung. Trivandrum soll bei der Umsetzung der Reformen weit mehr sein als eine verlängerte Werkbank oder ein einfaches Outsourcing-Center mit dem banalen Ziel, die Kosten zu drücken. In Trivandrum wollen sie die Zukunft der Allianz erfinden.

„Wir bauen hier Know-how auf und hoffen, eines Tages die globale Testfabrik der Allianz zu sein“, sagt Indienchef Patel. Das aber wirft zwei Fragen auf: Kann man einen 127 Jahre alten Traditionskonzern aus München einfach mit dem Umweg Indien revolutionieren? Und was bleibt eigentlich übrig von der Allianz alten Schlags, wenn Indien zum Vorbild für den ganzen Konzern wird?

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